Ein Wehr.
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Das Kastenmühlwehr in Wolfratshausen als Standort für ein Stromkraftwerk: Diese Anfrage des Betreibers der Weidachmühle wurde von den Stadträten diskutiert – doch das Vorhaben liegt auf Eis.

Floßrutsche am Kastenmühlwehr

Flößerei vor dem Aus? Kulturreferent korrigiert Wolfratshauser Rathauschef

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Die Floßrutsche in Wolfratshausen scheint nicht in Stein gemeißelt. Kulturreferent Alfred Fraas widerspricht in diesem Punkt Bürgermeister Klaus Heilinglechner.

  • Die Floßrutsche am Kastenmühlwehr in Wolfratshausen ist seit 1999 ungenutzt.
  • Dennoch sei ein Rückbau nie Thema gewesen, sagt Bürgermeister Heilinglechner.
  • Stimmt nicht, widerspricht Kulturreferent Fraas - und verweist auf das Protokoll einer Bauausschuss-Sitzung aus dem Jahr 2018.

Wolfratshausen – Altbürgermeister Erich Brockard ist nach eigenen Worten „zu Ohren gekommen“, dass die seit 1999 ungenutzte Floßrutsche am Kastenmühlwehr „beseitigt“ werden soll (wir berichteten). Das, so der 83-Jährige, der im Ostallgäu lebt, könnte das Ende der Flößerei in der internationalen Flößerstadt einläuten. Rathauschef Klaus Heilinglechner (BVW) erklärte auf Nachfrage unserer Zeitung: „Es stand bisher nie zur Debatte, dass die Floßrutsche am Kastenmühlwehr beseitigt werden soll.“ Stimmt nicht, stellt dagegen Kulturreferent Alfred Fraas fest. Als Beleg verweist der CSU-Stadtrat auf die Niederschrift der Bauausschusssitzung vom 7. Januar 2018. Demnach meldete das Fachgremium keine grundsätzlichen Bedenken gegen den Rückbau der Floßgasse am östlichen Loisachufer an, sollte an der Stelle ein Restwasserkraftwerk gebaut werden, das regenerativ erzeugten Strom produziert.

Strom für etwa 295 Haushalte

Der Vorschlag, am Kastenmühlwehr ein solches Kraftwerk zu bauen, war vor rund drei Jahren im Zuge der Planungen für die künstliche Surfwelle in Weidach vom Münchner Ingenieurbüro RMD-Consult vorgestellt worden. Die Idee kam unter unter anderem beim Wasserwirtschaftsamt Weilheim und der Unteren Naturschutzbehörde gut an. Laut ersten Berechnungen des potenziellen Betreibers, der auch das Kraftwerk an der Weidachmühle unterhält, könnten knapp 1,2 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugt werden. Das entspricht dem Verbrauch von etwa 295 Haushalten.

Aber: Mit dem Bau des Kraftwerks auf der östlichen Uferseite wäre die Floßrutsche Geschichte und die Flößer der theoretischen Möglichkeit beraubt, die Holzgefährte auf Höhe des Wertstoffhofs zusammenzubauen – und über die Loisach und die Rutsche nach Weidach beziehungsweise weiter nach München zu fahren. Genau dies wünscht sich Kulturreferent Fraas, der die Flößerei in der Altstadt „erlebbar“ machen will. Allerdings wäre die von ihm angeregte „Revitalisierung“ der seit Jahrzehnten unbrauchbaren Floßrutsche laut Machbarkeitsstudie sehr kostspielig. Zudem haben die zwei Wolfratshauser Flößerbetriebe kein Interesse daran, Fahrten zwischen Wertstoffhof und Weidach anzubieten. Bis auf den Tag gibt’s auch keine Genehmigung des Landratsamts, die Loisach oberhalb des Kastenmühlwehrs befahren zu dürfen. Fraas hatte zwar angekündigt, einen solchen Antrag stellen zu wollen, doch getan hat er es laut Kreisbehörde nicht.

Altbürgermeister Brockard warnte Rathauschef Heilinglechner in einem Brief: Wenn die Anwohner der Floßlände in Weidach des Lärms überdrüssig würden und sie vor Gericht erstreiten würden, dass die Holzgefährte nicht länger in Weidach zusammengehämmert werden dürften, dann bliebe ja noch das Areal am Wertstoffhof. Doch ohne Floßrutsche am Kastenmühlwehr sei dieser Alternativstandort wertlos und das Ende der traditionsreichen Flößerei besiegelt. Sehr viel Konjunktiv, sehr viel Kristallkugel, meint dazu der Bürgermeister.

Wasserwirtschaftsamt hat keine grundsätzlichen Bedenken

Fest steht: Das Wasserwirtschaftsamt Weilheim hegt keine grundsätzlichen Bedenken gegen die Nutzung der 1999 angelegten Floßgasse als Standort für ein Stromkraftwerk. Auch die Mitglieder des Bauausschusses zeigten sich aufgeschlossen – verlangten aber aufgrund der Tragweite einer solchen Entscheidung weitere Details zu dem Vorhaben.

Nach einer Vorberatung hinter verschlossenen Türen präsentierte Bürgermeister Heilinglechner dem Stadtrat im Juni 2018 gleich zwei Vorschläge: eine Anfrage des Eigentümers der Weidachmühle zum Bau eines Restwasserkraftwerks sowie der Einbau eines Schachtkraftwerks durch die Stadtwerke Wolfratshausen. Letzteres, so der Tenor im Rat, sollte jedoch an der Westseite des Kastenmühlwehrs installiert werden – die Floßrutsche bliebe damit unangetastet.

Eine Entscheidung fällte der Stadtrat bis auf den Tag nicht. Überfraktionell war man sich einig, dass die Floßgasse erhalten bleiben soll. Die Option, Flöße über die Loisach durch die Altstadt fahren zu lassen, wollte das Gremium nicht vorschnell aufgeben. Helmut Forster, heute Sprecher der Liste Wolfratshausen, vertrat die Meinung: Erst müssten alle Fragen rund ums Wasser- und Floßrecht beantwortet sein, dann könne ein Beschlussvorschlag formuliert werden. Seither liegt das Thema auf Eis. Weder Weidachmühlen-Besitzer noch Stadtwerke reichten im Rathaus einen Antrag auf Vorbescheid beziehungsweise einen Bauantrag ein.

Aussage des Rathauschefs „sehr gewagt“

Nichtsdestotrotz: Die Aussage Heilinglechners, dass der Rückbau der Floßrutsche bisher nicht zur Debatte stand, bezeichnet Kulturreferent Fraas als „sehr gewagt beziehungsweise nicht zutreffend“. Und er betont: „Ausschließlich wegen der Überlegungen, ein Restwasserkraftwerk zu bauen statt die Floßrutsche zu erhalten, habe ich die Prüfung der Ertüchtigung der Floßrutsche beantragt.“ Dies wäre wie berichtet laut Machbarkeitsstudie des Münchner Ingenieurbüros „m4“ kein Hexenwerk, allerdings „liegen Sanierungsmaßnahmen und Unterhaltskosten im sechsstelligen Bereich“, so Bürgermeister Heilinglechner. „Grob geschätzt“, wie er in der Sitzung des Bauausschusses im Oktober ergänzte. Eine Diskussion über das weitere Vorgehen erfolgte in der Sitzung nicht. (cce)

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