+
Die Kolperer beim Einholen des Maibaums in diesem Jahr.

Brauchtum

Erster Maibaum der Wolfratshauser Kolpinger wurde prompt gestohlen

  • Sabine Hermsdorf-Hiss
    vonSabine Hermsdorf-Hiss
    schließen

Heuer gibt‘s einen neuen Maibaum auf der alten Floßlände. Die Mitglieder des Kolpingvereins werden ihn aufstellen. 

Wolfratshausen– Er gehört zum Stadtbild von Wolfratshausen wie die Kirche St. Andreas: der Maibaum, der von den Mitgliedern der Kolpingfamilie in der Regel alle fünf Jahre an der alten Floßlände aufgestellt wird. Heuer ist es wieder soweit. Doch blättert man in der Chronik der Kolperer zurück, stellt man fest: Die Tradition ist in der Flößerstadt noch nicht so lange verwurzelt wie in anderen Städten und Gemeinden in Bayern.

Vor genau 72 Jahren, am 1. Mai 1947, hievten zahlreiche Helfer den ersten weiß-blau gestrichenen Fichtenstamm an der alten Floßlände in die Höhe. Warum dieser Brauch nicht schon früher in der Flößerstadt lebendig wurde, ist nicht bekannt. Zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging es die Kolpingfamilie schließlich an. Das Maibaumaufstellen war „ein Ereignis für unseren Ort“, notierte der Chronist des Vereins seinerzeit. Ein Ereignis, dem „große Bedeutung beizumessen ist“.

Die Fichte zur Premiere war eine Spende: „Der Bruckmeier aus Wolfratshausen“ hatte sie dem Verein großzügig überlassen. Gefällt hatte den 32 Meter langen Baum Hiasl Meier – dem allerdings bei dieser Arbeit ein folgenschweres Malheur passierte. Die tonnenschwere Fichte krachte auf den Boden – bei dem Aufprall brachen die oberen fünf Meter des Stamms ab. Die gute Stimmung der Zaungäste trübte dies nicht: „Anschließend hat ihn der Stifter die Straße hinuntergeschleift“, fasste Kolpingmitglied Hermann Wagenhäuser das weitere Geschehen zusammen. Tags darauf wurde der Baum „vom Wirt des Maislbräu (ehemalige Wirtschaft am Obermarkt gegenüber vom Vinzenz Murr, Anm. d. Red.) geholt und in den Kisselgarten gefahren.“Dort sollte er für den 1. Mai vorbereitet, das heißt, abgehobelt und lackiert werden. „Leider musste die ganze Arbeit von nur vier bis fünf Mitgliedern geleistet werden“ kritisierte Wagenhäuser. „Denn besonders die Anstifter der ganzen Maibaumangelegenheit verstanden es meisterhaft, sich vor jeder Arbeit zu drücken.“

Mit der Maibaumwache nahm man es anno 1947 offenkundig auch nicht so genau – sehr zur Freude von 15 Dorfener Burschen. Die beschlossen, dass sich der neue Wolfratshauser Maibaum prima neben dem Dorfener machen würde, der bereits „schön gestrichen“ war. In der Nacht auf den 19. April schlugen die Maibaumdiebe Diebe zu – mit Erfolg.

Nun war in Wolfratshausen guter Rat teuer. Die Burschen der Kolpingfamilie planten zunächst einen „Rückklau“. Doch davon kam man schnell wieder ab. Zwei Spione aus den Reihen der Kolperer, die in dunkler Nacht den Lagerplatz in Dorfen ausgekundschaftet hatten, verkündeten: Ein Diebstahl sei „einfach unmöglich“. Ergo entschlossen sich die Kolperer zähneknirschend, auf die Auslöseforderung der Dorfener einzugehen: „Ein Hektoliter Bier und eine Extratour beim Maitanz.“

Am 21. April kehrte der Maibaum schließlich wieder in die Loisachstadt zurück und wurde bei Michl Geiger eingelagert. „Besonders sei noch erwähnt“, notierte Hermann Wagenhäuser, „dass er ab jetzt eifrig bewacht wurde“. Dann endlich kam der große Tag: Mit Hilfe von Scherstangen, viel Muskelkraft und unter den Augen zahlreichen Neugieriger wurde der erste Maibaum an der alten Floßlände aufgestellt. Und natürlich sparten die Umstehenden nicht mit guten Ratschlägen.

Das war einige Jahre später, bei der Neuauflage 1952, nicht anders: „In der Menge fehlte Bürgermeister Winibald nicht, der mit sachverständigem Zuspruch („Ned auslassn!“) nicht kargte“, berichtete der Reporter unserer Zeitung.

sh

Lesen Sie auch: Warum‘s in Eurasburg jetzt heißt: Wachsam sein!

Auch interessant

Kommentare