Wissen nicht mehr weiter: Monika Heidl-Seitner und ihr Vater Franz Seitner warten auf den Stämmen ihrer Flöße – auf Rettung oder das Ende ihrer Tradition.
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Wissen nicht mehr weiter: Monika Heidl-Seitner und ihr Vater Franz Seitner warten auf den Stämmen ihrer Flöße – auf Rettung oder das Ende ihrer Tradition.

„Wenn es dieses Jahr auch nichts wird, ist das das Ende“

Ein letzter Hilferuf: Corona bedroht Flößerei - Traditionsbetrieb weiß nicht mehr weiter

  • Raffael Scherer
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Seit vier Generationen lässt Familie Seitner Flöße von Wolfratshausen nach München schwimmen. Aber Corona hat auch die Flüsse lahmgelegt. Dem Traditionsbetrieb geht die Luft aus.

Wolfratshausen – Traurig geht Monika Heidl-Seitner (51) zwischen den Baumstämmen hin und her. Sauber nebeneinandergereiht liegen sie am Ufer der Loisach in Wolfratshausen. Nummeriert und bereit, wieder zusammengesteckt und zu Wasser gelassen zu werden. Normalerweise feiern im Sommer rund 40 Personen mit Bier und Musik auf den Flößen. Momentan sieht es aber so aus, als hätten die Stämme ihre letzte Fahrt hinter sich. Der Traditionsbetrieb steht vor dem Aus.

Corona in Wolfratshausen: Kein einziges Floß ging 2020 zu Wasser

Bereits im Frühling 2020, als die Corona-Pandemie plötzlich das Leben überschattete, überlegte sich die Wolfratshauserin fieberhaft Hygienekonzepte, zum Beispiel trennende Scheiben zwischen den Sitzplätzen. Die konnten auf den Stämmen aber nicht befestigt werden, da sie nach jeder Fahrt wieder auseinandergenommen werden. Nach langem Hin und Her war Heidl-Seitner schließlich klar: Wegen des Coronavirus geht 2020 kein einziges ihrer drei Flöße zu Wasser. Von Mai bis September geht die Saison normalerweise. Mietkosten, die im Vorjahr bestellten Stämme sowie die Umsatzsteuern der vorherigen Jahre wollten trotzdem bezahlt sein.

Vergangenen Herbst kam für den Familienbetrieb die Frage: neue Stämme für 2021 bestellen? Denn witterungsbedingt muss jährlich rund die Hälfte der über 50 Stämme ausgewechselt werden. In der Hoffnung, dass 2021 zumindest ein wenig Umsatz hereinkommen könnte, ging die teure Bestellung schließlich raus, die finanziellen Reserven schrumpften weiter.

Bayern: Corona bringt Flößereien in Wolfratshausen in prekäre Lage

Monika Heidl-Seitner streichelt über einen der frischen Stämme und blickt die Loisach hinunter. Ihr Betrieb ist einer von dreien, die noch Flößerei betreiben. Einhundert Meter weiter liegen die Stämme der anderen beiden Flößereien von Wolfratshausen. Die sind in der gleichen prekären Situation. Ausgaben, aber keinerlei Einnahmen.

Hilfspakete vom Staat sind aktuell keine zu erwarten: „Es gibt viele Betriebe wie den unserigen, die durch ihre Betriebsführung durch das Raster fallen, weil sie keine Schema-F-Firmen sind“, klagt Heidl-Seitner. Mehrere Briefe hat sie an Behörden und Politiker geschrieben, um sich Gehör zu verschaffen. Das ein oder andere Feedback, wie etwa Mitte März ein Brief von Edmund Stoiber an Ministerpräsident Markus Söder kamen dabei schon zustande (siehe Interview). Doch greifbare Hilfe fehlt weiterhin.

Edmund Stoiber setzt sich für Wolfratshauser Flößer ein

Die vom Staat angebotenen Möglichkeiten, etwa die Steuern in Raten zu bezahlen, helfen nicht weiter, sagt die 51-Jährige. „Bei keinerlei Einnahmen bleibt null eben null.“ Und den freiberuflichen und saisonal angestellten Floßfahrern, ein rundes Dutzend, helfe auch keine Kurzarbeit.

Neben Monika steht Vater Franz Seitner, 77. Mit wässrigen Augen blickt er auf den Fluss und sagt: „Wenn es dieses Jahr auch nichts wird, dann ist das das Ende.“ Seit vier Generationen ist sein Familienbetrieb am Ruder. Die Corona-Pandemie könnte dafür sorgen, dass sein Flößereiwissen nicht an eine fünfte weitergegeben wird.

Franz Seitner lernte die Kunst des Floßfahrens mit 16 Jahren von seinem Vater, und der wiederum vom Großvater. „Mein Vater ist noch während des Kriegs die Isar entlanggefahren. Von März bis November haben die Bauholz bis nach Österreich transportiert“, sagt der rüstige Altflößer und prüft aus alter Gewohnheit mit den Fingern die geschnitzte Kerbe eines Baumstamms. Franz Seitner kennt jeden Wasserstrudel, jede Unebenheit im Fluss und weiß, wie er mit dem Ruder umzugehen hat.

Flößerei in Wolfratshausen hat lange Tradition

„Das hast du im Blut, das verlernst du nie“, sagt er. Auf den Seitner-Flößen schipperte er Betriebe, Vereine, Touristen, Familien, Freundeskreise und berühmte Sportler von Wolfratshausen nach München. Von Klaus Augenthaler mit dem FC Bayern bis zu DDR-Sportlern bei den Olympischen Spielen 1972. „Ich bin über 1100 Mal selbst gefahren, 50 Jahre lang.“ Damals habe der Familienbetrieb noch fünf statt drei Flöße gehabt.

Monika Heidl-Seitner arbeitet im Wolfratshausener Rathaus. „Meine persönliche Existenz ist gesichert, aber der Betrieb wird sich so nicht länger halten können“, erklärt sie und zupft seufzend an der Rinde eines Stammes. Die Reserven der Firma, sie schwinden. Der Betrieb musste schon viele Hürden meistern – seichter werdende Gewässer, Hochwasser, Lärmprobleme mit Anliegern. „Aber dass uns jetzt ausgerechnet Corona das Genick bricht, hätte ich nicht gedacht“, sagt Heidl-Seitner.

Sie sieht nur noch zwei Chancen, um die so oft gelobte Tradition der Flößerei zu retten: Fahren dürfen oder staatliche Unterstützung. Belobigungen wie zum Beispiel die Messingplakette auf dem Wolfratshauser „Walk of Fame“ oder die Eintragung als „Immaterielles Kulturerbe“ im Landesverzeichnis seien schön, brächten aber kein Geld herein. „Wir wären vergangenes Jahr ausgebucht gewesen, hätten vollen Umsatz gehabt“, sagt sie.

Flößerei wegen Corona vor dem Aus: Ein Funken Hoffnung bleibt - „Glaube fest daran, dass irgendjemand in der Politik aufwacht“

Rund 140 Fahrten wären das gewesen. Diese Saison, rechnet Monika Heidl-Seitner vor, bräuchten sie 40 Fahrten, um zumindest auf null zu kommen. Das habe ihr Steuerberater ausgerechnet. „Aber nur, wenn wirklich alles seitdem keinen Cent teurer geworden ist.“ Das wären anderthalb Monate voller Betrieb. „Der Reiseindustrie werfen sie Milliarden hinterher und wir bekommen gar nichts“, ärgert sich Franz Seitner. Seufzend nickt seine Tochter und reißt ein Stück der Baumrinde ab.

Einen Funken Hoffnung hat die Wolfratshauserin noch. „Ich glaube fest daran, dass irgendjemand in der Politik aufwacht und etwas für uns und die anderen saisonalen Betriebe unternimmt“ sagt sie und wirft das Holzstück ins Wasser. „Sonst war es das endgültig, weil wir uns dann keine Stämme für nächstes Jahr mehr leisten können“, ergänzt Vater Franz, setzt sich neben seine Monika und sieht zu, wie das Stück Rinde langsam Richtung München davontreibt.

Eisenbahn, Kraftwerk, Virus: Die Flößerei ist immer wieder bedroht

Seit über 900 Jahren schwimmen bereits Flöße in Richtung München. Laut Stadtarchivar Simon Kalleder stammen die ersten Belege für die Flößerei in Wolfratshausen aus dem 12. Jahrhundert. Diese seien aber „ein wenig unklar“. Ab dem Mittelalter gebe es dann vermehrt schriftliche Belege. „Für Wolfratshausen spielte die Flößerei langfristig eine sehr große Rolle“, sagt er. Es sei stark zu vermuten, dass der Markt Wolfratshausen sich direkt an den Flüssen, der Loisach und der Isar, wegen der Flößerei entwickelt habe. „Die Burg Wolfratshausen hat sich dank der Flößer entwickelt“ sagt Kalleder.

Damals wurden Flößer für den Warentransport genutzt, zum Beispiel für Möbel, Kalk, Steine oder Bau- und Brennholz. Aber auch für den Transport von Tieren und Lebensmitteln wie etwa Getreide, Käse oder Bier eignete sich die Flößerei. „Zur Hochzeit zwischen 1848 und 1859 fuhren jährlich bis zu 5000 Flößer über Loisach und Isar“, sagt Kalleder. Mit dem Aufkommen des Eisenbahnverkehrs in den 1890ern, im Wolfratshausener Fall vor allem der Isartalbahn, fand die Transportflößerei laut dem Archivar ihren Niedergang. Der Warenverkehr wechselte von den Flüssen auf die Schienen.

Gleichzeitig wuchs die Nachfrage für Personentransport auf den Flößen. Der Vergnügungsverkehr war geboren: „Ich vermute, dass die Münchner mit der Bahn für Wochenendausflüge nach Wolfratshausen fuhren, dort Flößer vorbeifahren sahen und spontan beschlossen, auf diesem Weg zurückzufahren“, erzählt Kalleder. Mit den sogenannten Ordinari-Flößern war eine Fahrt sogar bis nach Wien möglich. „Das kann man sich vorstellen wie einen Linienbus, nur eben auf dem Wasser und nicht täglich“, erklärt der Stadtarchivar. Die Flößerei hatte damit eine neue Aufgabe und wurde vom Waren- zum Tourismusgeschäft.

Die nächste große Bewährungsprobe für die Flößerei wartete in den 1920er-Jahren. „Dank des Walchenseekraftwerkes wäre die Flößerei fast gestorben“, sagt Kalleder. Die Kraftwerksbetreiber hätten die Floßrechte zum Befahren mit Entschädigungszahlungen ablösen wollen. Durch den Bau wäre nämlich der Wasserstand für Flöße zu niedrig geworden, um darüber zu schwimmen. Doch die Flößer stritten so lange vor Gericht, bis die Kraftwerke Floßrutschen einbauten, dank derer die Flößerei aufrechterhalten werden konnte. Heute sind diese Rutschen eine besondere Attraktion bei den Floßfahrten, da die Flößer an diesen Stellen besonders schnell fahren und das Wasser durch die Gegend spritzt. 100 Jahre später gibt es eine neue Bedrohung: Corona.

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter.

(Von Raffael Scherer)

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