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„Wir müssen aufwachen. Sonst ist es zu spät.“ Sagt Elfi Blank-Böckl vom Sozialen Netzwerk zur Wohnungsnot in Wolfratshausen.

„Noch nie so viele Notfälle“

Interview: Deswegen fehlt bezahlbarer Wohnraum

Wolfratshausen - Bezahlbarer Wohnraum fehlt. Damit wird Elfi Blank-Böckl vom Sozialen Netzwerk täglich konfrontiert. Wir sprachen mit ihr über Ursachen und die Einflüsse der Flüchtlingskrise.

Die Unterbringung von Asylbewerbern stellt die Gemeinden vor eine große Herausforderung. Die Zahl der Fehlbeleger in den Erstaufnahmeeinrichtungen steigt nahezu allerorts. Der Grund: Es fehlt bezahlbarer Wohnraum. Die Leiterin des Sozialen Netzwerks in Wolfratshausen ist damit tagtäglich konfrontiert. Unser Mitarbeiter Dominik Stallein sprach mit Geschäftsführerin Elfi Blank-Böckl über die Situation im Landkreis, wie sich die Flüchtlingskrise darauf auswirkt und welche Maßnahmen nötig wären.

Frau Blank-Böckl, Sie haben täglich mit Wohnungssuchenden zu tun. Wie schlimm ist die Lage?

Es ist der Wahnsinn. Das kann sich wirklich keiner vorstellen. Ständig erreichen mich neue Anfragen von Menschen und Familien, die vor dem Aus stehen. Ich bin vollkommen übernächtigt. Hier ist die Hölle los. Ich habe noch nie so viele Notfälle gehabt wie im Moment. Man könnte daran verzweifeln.

Welche Menschen sind betroffen?

Das ist sehr unterschiedlich. Niemand ist davor gefeit. Wollen Sie ein Beispiel hören?

Gern.

Ich versuche momentan fieberhaft, eine Wohnung für eine alleinerziehende Mutter und ihre fast erwachsene Tochter zu finden. Die müssen ihre jetzige Bleibe in Geretsried bald verlassen. Ich habe keine Ahnung, wie es dann für die beiden weitergeht. Noch ein Beispiel: Ich betreue einen Wolfratshauser Rentner, der Sozialhilfe bezieht. Der lebt seit über 25 Jahren in seiner Wohnung. Die ist aber leider teurer als sein Sozialhilfesatz. Das bedeutet, seine Unterstützung wird gekürzt. Er selber kann aber nichts dafür – es gibt einfach keine freie Wohnung, die behindertengerecht und bezahlbar ist. Ich habe bei bestimmt 100 Vermietern angerufen. Keine Chance.

Warum?

Manche wollen keinen Sozialhilfeempfänger. Noch dazu ist es ein älterer Herr. Die Wartelisten für bezahlbaren Wohnraum sind endlos lang. Man kann mit Wartezeiten von drei, vier, fünf Jahren rechnen.

Sind Obdachlosenunterkünfte – zumindest kurzfristig – denn keine Option?

Die Unterkünfte hier in der Gegend platzen doch aus allen Nähten. Da ist es fast unmöglich, noch Leute unterzubringen. Das zeigt das Problem ganz klar: Es gibt viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum in unserer Umgebung.

Verschärft die Flüchtlingskrise die Problematik?

Natürlich. Die Wohnungsnot wird davon noch einmal total befeuert. Das ist kein Vorwurf, aber sehen Sie sich doch nur einmal die Zahlen der vielen Fehlbeleger in den Unterkünften an. Die brauchen alle eine Wohnung in einem preislich angemessenen Rahmen. Die Zahl wird aber weitersteigen – es sind ja keine Möglichkeiten frei.

Die Situation war aber auch vor der Ankunft der Asylbewerber extrem angespannt.

Die Schuld kann man hier nicht suchen. Was ich aber nicht verstehe: Wenn Flüchtlinge beispielsweise in einer Turnhalle unterkommen, wieso können wir keine leerstehenden Gebäude für Obdachlose nutzen, damit sie kurzfristig eine Bleibe haben?

Können einzelne Bürger etwas zur Entspannung der Lage beitragen?

Natürlich gibt es die Möglichkeit, Asylbewerber zuhause aufzunehmen, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich bin der Meinung, dass hier die Stadt aktiv werden muss und sich mit der Baugenossenschaft einigen sollte. Das muss aber schnell passieren und nicht irgendwann in der Zukunft.

Wird die Problematik nicht ernst genommen?

Wäre das der Fall, würde endlich etwas passieren. Wir wissen doch nicht erst seit heute, dass es zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Wolfratshausen gibt. Das ist schon ewig klar. Selbst jetzt, wo es pressiert, gibt es keine merkliche Verbesserung. Wir müssen aufwachen. Sonst ist es zu spät.

Das Interview führte Dominik Stallein

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