Verwirrung nach Explosion im New Yorker Stadtteil Manhattan

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Der Maroni-Mann: In Wolfratshausen und jetzt in Geretsried ist Ismet Ilgar (72) längst eine Institution.

Seit fast 20 Jahren verkauft er Esskastanien

Eine Institution in der Region: Ismet Ilgar ist der Maroni-Mann 

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Manche Menschen besitzen ein Herz, so groß, dass es in einer Brust eigentlich keinen Platz findet. Ismet Ilgar ist so ein Mensch. Unter seinem Namen kennen ihn wohl nicht viele zwischen Loisach und Isar. Als den Maroni-Mann schon.

Wolfratshausen/Geretsried – Seit Jahrzehnten verkauft der liebenswürdige Türke in der Herbst- und Winterzeit heiße Esskastanien, früher am Wolfratshauser Untermarkt zwischen dem ehemaligen Isar-Kaufhaus und der ebenfalls geschlossenen Tengelmann-Filiale. Heuer hat der 72-Jährige seinen Stand erstmals vor dem Isar-Kaufhaus in Geretsried aufgebaut. Inhaber Frederik Holthaus hatte ihm das schon vor zwei Jahren erlaubt, als sich in Wolfratshausen kein Plätzchen mehr für Ilgar fand. Doch der Türke pausierte – „bis mich immer mehr Leute gedrängt haben, wiederzukommen“.

Gerade ist am Stand wenig zu tun. Schmunzelnd reicht der Mann mit dem weißen Schnauzer dem Reporter die Hand, seine dunklen, warmen Augen lachen mit. „Natürlich habe ich Zeit für ein Gespräch“, sagt er fröhlich. Dann beginnt er zu erzählen.

Wolfratshausen kennen und lieben gelernt

In den späten 1960er-Jahren entschließt sich der gelernte Schreiner wie so viele seiner Landsleute dazu, sein Glück in Almanya zu versuchen. „Am 12. Mai 1968“, er erinnert sich genau, fährt der Zug aus seiner Heimatstadt Ankara im Stuttgarter Bahnhof ein. Arbeit findet er schnell im Hoch- und Tiefbau. Nach knapp zwei Monaten erhält seine Firma den Auftrag, an der Garmischer Autobahn mitzubauen. „Acht Kilometer bei Penzberg waren unser Abschnitt.“ In diesen zwei Jahren lernt Ilgar Wolfratshausen kennen – und lieben.

Doch zunächst ruft ihn die Arbeit zurück nach Baden-Württemberg. In Heidelberg findet er Jobs in einem Metallbau-Unternehmen, später auch für einige Jahre in seinem erlernten Beruf. Doch das Städtchen an der Loisach lässt Ilgar nicht los. „Mir kam es so vor, als wäre ich in Wolfratshausen geboren, das war wie Heimat für mich.“ Also zieht der Vater von fünf Kindern – alle hier geboren leben sie mit ihrer Mutter mittlerweile in der Türkei – 1992 nach Bayern. Acht Jahre ernährt er sich und seine Familie mit einem Dönerstand – bis ein zweiter, ein dritter Konkurrent das Geschäft schwierig machen. Im Baugewerbe arbeitet er seltener – der Rücken macht ihm mehr und mehr zu schaffen.

„Ich bin für die Deutschen nicht der Ausländer, sondern der Ismet“

Also setzt Ilgar, wie schon mal in Heidelberg, auf die vorweihnachtliche Lust der Deutschen auf Maroni. Sie soll ihm mit anderen Gelegenheitsjobs den Lebensunterhalt sichern. Die Arbeit macht ihm so viel Spaß, dass er sie – inzwischen im Ruhestand – beibehält. Für den 72-Jährigen ist sie „ein großes Hobby“. Zu Hause, er wohnt mit seiner Lebensgefährtin in Wolfratshausen, fällt ihm die Decke auf den Kopf, kann er nicht raus an seinen Stand. „Mir wird langweilig, wenn ich diese Arbeit einen Tag nicht mache.“ Dabei geht es ihm nicht so sehr ums Geld, mit dem er seine kleine Rente aufbessert. Ilgar liebt die Begegnung mit den Menschen. „Alle sind nett zu mir, ich nett zu ihnen, und wir unterhalten uns wunderbar.“

Ihn besuchen Erwachsene, denen er, als sie Kinder waren, heiße Maroni geschenkt hat; und Obdachlose, denen er mal Geld zugesteckt hat. Aber er gibt nicht nur, er bekommt auch zurück. Ilgar erzählt von Walter, einem inzwischen gestorbenen Tippelbruder. Der sei oft bei ihm am Stand in Wolfratshausen vorbeigekommen und habe um eine Mark oder ein paar Maroni gebettelt. Nie hörte er von Ilgar ein Nein. „Ich zahle es Dir irgendwann zurück“, schwörte Walter. Eines Tages stand der Obdachlose vor Ismet und fragte: „Brauchst Du Geld?“ Der Maroni-Mann staunte und fragte nach. Er habe aus einem Versicherungsfall 17.000 Mark erhalten, entgegnete Walter. „Du bist ein guter Kerl, hast mir immer geholfen. Ich gebe Dir 2500 Mark, solltest Du sie brauchen. Du kannst sie mir in kleinen Beträgen zurückzahlen.“ Er tue ihm sogar einen Gefallen, sagte Walter noch, denn „sonst ist das ganze Geld bald weg“. Ilgar nahm es an, schickte es seinen Kindern in die Heimat – und stotterte den Kredit in den folgenden drei Jahren per Unterschrift bei Walter ab.

Fast jeden Sommer besucht Ismet Ilgar seine Kinder in der Türkei. Was er dort sieht und erlebt, stimmt ihn traurig, seit Recep Erdogan regiert. Überhaupt nicht zufrieden sei er mit dem Staatspräsidenten, schimpft der Türke, „er spaltet das eigene Land, macht es kaputt. Ich hoffe, er ist bald weg. Ich bin für Freiheit, wie wir sie hier in Deutschland haben.“ Seit 20 Jahren arbeite er jetzt auf der Straße, sagt der 72-Jährige, und er habe nie Ärger gehabt – nicht mit den Menschen, nicht mit den Behörden. „Ich bin für die Deutschen nicht der Ausländer, sondern der Ismet. Dafür bin ich dankbar.“

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