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Existenzangst, Bürokratie und finanzielle Sorgen machen viele Landwirte krank

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Von: Peter Borchers

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Tristesse in der Landwirtschaft: Die enorme Arbeitsbelastung, Bürokratie und finanzielle Sorgen machen Bauern zunehmend zu schaffen. Nicht selten endet der Stress in einer seelischen Erkrankung.
Tristesse in der Landwirtschaft: Die enorme Arbeitsbelastung, Bürokratie und finanzielle Sorgen machen Bauern zunehmend zu schaffen. Nicht selten endet der Stress in einer seelischen Erkrankung. © hl/Archiv

Burn-out und Depressionen sind unter Landwirten immer noch ein Tabu-Thema. Wegzuleugnen sind die Probleme jedoch nicht.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Landwirte gelten gemeinhin nicht als Menschen, die dazu neigen, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Frust über Bürokratie und mangelnde Wertschätzung, finanzielle Sorgen oder Streit in der Familie – das machen viele Bauern mit sich selbst aus. Manchmal mit gesundheitlichen Folgen: Sie leiden unter Zukunftsangst, einem Burn-out, Depressionen, manche hegen Suizidgedanken. Laut der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) warten und leiden Landwirte besonders lange, ehe sie sich Hilfe suchen. Seelische Erkrankungen seien in der Branche die zweithäufigste Ursache für Erwerbsminderungsrenten.

Die Ursachen für psychische Erkrankungen sind vielfältig. Da ist die enorme Arbeitsbelastung: Landwirte müssen ihr Vieh an 365 Tagen im Jahr versorgen. Sie können sich nicht einfach krank melden oder sich wie normale Arbeitnehmer oder zwei, drei Wochen am Stück in den Urlaub verabschieden. Das Zusammenleben und -arbeiten auf dem Hof kann ebenfalls Konflikte bergen: Wenn mehrere Generationen unter einem Dach leben, stellen sich Fragen wie: Wer hat das Sagen? Wer muss sich unterordnen?

Raus aus dem Tabu: Für Kreisbäuerin Ursula Fiechtner gehört das Thema psychische Erkrankungen unter Landwirten in die Öffentlichkeit.
Raus aus dem Tabu: Für Kreisbäuerin Ursula Fiechtner gehört das Thema psychische Erkrankungen unter Landwirten in die Öffentlichkeit. © Archiv

Genau das thematisierte vor einigen Wochen „Unser Land – das Magazin für Landwirtschaft und Umwelt“ des Bayerischen Fernsehens – ein Bericht, der hohe Wellen schlug und vielen aus der Seele sprach. Ursula Fiechtner hat ihn gesehen. Sie reagiert geradezu begeistert darauf, dass unsere Zeitung dieses „Tabu-Thema Depression“ aufgreifen möchte. „Das finde ich super“, sagt die Kreisbäuerin aus Wackersberg. Gerade erst habe sie von der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft ein Angebot erhalten, das sie sofort an die Mitglieder ihrer WhatsApp-Gruppe mit den Dorfbäuerinnen weiterleitete: Um seelischen Erkrankungen vorzubeugen, können SVLFG-Mitglieder ein Online-Training nutzen. Als zusätzliche unterstützende Lektüre empfiehlt die Kreisbäuerin das im Ulmer-Verlag erschienene Buch „Der landwirtschaftliche Familienbetrieb“.

Fiechtner vermittelt uns auch den Kontakt zu einer ehemaligen Landwirtin, die ihren richtigen Namen aus Rücksicht auf noch lebende Personen nicht in der Zeitung lesen möchte. Nennen wir sie also Antonia Liebl. Die resolute Mittsechzigerin hatte als „junge Nichtlandwirtin“ in einen Hof im nördlichen Landkreis eingeheiratet – und bei ihrer Schwiegermutter niemals einen leichten Stand. „Das Thema auf vielen Höfen ist, zumindest war es das zu meiner Zeit, die Eifersucht der Schwiegermutter.“ Die fühle sich oft zurückgesetzt, wenn eine neue Frau ins Haus kommt. Ihr Glück seien ihre starke Persönlichkeit und ihre guten Nerven gewesen, sagt Liebl, sie habe sich nicht einschüchtern oder gängeln lassen. Doch nicht alle stecken dieses Familien-Mobbing weg. „Und dann geht’s auf die Seele“. Liebl kennt einen Fall in der Nachbarschaft, „noch gar nicht so lange her. Da wurde die Schwiegertochter systematisch rausgeekelt“. Sich in einem solchen Fall Hilfe zu suchen, hält die 65-Jährige zwar für den richtigen Weg, in der Praxis jedoch oft für schwierig. „Viele haben einfach nicht die Zeit dazu. Außerdem will man nach außen hin ja unbedingt den Schein der heilen Bauernfamilie wahren.“

Antonia Liebl selbst haben während der tiefen Krisen neben ihrer „grundsätzlich positiven Lebenseinstellung“ ihre Eltern, speziell ihr Vater geholfen. „Der hat zwar nicht viel geredet, mir aber immer zugehört. Das hat mich runtergeholt, wenn ich geladen war.“ Wichtig war für Liebl zudem ihre stundenweise Arbeit in einem Büro. Mal rauszukommen, mit anderen Leuten fernab des bäuerlichen Kosmos zu tun zu haben, sei ein Elixier gewesen. „Wenn die Frauen aus den Höfen nicht mehr wegkommen, nur noch die Arbeit dort sehen, die Kinder und die Alten, dann wird die psychische Belastung zu groß im Lauf der Jahre.“

Anni Stöckl unterrichtet die Katholischen Dorfhelferinnen im Landkreis. In Münsing aufgewachsen, bewirtschaftet die zweifache Mutter mit ihrem Mann einen Einödhof in Kirchbichl bei Bad Tölz. Auch sie hat den BR-Beitrag gemeinsam mit einigen Schülerinnen gesehen und fand ihn „sehr interessant“. Werden ihre Dorfhelferinnen angefordert, werde dies offiziell „ganz selten“ mit einer seelischen Erkrankung begründet. Wenn die Helferinnen dann in die Familien gehen, merken sie aber rasch, „dass die Frauen sehr erschöpft sind oder das hinter dem Bandscheibenvorfall eine große psychische Belastung steckt. Und sie merken auch schnell, wie wichtig es ist, dass die Betroffenen neben der Entlastung mal jemand zum Reden haben.“

Rolle zwischen Tradition und Moderne

Die vielen Rollen, die gerade Frauen in der Landwirtschaft einnehmen, können überfordern, glaubt Anni Stöckl. „Da ist das Traditionelle. Man will die Werte aus der Landlust-Zeitung leben. Viele Frauen kochen gut und gerne und haben einen schönen Garten.“ Auf der anderen Seite stehe das Moderne: „Der Betrieb muss sich ständig weiterentwickeln, es müssen Richtlinien erfüllt werden, es muss gebaut werden.“ Hinzu kämen der Beruf, ein Ehrenamt, die Familie und Freunde, da werden „die Zeit knapp und der Druck groß“.

Und die Männer? Stöckl kann nur mutmaßen: „Ich glaube, dass deren Belastung fast noch höher ist. Die sind hoch motiviert. Sie haben den Hof von ihren Eltern bekommen und fühlen sich verpflichtet, ihn unbedingt gut weiterzuführen. Und das steht oft über der Gesundheit oder den eigenen persönlichen Wünschen.“ Ihr Mann Josef beispielsweise sei nie bei einer Veranstaltung im Kindergarten dabei gewesen. „Oder wenn ihre Buben am frühen Abend ein Fußballspiel hatten, war es für ihn nur selten möglich, zuzuschauen. Dabei hätte er es so gerne öfter gemacht.“

Zerrissen zwischen Tradition und Aufbruch: Anni Stöckl, Ausbilderin der Dorfhelferinnen, sieht eine Überforderung der Bäuerinnen durch ihre vielen Rollen.
Zerrissen zwischen Tradition und Aufbruch: Anni Stöckl, Ausbilderin der Dorfhelferinnen, sieht eine Überforderung der Bäuerinnen durch ihre vielen Rollen. © arp

Anni Stöckl war auch einmal in der Bäuerlichen Familienberatung tätig, „für mich eine Hauptanlaufstelle für derartige Probleme“. Ihr ehemaliger Chef sei immer wieder im Landkreis unterwegs gewesen, um Gespräche zu führen, sagt die 56-Jährige. „In der Bäuerlichen Familienberatung sind seelische Erkrankungen flächendeckend in allen Landkreisen ein Thema.“

„Das ist definitiv so“, bestätigt Peter Bartlechner. Er leitet seit dem vergangenen Jahr die für fast ganz Oberbayern zuständige Einrichtung unter der Trägerschaft der Erzdiözese München-Freising, die Landwirte in allen schwierigen Lebenssituationen unterstützt. Allerdings nähmen seine Klienten selten Worte wie Burn-out oder Depression in den Mund. „Da heißt’s dann: ,So kann’s nicht mehr weitergehen.‘ Oder: ,Ich kann nicht mehr.‘“

Interessant: Rund 80 Prozent der Erstanrufer sind Frauen, „aber die melden sich nicht selten für den Ehemann oder den Vater“. Den Diplom-Sozialpädagogen wundert dies nicht angesichts des hohen finanziellen Drucks, unter dem Bauern stehen. „Wenn sich ein Landwirt von einem externen Berater ausrechnen lässt, dass er zwischen halb fünf in der Früh und zehn Uhr auf’d Nacht für einen Stundenlohn von drei bis vier Euro arbeitet, hebt das nicht gerade die Stimmung.“

Ansprechpartner: Peter Bartlechner, Leiter der Bäuerlichen Familienhilfe, berät auch Landwirte mit seelischen Problemen.
Ansprechpartner: Peter Bartlechner, Leiter der Bäuerlichen Familienhilfe, berät auch Landwirte mit seelischen Problemen. © hl/Archiv

Pandemie als Verstärker seelischer Nöte

Normalerweise wenden sich überwiegend Bäuerinnen und Bauern mittleren Alters in der Beratungsstelle. Seit Beginn der Pandemie suchen auffällig viele junge Frauen Hilfe bei Bartlechner. „Die hat’s durch diese Mehrfachbelastung derbröselt“, sagt er. Als sich auf die normale Arbeit, die Direktvermarktung, die Pflege der Alten auf dem Hof auch noch das Homeschooling draufsattelte, „war die Grenze erreicht“. Auch der Generationenkonflikt und Probleme bei der Übergabe des Betriebs an die Jüngeren seien auf den Höfen immer wieder ein großes Thema. Da fielen dann solche Sätze wie: „Seit der Sohn verheiratet ist, ist alles ganz anders.“

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Bartlechner versucht, den Betroffenen in Gesprächen oder einer „klassische Mediation“ zu helfen – und spürt, wie gut es ihnen tut, wenn das Gegenüber Verständnis und Empathie aufbringt. „Manchmal denke ich mir danach: Mei, was für ein furchtbares Gespräch.“ Und dann merkt er, dass seine Klienten das viel positiver gesehen haben. „Die sind einfach nur froh, dass sie vielleicht nach Jahren des Schweigens wieder miteinander geredet haben. Das ist dann schon der erste Erfolg.“

peb

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Unterstützung finden Betroffene hier:

• Bäuerliche Familienberatung, Münchner Straße 1 83620 Feldkirchen-Westerham, Telefon: 01 51/12 20 42 67;

Leiter: Peter Bartlechner (E-Mail-Adresse pbartlechner@eomuc.de; Bürozeiten: Dienstag 8.30 bis 18 Uhr, Mittwoch 8.30 bis 12.30 Uhr; Termin nach Vereinbarung;

• Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG): Krisenhotline bei Sorgen um den Betrieb, Stress am Arbeitsplatz, Konflikte in der Familie, kritische Lebensereignisse, Telefon 0 56 17 85/1 01 01, 24 Stunden und 7 Tage die Woche; Online-Gesundheitstrainings unter www.svlfg.de/online-training;

• Lektüre: „Der landwirtschaftliche Familienbetrieb - Stärken nutzen, Herausforderungen meistern“ von Maike Aselmeier, Rolf Brauch, Thomas Dietrich, Eva-Maria Schüle, Ulmer-Verlag, 24,90 Euro.

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