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Klein, aber gefährlich: Der Börkenkäfer ist nicht mal so groß wie eine Ein-Cent-Münze. Die Schäden, die er in den hiesiegen Wäldern anrichtet, sind allerdings gewaltig.

Bedrohliche Schwärmerei

Folge des Klimawandels? Borkenkäfer wütet im Nordlandkreis 

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So schlimm wie seit 1990 nicht mehr wütet der Borkenkäfer derzeit in den Wäldern im Nordlandkreis. Experten versuchen, der Lage Herr zu werden.

Wolfratshausen – Robert Nörr runzelte die Stirn, als er die fünf rotverfärbten Baumkronen in dem Waldstück bei Icking ausmachte. Das sah nach dem Werk des Borkenkäfers – also nicht gut aus. Genauere Kontrollen des Wolfratshauser Revierförsters auf das verräterische Bohrmehl in diesem Distrikt ergaben rund 200 befallene Fichten. „Nach weiteren zwei Wochen waren es doppelt so viele.“ Das ist enorm viel Schlagholz. „Wir reden von einem Waldstück in der Größe zweier Fußballfelder“.

„Der Käfer ist massiv unterwegs“

Der Borkenkäfer, in diesem Jahr in erster Linie der Große Buchdrucker, wütet in Teilen des Landkreises „so schlimm wie seit 1990 nicht mehr“, sagt Nörr. Johann Killer, Chef der Wolfratshauser Waldbesitzervereinigung (WBV), bestätigt diese Einschätzung: „Der Käfer ist massiv unterwegs.“ Schwerpunkte lägen in Schäftlarn, Icking, Münsing, Gelting, Königsdorf „und in der trockenen Schotterebene bis nach Sauerlach“. Der Landkreis-Süden sei bislang einigermaßen glimpflich davongekommen. Aufatmen dürften die Tölzer und ihre Nachbarn jedoch nicht: „In ein, zwei Wochen schwärmt der Käfer wieder“, warnt Nörr vor der nächsten Invasion.

Förster Robert Nörr sagt: „Wir sind voll im Klimawandel angekommen.“

Warum die Insekten derart gewaltig auftreten? Der Förster dröselt die Bedingungen auf, die sie lieben. Da sei zunächst das Sturmtief Niklas gewesen, das 2015 ganze Wälder knickte. „Es waren zu viele Bäume“, sagt Nörr. „Da sind halt einige im Wald liegen geblieben.“ Und in denen machte es sich der Käfer bequem. Zweiter Faktor: Im Orkan seien damals viele Wurzeln ausgerissen. Dazu gesellten sich lange Trockenphasen in den vergangenen beiden Jahren. Die Folge: Die Fichten bekommen Probleme mit der Wasserversorgung, sind geschwächt und bieten den Schädlingen optimalen Lebensraum.

Ein einziges Weibchen produziert 100.000 neue Tierchen

„Alles in allem ist das eine unheilige Mischung.“ Was die bedeutet, verdeutlicht Nörr mit einer eindrucksvollen Zahl: Ein einziges Weibchen produziert in seinem Käferleben dreimal Nachwuchs, macht insgesamt 100.000 neue Tierchen.

Noch etwas sei heuer untypisch, ergänzt Nörr. „Die Käfer sind so früh geschwärmt wie nie, in der ersten, zweiten Aprilwoche.“ Und sie hätten lediglich fünf Wochen benötigt, um sich voll zu entwickeln. Ebenfalls neu: „Selbst große, dicke, alte Fichten geraten in Wasserstress“, was dem Käfer die Bahn in ihr Inneres frei mache: Für den Revierförster lässt dies alles nur einen Schluss zu: „Wir sind voll im Klimawandel angekommen.“

Förster und Waldbauern patrouillieren

Derzeit patrouillieren Förster und Waldbauern permanent in den Forsten, um die Ausbreitung des Schädlings zu stoppen. Die Zusammenarbeit sei sehr gut, sagt Nörr. Killer lobt explizit seine Waldbauern: „Meine Leute kontrollieren ständig und holen alles raus, was befallen ist.“ Anders als bei der Plage 1990 „sind sie enorm fleißig. Sie haben den Ernst der Lage erkannt.“ Kein Wunder: Die Bauern tragen den finanziellen Schaden. Und der kann enorm sein. Selbst für Holz, das durch den Befall der Rindenbrüter nur blau verfärbt, aber technisch vollkommen in Ordnung ist, gibt’s auf dem Markt statt 90 nur schlappe 70 Euro pro Festmeter.

Johann Killer, Chef der Waldbauernvereinigung in Wolfratshausen, sagt: „Meine Leute holen alles raus, was befallen ist.“

Allerdings hat Johann Killer Sorge, dass sich die Lage mit der kommenden Schwarmphase dramatisiert. „Bis jetzt hatten wir’s im Griff. Aber wir sind in der Urlaubszeit, viele Sägewerke haben oder machen zu.“ Der WBV-Chef appelliert deshalb eindringlich an seine Kollegen: „Wer jetzt sein befallenes Holz nicht mehr ins Sägewerk bekommt, sollte es mindestens 500 Meter vom Wald weg auf freier Feldflur zwischenlagern.“ Die Situation sei mehr als kritisch. Wer das nicht begreife, solle nach Niederbayern blicken. Dort öffne die anhaltende Trockenheit in diesem Jahr dem Borkenkäfer Tür und Tor. „Östlich von Landshut brennt’s“, sagt Killer, „dort werden sich ganze Landstriche verändern.“

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