Floßfahrt auf der Loisach.
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Testfahrt: Zu Zeiten der Schwarz-Weiß-Fotografie steuerte Altbürgermeister Erich Brockard (vorne, mit Hut) nach eigenen Angaben „unter Aufsicht des Floßmeisters Sebastian Seitner“ ein Holzgefährt über die Loisach durch die Wolfratshauser Altstadt.

Zank um Floßrutsche in Wolfratshausen

Flößerei in Gefahr: Altbürgermeister geht mit Amtsnachfolgern hart ins Gericht

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Wolfratshausens Altbürgermeister Erich Brockard (83) lässt nicht locker. Er fürchtet um die Flößerei - und spart nicht mit Kritik an der Stadt und den Floßmeistern.

Wolfratshausen/Lechbruck – Das Herz von Altbürgermeister Erich Brockard schlägt für das Flößerhandwerk in der Loisachstadt. Konkret kämpft der 83-Jährige, der seit langer Zeit in Lechbruck im Ostallgäu lebt, für den Erhalt der Floßrutsche am Kastenmühlwehr. In einem Brief an unsere Zeitung geht Brockard erneut mit seinen Amtsnachfolgern und den Stadträten hart ins Gericht.

Die Flößerei müsse in der internationalen Flößerstadt „erlebbar“ gemacht werden: Diese Forderung hatte Kulturreferent Alfred Fraas (CSU) vor einigen Monaten erhoben. Ihm schweben Fahrten auf der Loisach durch die Altstadt vor. Doch zum einen haben die zwei Wolfratshauser Flößereibetriebe bereits abgewunken, zum anderen können die tonnenschweren Holzgefährte die seit 1999 ungenutzte Rutsche auf der Ostseite des Kastenmühlwehrs nicht passieren. Nach Beschluss des Stadtrats ließ Bürgermeister Klaus Heilinglechner ein Ingenieurbüro für Wassertechnik prüfen, was die Instandsetzung der Floßgasse kosten würde. „Sanierungsmaßnahmen und Unterhaltskosten liegen im sechsstelligen Bereich“, berichtete der Rathauschef anschließend. Der Rat nahm diese Info zur Kenntnis, im Haushalt für 2021 stellten die Bürgervertreter kein Geld für die Maßnahme bereit.

Es ist mir unverständlich, dass die Stadt zu allem, was sie realisieren möchte, teure Studien und Gutachten benötigt.“ 

Altbürgermeister Erich Brockard

Brockard, von 1966 bis 1978 ehrenamtlicher Bürgermeister von Weidach, im Anschluss bis 1990 sozialdemokratischer Rathauschef in Wolfratshausen, kann die Debatte nicht nachvollziehen. Davon abgesehen, dass sein Brandbrief, den er im Dezember Bürgermeister Heilinglechner schrieb, bis heute nicht beantwortet worden sei, stellt der 83-Jährige fest: „Es ist mir unverständlich, dass die Stadt zu allem, was sie realisieren möchte, teure Studien und Gutachten benötigt.“ Früher war bekanntlich alles besser. Für die vielen Dutzend Projekte, die in seiner 24-jährigen Amtszeit – böse Zungen sprechen von Regentschaft – in die Tat umgesetzt worden seien, habe es keiner Expertisen bedurft.

Hätte die Stadt die Floßgasse bei Hochwasser geöffnet...

Das Kastenmühlwehr, so Brockard, sei Eigentum des Freistaats. Lediglich für Wartung und Bedienung sei die Kommune verantwortlich. Und dies „hat zu meiner Zeit die Stadt keinen Pfennig gekostet“, erinnert sich der 83-Jährige, denn „das hat ein Bauhof-Facharbeiter nebenbei erledigt“. Der Wahl-Allgäuer schenkt den Wasserbau-Ingenieuren wenig Glauben: Die „Gangbarmachung der Floßgassentechnik“ könne sicherlich „mit Hilfe und Unterstützung des Schleusenwärters vom Kraftwerk Mühltal“ preisgünstig realisiert werden. Wahrscheinlich, so der Altbürgermeister, sei die Mechanik nur „eingerostet“ – was auf die „vernachlässigte Wartung“ von Seiten der Stadt zurückzuführen sei. Apropos Versäumnisse: Hätte die Stadt bei Hochwasser die Floßgasse am Wehr geöffnet, „dann wäre der Kies weggeschwemmt und im Flussbett verteilt worden und dadurch zugleich ein idealer Laichplatz für Fische entstanden“. Das hätte ihn als „langjährigen Loisach-Fischer“ sehr gefreut. Doch da es Stadtverwaltung und Kommunalpolitikern an „Praxisdenken“ mangele, sei sozusagen das Kind schon vor Jahren in den Brunnen gefallen.

Altbürgermeister unternahm Testfahrt

Auch die Flößereibetriebe Josef Seitner und Franz Seitner müssen sich Kritik vom frisch gebackenen „VIP“-Mitglied des Wolfratshauser Vereins Flößerstraße gefallen lassen. Dass die zwei Floßmeister Fahrten vom Ufer des Wertstoffhofs durch die Altstadt und weiter zur Zentrallände in München-Thalkirchen unisono ablehnen, sei „kein Zukunftsdenken“, sondern offenbare das „reine Geschäftsdenken“ der Familienbetriebe. Denn die Flößer hätten „einzig und allein“ kein Interesse daran, dass sich die Fahrzeit um zirka eineinhalb Stunden verlängern würde. Eine Zeitangabe, die laut Brockard im Übrigen „nicht stimmt“. Er selbst habe mit dem ehemaligen Floßmeister Sebastian Seitner vor vielen, vielen Jahren eine Testfahrt über die Loisach durch die Altstadt unternommen. Nicht zuletzt, „um die Durchfahrtshöhe der Brücken“ zu prüfen. Das Ergebnis: Die Fahrt dauerte rund 20 Minuten, den Kopf gestoßen habe sich niemand.

Die Flößer kommen und geh’n, jedoch die Flößerstadt Wolfratshausen mit Floßgasse muss fortbestehen.“

Altbürgermeister Erich Brockard

Das Fazit des Altbürgermeisters: Mit „hochgeschaukelten Zahlen“ werde versucht, die Instandsetzung der Floßrutsche zu verhindern – und damit den Weg für den Rückbau der Floßgasse frei zu machen. Das dürfe nicht geschehen, betont Brockard mit Nachdruck – und schließt seinen Brief mit einem kurzen, selbstverfassten Reim: „Die Flößer kommen und geh’n, jedoch die Flößerstadt Wolfratshausen mit Floßgasse muss fortbestehen.“ (cce)

Lesen Sie auch: „Es ist fünf vor zwölf“ - Wolfratshauser Flößereibetrieb fürchtet um Fortbestand.

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