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„Die Menschen so mitnehmen, dass sie die Stühle unter ihrem Hintern nicht mehr spüren“: Ihren Dokumentarfilm „Tage der Jugend“ haben der Eurasburger Zeno Legner und die gebürtige Russin Yulia Lokshina am Montagabend auf EInladung des Rotaryclubs Wolfratshausen-Isartal im Wolfratshauser Kino präsentiert.

Kontroverser Blick in andere Welt

Eurasburger dreht Film über russisches Ferienlager

Wolfratshausen – Zu einem ungewöhnlichen Filmabend lud der Rotaryclub Wolfratshausen-Isartal kürzlich ein. Zu sehen war der Dokumentarfilm „Tage der Jugend“, den ein junger Mann aus Eurasburg gedreht hat.

Lächelnd, im T-Shirt und mit Kappe, steht Zeno Legner am Eingang des Kinosaals. Neben dem 26-Jährigen aus Eurasburg beobachtet seine Kommilitonin Yulia Lokshina, wie sich der Saal fast vollständig füllt. Nur in den ersten beiden Reihen bleiben ein paar Plätze frei. Die beiden Studenten der Hochschule für Fernsehen und Film in München haben Jugendliche durch ein patriotisches Ferienlager auf der russischen Insel Sachalin begleitet. Zeno Legner stand dabei hinter der Kamera.

Vor der Vorführung treten die beiden jungen Filmemacher vor das Publikum und sagten ein paar Worte zur Entstehung des Films. „In letzter Zeit habe ich mich viel mit dem Patriotismus in Russland beschäftigt“, erzählt Yulia Lokshina. „Ich bin in Moskau geboren und habe mich gefragt: Wie kann Patriotismus so schnell so stark wachsen?“ Schließlich bot sich ihr die Möglichkeit, ein patriotisches Feriencamp zu besuchen. Sie fuhr gemeinsam mit Zeno Legner für vier Wochen nach Sachalin.

Zenos Herz gehört den Reportagen

Vor „Tage der Jugend“ hatte Zeno eher Kurzfilme und Musikvideos gedreht. Außerdem arbeitet er seit Kurzem in der Werbung: „Man muss ja auch Geld verdienen“, sagt er. Aber eigentlich gehört sein Herz den Reportagen: „Letztes Jahr war ich zum Beispiel in Moldawien. Im Februar fliegen wir, also Julia und ich, nach Hanoi. Da werden wir für „Close Up“, das auf ARD alpha läuft, eine Sendung über Vietnam drehen. Der Schwerpunkt sind illegale Mopedrennen und ehemalige GIs, die dort Führungen machen.“

Was er aus solchen Projekten mitnimmt? „Vor allem Erfahrungen“, sagt der 26-Jährige. „Man kommt in eine komplett andere Welt, und plötzlich sieht man auch zu Hause Dinge anders.“ Von Russland zum Beispiel bekomme man hier über die Medien ein sehr komprimiertes Bild. „Wenn man dort ist, sieht man die andere Seite der Medaille. Und eigentlich muss man Dinge selbst erlebt haben, bevor man darüber urteilen kann.“

Heißes Thema löst kontroverse Diskussion aus

Das Interesse des Publikums war groß, ebenso der Diskussionsbedarf nach der Vorführung.

Mit Patriotismus in Russland haben sich die beiden ein sehr heißes Thema ausgesucht. Entsprechend kontrovers verläuft die Diskussion nach dem Film. Viele Zuschauer beschäftigt die Frage, ob die Jugendlichen freiwillig an solchen Camps teilnehmen. „Die meisten schon“, antwortet Julia. „Die Schwierigkeit dabei ist vielleicht, dass die Aktivitäten wahnsinnig Spaß machen. Es handelt sich auch um eine eher sozial schwache Region, in den drei Monaten Ferien haben die Jugendlichen nicht viele Alternativen.“

Ein älterer Herr fühlt sich an so genannte Wehr-Ertüchtigungs-Lager unter Hitler erinnert. Eine Dame berichtet von ähnlichen paramilitärischen Ausbildungslagern in der DDR. Damals hätte es allerdings konkrete Feindbilder gegeben, zum Beispiel verkörpert durch Adenauer-Büsten, auf die man schoss. „In Sachalin wurde kein konkreter Feind besprochen“, erläutert Julia Lokshina. „Aber es ging schon darum, dass man bereit ist, sein Vaterland gegen Feinde zu verteidigen – wer auch immer das sein mag.“

Camps sollen auch Selbstbewusstsein vermitteln

Einen anderen Aspekt bringt eine aus Russland stammende Dame ein: „Ich habe an solchen Camps teilgenommen, und ich hatte hinterher nicht das Bedürfnis, Menschen zu erschießen. Aber was man auch sehen muss: Russland steht momentan in der Welt nicht wirklich gut da. Und solche Camps haben auch den Zweck, den Jugendlichen wieder Selbstbewusstsein zu geben.“ Der nächste Redner bezeichnet diesen Beitrag als „klassischen Fall von Gleichschaltung“. Yulia Lokshina meint dazu: „Das Selbstbewusstsein ist schon ein wichtiger Faktor. Gerade in einer eher armen Region. Das ist alles sehr vielschichtig und kompliziert. Vielleicht könnte man den Jugendlichen aber auch anders Selbstbewusstsein vermitteln als mit Idealen aus heroischen Kriegsvergangenheiten.“

Für die beiden jungen Filmemacher ist die Veranstaltung ein Erfolg. „Solche Filme müssen die Menschen so mitnehmen, dass sie die Stühle unter ihren Hintern nicht mehr spüren.“ Und das ist ihnen ganz sicher gelungen.

Von Carina Sappl

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