1. Startseite
  2. Lokales
  3. Geretsried-Wolfratshausen
  4. Wolfratshausen

„Keiner hat mitgedacht“: Eon stellt Rentnerin (94) den Strom ab – der Grund macht Sohn fassungslos

Erstellt:

Von: Volker Ufertinger

Kommentare

Es werde Licht: Zwei Tage und eine Nacht war Anneliese Kassner (94) ohne Strom – wegen einer Formalität. Ihr Sohn Burkhard kümmerte sich um alles.
Es werde Licht: Zwei Tage und eine Nacht war Anneliese Kassner (94) ohne Strom – wegen einer Formalität. Ihr Sohn Burkhard kümmerte sich um alles. © hermsdorf-Hiss

In der Wohnung der 94-Jährigen ging auf einmal das Licht aus: Eon stellte der Rentnerin den Strom ab – weil ihr Mann vor zehn Jahren verstorben ist.

Wolfratshausen – Am Montagmorgen gingen in der Wohnung von Anneliese Kassner an der Heiglstraße plötzlich die Lichter aus. Und nicht nur die Lichter. Der ganze Strom war weg. Was für einen jungen Menschen ein kleines Ärgernis gewesen wäre, brachte die Rentnerin (94) in eine ernste Lage. Sie kann nur dank der Betreuung ihres Sohnes Burkhard und Schwägerin Angelika noch zu Hause leben, hat Pflegestufe 3. Auch mit dem Hören und Sehen ist es nicht mehr weit her. Was war da los?

Eon stellt Rentnerin (94) den Strom ab – Der Vertrag lief auf ihren verstorbenen Mann

Ihr Sohn setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um von Eon zu erfahren, was der Grund gewesen ist. Ihm fiel keiner ein. Das Unternehmen zieht die Raten regelmäßig per Lastschrift ein, man war keinen Cent schuldig. Lange Zeit verbrachte er in Warteschleifen, so lange, bis bei seinem Handy der Akku leer war.

„Ich hatte es nur mit irgendwelchen Automaten zu tun“, erzählt er. Weil er nicht absehen konnte, ob und wann der Strom wieder fließt, besorgte er bei Eisen Heinrich in Egling – er selbst wohnt in Deining – batteriebetriebene Lampen, um für seine Mutter ein bisschen Licht zu schaffen. Er erkundigte sich nach kurzfristig verfügbaren Betreuungsplätzen in Altenheim – vergeblich, nichts war frei. Es ging ein paar Stunden ziemlich hektisch zu.

Wolfratshauserin wird der Strom abgedreht - „Hat mich einigermaßen fassungslos gemacht“

Irgendwann spätabends hatte der Sohn dann doch jemanden persönlich am Apparat. „Was ich da gehört habe, hat mich einigermaßen fassungslos gemacht.“ Es stellte sich nämlich heraus, dass das Unternehmen auf dem Standpunkt steht, alles richtig gemacht zu haben. Man hatte nämlich erfahren, dass der Ehemann von Anneliese Kassner, Georg Kassner, verstorben ist – wenn auch schon vor zehn Jahren.

Weil er der offizielle Vertragsnehmer gewesen ist, hätte die Rentnerin, so der Energieversorger, den Vertrag umschreiben lassen müssen, am besten und unkompliziertesten auf der Website. Weil sie das nicht getan hat, wurde der Strom gesperrt. „Kein Mensch hat bei meiner Mutter angerufen und sich erkundigt“, sagt Kassner. „Kein Mensch hat mitgedacht.“

Mann ist seit zehn Jahren tot: Eon dreht seiner Witwe den Strom ab

Nach und nach konnte sich der Deininger zusammenreimen, was passiert war. Lange Jahre hatte seine Mutter die Rechnungen von Eon erhalten, teils nur an Georg Kassner adressiert, teils an beide Eheleute. Kürzlich machte der Sohn das Unternehmen in einer E-Mail darauf aufmerksam, dass der Name von jeher falsch geschrieben wird, nämlich „Kastner“ statt „Kassner“, verbunden mit dem kurzen Hinweis, dass der Vater vor vielen Jahren verstorben ist. Bald danach erhielt er eine „Abschlussrechnung“, bei der er sich nicht viel dachte und die er überwies. Einen Bezug zur vorangegangenen E-Mail gab es nicht. Und dann, am Montag, war der Strom weg. Zuständig für die An- und Abschaltung ist übrigens ein Subunternehmer, der von dem ganzen Vorgang sowieso nichts weiß.

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus der Region rund um Wolfratshausen finden Sie auf Merkur.de/Wolfratshausen.

Zur Ehrenrettung von Eon merkt Kassner an, dass nach dem Telefonat mit der Hotline „relativ schnell gehandelt wurde“. Am Dienstagnachmittag war ein Fachmann im Haus an der Heiglstraße und versorgte die Rentnerin wieder mit Strom. Darauf war ihm anfangs mit Hinweis auf die anstehenden Feiertage und die generelle Überlastung wenig Hoffnung gemacht worden. „Darüber bin ich wirklich froh“, sagt er. Andererseits gibt ihm der ganze Vorgang zu denken. „Bei den großen Firmen geht es offenbar nur noch darum, dass die Prozesse stimmen. Die Mitarbeiter stellen offenbar das Denken ein.“ Seine Mutter habe ein Umfeld, das sich um sie kümmert. „Aber was wäre gewesen, wenn sie keinen Sohn gehabt hätte?“ Diesen Gedanken will er lieber nicht zu Ende denken.

Eon-Sprecher bedauert Zwischenfall - „Wünschen ihr alles Gute“

Mario Leikop, Pressesprecher von Eon, bedauert die Unannehmlichkeiten. Nach seiner Darstellung kamen in letzter Zeit einige Briefe an die Eheleute zurück mit dem Hinweis, dass der Empfänger verstorben sei. Danach habe es sehr wohl Versuche der Kontaktaufnahme gegeben – allerdings vergeblich. „Danach haben wir den Vertrag beendet.“ Jetzt sei Anneliese Kassner wieder angemeldet. „Wir freuen uns, dass sie unsere Kundin bleibt und wünschen ihr alles Gute.“

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter.

Auch interessant

Kommentare