Multiplikator: Über drei Luftschächte zog hochgiftiger Rauch in eine Tiefgarage am Moosbauerweg, in der rund 40 Autos standen. Alle Fahrzeuge müssen nun aufwendig brandsaniert werden. Sachverständiger Thomas Schwarzmann macht sich in diesen Tagen ein Bild vom ganzen Ausmaß der Schäden.
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Multiplikator: Über drei Luftschächte zog hochgiftiger Rauch in eine Tiefgarage am Moosbauerweg, in der rund 40 Autos standen. Alle Fahrzeuge müssen nun aufwendig brandsaniert werden. Sachverständiger Thomas Schwarzmann macht sich in diesen Tagen ein Bild vom ganzen Ausmaß der Schäden.

Hochgiftige Kettenreaktion

Fahrzeugbrand am Moosbauerweg: Schadenshöhe wird die Million-Grenze überschreiten

  • vonPeter Borchers
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Der Alptraum eines Autofahrers, dessen Wagen am Samstagabend in Flammen stand, könnte sich ausweiten: Viele weitere Fahrzeuge wurden durch giftige Gase kontaminiert. Die Schadenshöhe dürfte siebenstellig ausfallen.

Wolfratshausen – Der Vergleich wird oft bemüht, ist aber wohl selten so zutreffend wie im Fall des Autobrands am Samstagabend am Wolfratshauser Moosbauerweg. Was sich Passanten, Feuerwehr und Polizei – sie sprach letztlich von rund 15 000 Euro Schaden – darbot, ist nur die Spitze des Eisbergs. „Der Schaden wird eine Million Euro überschreiten“, sagt Thomas Schwarzmann, und der Kfz-Gutachter und Brandsachverständige aus Waldkraiburg spricht nur für sein Metier. Für eventuelle Schäden am Haus, vor dem das Auto eines bedauernswerten Wolfratshausers ausbrannte, sind andere Experten zuständig. So viel traut sich Schwarzmann aber zu sagen: „Auch das Gebäude ist betroffen.“

Wie berichtet hatte der 41-jährige Autofahrer Rauch aus dem Motorraum aufsteigen sehen, seinen Wagen auf ein Grundstück gelenkt und verlassen. Dort brannte es komplett aus, zudem sprang das Feuer auf ein geparktes Fahrzeug über. Zwei weitere Pkw wurden durch die enorme Hitzeentwicklung ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen.

Das ganze Ausmaß des Schadens verdeutlichte sich jedoch erst am Sonntag, als Gutachter Schwarzmann sich die Sache vor Ort ansah. „Fahrzeugbrände sind hochgiftig, fallen in die höchste Schadstoffklasse 3. Bei solchen Bränden sind Fahrzeuge im Umkreis von rund 100 Metern um den Brandherd durch die Rauchgase verunreinigt und kontaminiert“, so der Experte, die Wissenschaft spreche sogar von einem betroffenen Umkreis von „500 Metern ohne Wind“. Was den vorliegenden Fall so schwerwiegend macht: Über drei Lüftungsschächte unterhalb der Balkone des Gebäudes in nicht einmal 20 Meter Entfernung vom Brandherd zogen die giftigen Gase in eine Tiefgarage. Dort waren laut Schwarzmann geschätzt 40 Autos geparkt. „Die komplette Tiefgarage ist kontaminiert. Dort stinkt es wie die Pest.“ Die Folge: Die Autos dürfen weder gewaschen noch bewegt werden, bevor sie nicht fachgerecht brandsaniert wurden.

Die komplette Tiefgarage ist kontaminiert. Dort stinkt es wie die Pest. 

Kfz-Gutachter und Brandsachverständiger Thomas Schwarzmann

Und das ist aufwendig und teuer: Zwischen 4000 und 9000 Euro – je nachdem ob Kleinwagen oder große Limousine und den daraus resultierenden Montagearbeiten – kostet eine solche Sanierung. Erst danach ist das Auto zertifiziert schadstofffrei. In Deutschland gibt es für solche Spezialreinigungen genau eine Firma. Sie zerlegt in einer Dekontaminationskammer unter Hochdruck komplett den Fahrzeuginnenraum – Sitze, Teppiche, Dachhimmel, Türverkleidungen, Armaturenbrett – und entgiftet alle Teile. Danach folgt die Reinigung. Außen werden Stoßfänger, sämtliche Leuchten und Wasserkastenabdeckungen demontiert und entgiftet. Überdies müssen alle Filter ausgetauscht werden. Pro Auto veranschlagt der Experte eine Arbeitszeit von rund einer Woche. Zu den Kosten für die Brandsanierung addieren sich weitere für Leihwagen beziehungsweise Entschädigungen für den Nutzungsausfall. „Eine Wertminderung gibt es nicht, denn Brand zählt als Verunreinigung, und wenn die fachgerecht beseitigt ist, bleiben keine Spuren zurück.“ Aufkommen muss für alles letztlich die Haftpflichtversicherung des 41-Jährigen, dessen Auto Ausgangspunkt der folgenschweren Kettenreaktion war.

Lebensgefährliche Dioxinvergiftung möglich

Würden die Autos nicht dekontaminiert, könnten die Folgen fatal sein. „Die Rauchgasbeaufschlagung wird in Verbindung mit Wasser zu Salzen und Blausäure. Das verursacht Folgeschäden“, erklärt Thomas Schwarzmann. Schlimmer aber wäre es, würden betroffene Fahrzeughalter ihr Auto wissentlich oder unwissentlich nicht brandsanieren lassen. Schwarzmann spricht in einem solchen Fall von einer drohenden „Dioxinvergiftung“, die tödlich enden könne. Das Gift ist farb- und geruchslos. Sehen kann man es nur in Verbindung mit Wasser. Dann entstehen Flecken, die sich nicht entfernen lassen. In hoch konzentriert vergifteten Innenräumen müssten sich Kinder nach etwa einer Stunde Fahrt erbrechen, erklärt der Waldkraiburger, „bei Erwachsenen zeigen sich zunächst Symptome wie Kopfschmerzen. Wer dann immer noch nicht wahrhaben möchte, dass etwas nicht stimmt, dem ist nicht mehr zu helfen“. Endstation ist dann der Baum am Straßenrand oder der Gegenverkehr.

Um solche Horrorszenarien auszuschließen, dokumentiert Schwarzmann die Kennzeichen aller Fahrzeuge, die sich bei einem Brand vor Ort befunden haben. „Über eine Datenbank können wir sehr leicht kontrollieren, welche Fahrzeuge saniert wurden und welche nicht.“ Letztere würden dem Kraftfahrtbundesamt und dem Verkehrsministerium des jeweiligen Bundeslands gemeldet. „Die sorgen dann dafür, dass das betreffende Auto gerichtlich außer Betrieb gesetzt wird.“

Warum er als Sachverständiger so schnell vor Ort war? Dafür hat Schwarzmann eine einfache Erklärung. „Uns liegt es am Herzen, die Leute sofort aufzuklären, weil es sonst keiner tut.“ Selbst die Versicherungen würden Gutachten über 200 Euro schreiben, „obwohl sie besser wissen, wie eine Brandsanierung aussehen muss. Das deklariert man aber oft nicht einmal als Gutachten, sondern als Kalkulation“. Letztere sei nicht gerichtsverwertbar. „Sollte es zu einer Verhandlung kommen, sagt Ihnen der Richter dann: ,Sie haben doch das Angebot angenommen‘.“

peb

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