Der Feuerwehrmann Alexander Dichtl findet keine bezahlbare Wohnung.
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Der Feuerwehrmann Alexander Dichtl findet keine bezahlbare Wohnung.

Laut Kommandant kein Einzelfall

Junger Familienvater muss Freiwillige Feuerwehr verlassen: Sein Schicksal teilen viele seiner Kameraden

  • Sabine Hermsdorf-Hiss
    VonSabine Hermsdorf-Hiss
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Alexander Dichtl verlässt schweren Herzens die Wolfratshauser Feuerwehr. Der Grund gibt nicht nur Kommandant Andreas Spohn zu denken.

Wolfratshausen – In erster Linie ist der Facebook-Post der Feuerwehr Wolfratshausen als ein Abschiedsgruß für ihren langjährigen Kameraden Alexander Dichtl gedacht. Doch der zweite Satz, der im sozialen Netzwerk von der Wehr zu lesen ist, ist brisant: „Durch die Knappheit von bezahlbarem Wohnraum verlieren wir unseren Gruppenführer, Maschinisten, Taucher und immer gut gelaunten Kameraden.“

Es hat immer Spaß gemacht, Eure Kameradschaft sucht ihresgleichen.

Alexander Dichtl

Der 30 Jahre alte Dichtl trat vor 16 Jahren der Feuerwehr bei, war also bis heute mehr als die Hälfte seines Lebens bereit, sich ehrenamtlich für andere einzusetzen. „Egal ob an Land, auf oder unter Wasser, und egal, wie anstrengend es war“, schreibt er unter einen Bilderblock in sozialen Medien, in dem er auf seine Einsatzzeit als Wolfratshauser Feuerwehrmann zurückblickt. Seine Bilanz: „Es hat immer Spaß gemacht, Eure Kameradschaft sucht ihresgleichen.“

Mit Leib und Seele Feuerwehrmann: Alexander Dichtl. Der 30-Jährige findet in der Flößerstadt keine bezahlbare Wohnung für seine kleine Familie und zieht fort. Somit muss er auch Abschied von der Wolfratshauser Feuerwehr nehmen.

Doch neben Beruf und Feuerwehr gibt es noch ein anderes Leben, nämlich das mit der Familie. Alexander Dichtl wohnte mit seiner Ehefrau und der einjährigen Tochter bislang in einer 63 Quadratmeter großen Wohnung in Wolfratshausen, die in den 1970er-Jahren gebaut worden war. Der Mietpreis liegt bei „1100 Euro warm“, verrät Dichtl im Gespräch mit unserer Zeitung.

Feuerwehrmann verlässt Wolfratshausen: Es ist die Flucht vor dem überhitzten Wohnungsmarkt

Da der Wunsch nach einem zweiten Kind im Raum steht, begannen der 30-Jährige und seine Frau die Recherche: „Wir machten uns auf dem Immobilienmarkt kundig.“ Das Ergebnis: Die benötigte Wohnung ist für das junge Paar nicht bezahlbar. „Ich habe zwar als Meister bei Eagle-Burgmann nicht schlecht verdient, aber wie soll ich monatlich zwischen 1700 Euro und 1800 Euro warm für eine Drei- oder Vierzimmerwohnung aufbringen?“ Zumal weitere Lebenshaltungskosten in dieser Rechnung noch gar nicht enthalten seien. Eine Wohnung oder ein Haus kaufen? Das ist für die Dichtls keine Alternative, nachdem sie auch diese Option geprüft haben. Eine 110 Quadratmeter große Vierzimmerwohnung wird aktuell für 795.000 Euro angeboten, 120 Quadratmeter mehr kosten noch mal rund 100.000 Euro obendrauf. Die Konsequenz: Die Familie verlässt die Loisachstadt nun in Richtung südöstliches Oberbayern.

In den vergangenen fünf Jahren haben uns genau aus diesem Grund schon acht bis zehn Kameraden verlassen, genauer gesagt verlassen müssen. 

Andreas Spohn, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Wolfratshausen

Die Folgen der exorbitant hohen Miet- und Kaufpreise in Wolfratshausen bekommt die Freiwillige Feuerwehr nicht zum ersten Mal zu spüren: „In den vergangenen fünf Jahren haben uns genau aus diesem Grund schon acht bis zehn Kameraden verlassen, genauer gesagt verlassen müssen“, gibt Erster Kommandant Andreas Spohn zu bedenken. Er selbst hat in diesem Zusammenhang schon oft Alarm geschlagen, sogar im aktuellen Feuerwehrbedarfsplan, den, wie berichtet, der Gutachter Stephan Rudolph im Auftrag der Stadt erstellt hat, weist der Ingenieur auf die akute Notwendigkeit von bezahlbarem Wohnraum hin. Andernfalls drohen Feuerwehr – und andere Vereine und Institutionen – mangels Nachwuchs langfristig im schlimmsten Fall auszusterben. Dann hieße das Motto für die Bürger im Brandfall: Drehleiter steht vollgetankt auf dem Marienplatz, der Schlüssel steckt, Atemschutzgeräte liegen auf dem Rücksitz.

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„Das Idealste wäre natürlich, wenn der Feuerwehrdienstleistende sowohl in Wolfratshausen lebt als auch hier arbeitet, damit rund um die Uhr genügend Einsatzkräfte gestellt werden können“, meint Spohn. „Man kann zwar bei zwei Wehren Mitglied sein“, erläutert Dichtl, „einmal in seiner Heimatstadt sowie bei der Wehr, die in der Nähe des Arbeitsplatzes liegt.“ Doch für beide Varianten gilt: Die Gerätehäuser müssen für die Einsatzkräfte bei Alarm schnell erreichbar sein, damit die gesetzlich vorgeschriebene zehnminütige Hilfsfrist eingehalten werden kann.

Zu teurer Wohnraum: Feuerwehrkommandant erklärt das Dilemma

Wenn beispielsweise ein Wolfratshauser Feuerwehrler im neun Kilometer entfernten Höhenrain (Landkreis Starnberg) wohnt und im Ernstfall erst den Wolfratshauser Berg hinunterfahren muss, „macht das keinen Sinn“, stellt Spohn fest. Darüber hinaus weist der Kommandant auf das Dilemma hin: „Wir bilden jeden mit großer Sorgfalt aus – und dann verlieren wir den Kameraden beziehungsweise die Kameradin, weil sie sich das Leben hier nicht mehr leisten können. Irgendetwas muss sich dringend ändern.“ (sh)

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