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Am Einsatzort statt am Arbeitsplatz: Hunderte ehrenamtliche Kräfte wurden wie hier in Egling in den vergangenen Tagen im Landkreis dringend gebraucht. 

Nach fünf Tagen Katastrophenfall 

Feuerwehrleute kehren an ihren Arbeitsplatz zurück

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
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Fünf Tage dauerte der Katastrophenfall im Landkreis, praktisch rund um die Uhr trotzten Helfer den Schneemassen. Jetzt kehren sie wieder an ihren Arbeitsplatz zurück - und finden viel Arbeit vor, die liegen bleiben musste. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Alltag hat sie wieder, all die Feuerwehrleute, die in den vergangenen Tagen den Landkreis vor dem Schlimmste bewahrt haben. Der neue Kreisbrandinspektor Nord, Erich Zengerle, hat Tag und Nacht damit verbracht, dem Schnee zu trotzen. „Nachts haben wir die Pläne gemacht, tagsüber waren wir im Einsatz“, berichtet der 50-Jährige. Jetzt, nachdem er zwei Nächte lang Schlaf nachgeholt hat, ist der Schreinermeister wieder in seiner Werkstatt am Reisererweg in Egling angekommen und steht vor einem Berg an Arbeit, der notgedrungen liegen geblieben ist. „Das muss jetzt halt Schritt für Schritt nachgeholt werden“, sagt er. „Aber das wird schon.“

Die Situation an sich ist dem Eglinger nicht neu. Klar, normalerweise dauert ein Einsatz nicht Tage wie in diesem Katastrophenfall, sondern nur ein paar Stunden. Doch dass er seine Arbeit von jetzt auf gleich stehen und liegen lassen muss, um anderen zu helfen, ist für ihn Normalität. „Ich kenne es nicht anders“, sagt Zengerle. Seinen Betrieb führt er ganz allein. Wenn es hart auf hart kommt, hilft ihm ein Schreinerkollege aus dem Ort, mit dem er größere Projekte stemmt.

Erich Zengerle, Kreisbrandinspektor Nord

Auch die großen Betriebe sind inzwischen wieder vollzählig. Etwa der Dichtungshersteller Eagle-Burgmann, mit 1400 Mitarbeitern an den Standorten Eurasburg und Wolfratshausen der größte Arbeitgeber im Nordlandkreis. Viele Feuerwehrmänner und -frauen, die in den vergangenen Tagen auf Teufel komm raus Dächer freigeschaufelt haben, kehren in ihre Büros zurück. Wie viele es genau waren, kann die Pressesprecherin von Eagle-Burgmann, Ulrike Ballnath, nicht abschätzen. „Jeder Einsatz muss vom Kommandanten bestätigt werden“, sagt sie. Und die Bescheinigungen kommen erst nach und nach im Personalbüro an.

Für Eagle-Burgmann ist es Normalität, dass die ehrenamtlichen Feuerwehrkräfte immer wieder plötzlich und ohne Vorwarnung ihren Arbeitsplatz verlassen, um irgendwo irgendwem zu Hilfe zu eilen. Grundsätzlich müssen sich Mitarbeiter beim Vorgesetzten abmelden und nach dem Einsatz wieder anmelden. „Das ist so, als ob man zum Arzt geht“, erklärt Ballnath. Auf den Kosten – sprich der entgangenen Arbeitszeit des Mitarbeiters – bleibt ein Betrieb nicht zwangsläufig sitzen. Theoretisch kann er der jeweiligen Kommune eine Rechnung stellen. „Aber das hängt von einer Reihe von Faktoren ab“, so Ballnath.

Viele Rathäuser gehen mit gutem Beispiel voran. Sie begrüßen es, wenn Mitarbeiter in Rettungsorganisationen tätig sind, auch wenn sie dann mal plötzlich weg sind. „Wir Kommunen müssen in dieser Hinsicht leuchtende Vorbilder sein“, sagt der Eurasburger Bürgermeister Moritz Sappl. Eurasburg ist ohnehin ein Sonderfall, denn hier ist der Bürgermeister zugleich Kommandant der Beuerberger Feuerwehr – und wird selbst in unvorhersehbaren Momenten zu Einsätzen gerufen.

Wie Rathauschef Sappl erklärt, gehören in seiner Gemeinde viele Feuerwehrleute dem Bauhof an. Bei ihnen ist es eine Abwägungssache, ob es sinnvoll ist, wenn sie ihre Arbeit für einen Einsatz unterbrechen. „Es gibt hoheitliche Aufgaben, etwa das Freiräumen von Straßen.“ Wenn also ein Bauhof-Mitarbeiter das Räumen der Straße von Schnee einstellt, kann er dieselbe Straße später als Feuerwehrmann auch nicht nutzen.

Die Feuerwehr Beuerberg, die Sappl kommandiert, ist wegen der geografischen Nähe vor allem für die Autobahn zuständig. Hin und wieder kommt es vor, dass beim Ratshauschef zu Bürozeiten der Piepser geht. Dann rückt er selbstverständlich mit aus. „Wir haben ja Erfahrungswerte, wie lange so ein Einsatz dauert, nämlich durchschnittlich 60 bis 90 Minuten.“ Die Verwaltung läuft in der Zwischenzeit ganz normal weiter, und irgendwann ist der Bürgermeister wieder erreichbar.

Bisher hat Sappl noch nie wegen seiner Bürgermeisterpflichten einen Einsatz absagen müssen. Denkbar ist es aber durchaus. „Wenn ich etwa einen Notartermin in Wolfratshausen hätte, dann würde es keinen Sinn machen, weil ich nicht schnell genug vor Ort sein könnte“, sagt er. Anderes Szenario: Eine Trauung. Wenn zwei Bürger seiner Gemeinde sich das Ja-Wort geben und plötzlich der Alarm-Piepser schrillt, wüsste Sappl, wie er sich entscheidet – für die Trauung. Ein solcher Fall ist ihm zwar bis jetzt erspart geblieben, doch er kann jederzeit eintreten. Notfälle kommen eben aus dem Nichts.

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