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Hart gekämpft, viel erreicht: Michaela Raphelt von der Wolfratshauser Frauenhilfe.

Michaela Raphelt geht in den Ruhestand

Frauenhaus-Chefin im Interview: „Als Prinzessin kommst du nicht weiter“

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Frauen müssen hartnäckig sein und sich durchbeißen, das hat Michaela Raphelt gelernt. Sie hat den Verein „Frauen helfen Frauen“ maßgeblich aufgebaut und das Frauenhaus in Wolfratshausen seitdem geleitet. Jetzt geht die 65-Jährige in den Ruhestand.

Wolfratshausen – Den Verein „Frauen helfen Frauen Wolfratshausen“ gibt es seit 1986. Michaela Raphelt hat den einzigen Zufluchtsort im Landkreis für Frauen, die häusliche Gewalt erleben, maßgeblich aufgebaut und seither geleitet. Zum 1. Mai geht die 65-jährige Lenggrieserin in den Ruhestand. Zum Abschied spricht sie darüber, wie sie Skeptiker von der Notwendigkeit der Einrichtung überzeugt hat und was die Politik in den nächsten Jahren noch leisten muss.

Frau Raphelt, warum haben Sie sich vor über 30 Jahren dazu entschieden, in Wolfratshausen eine Frauenhilfe aufzubauen?

Michaela Raphelt: Über mein Sozialpädagogikstudium in München bin ich mit dem Frauennotruf in Kontakt gekommen und habe ein Praktikum im Jugendamt in Bad Tölz gemacht. Dort bin ich auf eine Veranstaltung der Jusos zum Thema Gewalt gegen Frauen aufmerksam geworden. So hat alles angefangen.

War es schwierig, Unterstützung zu finden?

Michaela Raphelt: Am Anfang war es besonders schwer. Viele waren der Meinung, dass es im schönen Oberbayern mit dem blauen Himmel und den weißen Wölkchen doch kein Frauenhaus braucht. Denn hier gebe es ja auch keine Gewalt gegen Frauen.

Wie sind Sie mit solchen Aussagen umgegangen?

Michaela Raphelt: Im persönlichen Gespräch mit Kritikern hat sich oft herausgestellt, dass viele nur plappern. Ich hatte den Vorteil, dass ich selbst aus der Gegend komme und mich Politik, gerade auf kommunaler Ebene, schon immer interessiert hat. Deshalb kannte ich auch viele Gemeinderäte. Und ich hatte ein schlagendes Argument. Ich habe oft gesagt: Erinnert euch an die Schulzeit zurück, in der Klasse gab es immer jemanden, von dem man gewusst hat, dass es daheim Schläge gibt. Das hat viele Skeptiker aufgerüttelt.

Wie politisch ist Ihre Arbeit?

Michaela Raphelt: Sehr. Ich habe viel aus der 68er-Generation mitbekommen, viele dieser Gedanken haben mich geprägt. Gerade die These, dass die Familie politisch ist, unterschreibe ich sofort. Und diese Arbeit muss politisch sein, wenn man etwas verändern will. Nur Pflaster zu verteilen, wäre zu wenig.

Was hat sich im Laufe der Zeit geändert?

Michaela Raphelt: Heute erfahren wir deutlich mehr Anerkennung als früher. Wir müssen nicht mehr beweisen, dass unsere Arbeit notwendig ist. Am Anfang mussten wir sehr viel kämpfen, um Geld für den Verein aufzutreiben, waren auf Spenden angewiesen. Mittlerweile sind wir finanziell etwas besser aufgestellt. Das Gewaltschutzgesetz, das es seit 2002 gibt, hat ebenfalls einiges verändert. Betroffene können seitdem Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt bei Gericht beantragen und haben Anspruch darauf, in der gemeinsamen Wohnung zu bleiben. Zur Zeit werden Änderungen der Förderrichtlinien von Frauenhäusern ausgearbeitet. Sie sollen Ende dieses Jahres in Kraft treten. Darauf bin ich schon sehr gespannt.

Das Wesentliche Ihrer Arbeit, nämlich Frauen in Not zu helfen, ist gleich geblieben. Wie gehen Sie mit den Erlebnissen um?

Michaela Raphelt: Ich musste anfangs erst lernen, das zu trennen. Ich pendle jeden Tag zwischen Wolfratshausen und Lenggries. Die Zeit im Auto nutze ich, um Abstand von der Arbeit zu bekommen. Das ist enorm wichtig, denn in meinem Job muss ich professionell sein. Wer zu betroffen ist, wird selbst handlungsunfähig. Das muss man sich in manchen Fällen vor Augen führen. Und trotz allem erleben wir auch immer wieder sehr schöne Dinge.

Zum Beispiel?

Michaela Raphelt: Die Frauen, die wir betreut haben, kommen oft wieder, um sich einen Rat zu holen oder um ein Geschenk vorbeizubringen. Ich freue mich mit allen, die es geschafft haben, wieder ein eigenes Leben zu führen. Es ist auch schön, die erwachsenen Kinder der Frauen, die bei uns waren, wiederzusehen. Ein junger Mann erzählt zum Beispiel immer, wie toll er die Kindheit im Frauenhaus in Erinnerung hat. Und für Mädchen ist es oft ein Schlüsselerlebnis, wenn sich die Mutter Hilfe sucht. Es zeigt ihnen, dass Gewalt gegen Frauen nicht okay ist.

Was haben Sie während Ihrer Arbeit für sich selbst gelernt?

Michaela Raphelt: Dass Frauen selbst an ihrer Karriere arbeiten müssen. Wir müssen hartnäckig sein und uns durchbeißen, aber Gegebenheiten auch mal hinnehmen und nicht die Beleidigte spielen. Als Prinzessin kommst du nicht weiter. Und in der Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen habe ich gelernt, über den Tellerrand zu schauen.

Worauf sind Sie stolz?

Michaela Raphelt: Ich freue mich darüber, dass sich die Frauenhäuser bayern- und deutschlandweit solidarisiert haben. Wir haben eine Stimme bekommen, werden mittlerweile von der Regierung gehört und miteinbezogen. Die Weichen für die Zukunft sind gestellt.

Welche Veränderungen wünschen Sie sich noch?

Michaela Raphelt: Die Frauenhäuser haben immer noch zu wenig Plätze, gerade für Frauen, die länger als die üblichen vier bis sieben Monate Hilfe benötigen. Danach fehlen genügend bezahlbarer Wohnraum mit einer guten Infrastruktur und Kindergartenplätze. Wie soll eine alleinerziehende Mutter, die vielleicht erst noch einen Arbeitsplatz finden muss, ihren Alltag sonst stemmen? Daran hängt ein Rattenschwanz, den man oft nicht bedenkt. Der muss in Zukunft kürzer werden.

Apropos Zukunft: Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen?

Michaela Raphelt: Ich lasse es ruhig angehen. Meine Familie und die Katzen freuen sich, wenn ich wieder öfter daheim bin. Ich werde oft mit dem Roller zum Baden an den Walchensee fahren und lesen. Im sozialen Bereich werde ich aber nicht mehr aktiv. Das Kapitel ist jetzt abgeschlossen.

mh

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