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Lagen bei vielen Themen weit auseinander: FDP-Direktkandidat Fritz Haugg (li.) und sein Konkurrent von der ÖDP, Markus Gampl (ÖDP). Veronika Ahn-Tauchnitz, Redaktionsleiterin des Tölzer Kurier, moderierte das Gespräch. 

Fritz Haugg (FDP) und Markus Gampl (ÖDP) finden kaum Gemeinsamkeiten: Die Diskussion zum Nachlesen

Im  letzten Livestream unserer Zeitung vor Landtagswahl wurde deutlich, wie weit die Programme von Neo-Liberalen und Öko-Demokraten auseinander liegen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – In der letzten Runde unserer Livestream-Reihe zur Landtagswahl am kommenden Sonntag saßen sich am Mittwochabend ein Liberaler und ein Öko-Demokrat gegenüber: Fritz Haugg (FDP) und Markus Gampl (ÖDP). Veronika Ahn-Tauchnitz, Redaktionsleiterin des Tölzer Kuriers und Moderatorin des Gesprächs, stellte zu Beginn fest, „die Wahlprogramme beider Parteien könnten nicht weiter auseinander liegen“.

Die Gegensätze zeigten sich sofort. Was er von der FDP halte, wollte Ahn-Tauchnitz vom 48-jährigen Gampl wissen. „Überhaupt nicht viel“, erwiderte der Münsinger, „Ich habe 2013 frohlockt“, als die Liberalen bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten. Die Partei verfolge einen neo-liberalen Kurs, der mit „seinem Raubtier-Kapitalismus“ nicht nur in Bayern, sondern weltweit für große Probleme sorge.

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Kontrahent Haugg gab diese Kritik gerne zurück: „Die ÖDP“, sagte der ebenfalls 48-jährige Planegger, „hat zwar vielfach die Probleme richtig erkannt, aber ihre Lösungen sind halt falsch.“ Zudem wollte Haugg „mit einem Vorurteil aufräumen“: Die größte Leistung der Neo-Liberalen sei unter Wirtschaftsminister Ludwig Erhard in den 1950er Jahren die Erfindung der Sozialen Marktwirtschaft gewesen. Die Neo-Liberalen wollten damals „weder den Sozialismus noch den Kapitalismus in seiner Reinkultur“. Haugg hält die Soziale Marktwirtschaft bis heute für „die beste Wirtschaftsform“.

Markus Gampl, Befürworter einer am Gemeinwohl orientierten ökosozialen Marktwirtschaft, widersprach: „Nach dem Krieg war sie das vielleicht.“ Aber die Problematiken hätten sich geändert, man stoße längst an ökologische Grenzen. „So wie wir momentan Ressourcen verbrauchen, benötigen wir bereits eineinhalb Erden. Das können wir nicht länger ausblenden.“ Der Münsinger kritisierte den „ständigen Wachstumszwang in jedem Wirtschaftszweig. Davon müssen wir weg.“ Er führte den Flugverkehr als Beispiel an: „Hier müssen wir auf die Bremse treten und nicht noch mehr Startbahnen bauen.“ Die FDP möchte die Umweltproblematik dagegen mit – an einer Börse gehandelten – Zertifikaten lösen. „Dadurch kriegen Kohlenstoffdioxid und Stickoxide einen Preis“, sagte Haugg.

Bei der ersten Zuschauerfrage, wie beide Parteien zu einer Lockerung der Ladenschlusszeiten stehen, konnten die Positionen ebenfalls nicht gegensätzlicher sein. Die FDP will sie flexibler gestalten, Sonntagsarbeit zulassen. Das birgt laut Haugg „mehr Chancen als Risiken“. Die ÖDP möchte den Sonntag als freien Tag schützen. „Für uns geht der Mensch vor dem Profit, der FDP geht es nur um den Profit.“

Beim Thema Kinderbetreuung lagen die Kandidaten ebenso weit auseinander. Zwar halten beide nichts vom in Bayern ausgezahlten Betreuungsgeld – aber aus völlig unterschiedlichen Gründen. Die FDP sieht darin lediglich einen Anreiz insbesondere für Mütter, dem Arbeitsmarkt für längere Zeit fernzubleiben und ihre Kinder nicht in einer Kindertagesstätte betreuen und fördern zu lassen. Wegen der Chancengleichheit, so Haugg, „müssen wir Anreize schaffen, damit gerade Kinder aus bildungsfernen Haushalten nicht daheim bleiben.“ In diesem Zusammenhang fordert die FDP auf Dauer kostenfreie Kita-Plätze.

Die ÖDP wünscht sich statt des viel zu niedrigen Betreuungsgelds ein höheres „Familiengehalt“. Familien seien seit Tausenden von Jahren „das beste soziale Netzwerk“, sagte Gampl. Wer sein Kind zu Hause erziehen oder seine Eltern pflegen möchte, dürfe zudem nicht Gefahr laufen, seinen Arbeitsplatz zu verlieren oder sich seine Karrierechancen zu verbauen. „Grüne und FDP wollen Kinder gleich in die Kita schicken, für uns ist das eine menschliche Katastrophe.“

Wohnungsnot, Verkehr, Geburtshilfe, Bildung – auch bei diesen Themen kamen Gampl und Haugg nicht zusammen. Wie er die Chancen seiner Partei beurteile, wurde Markus Gampl schließlich gefragt. „Unser Programm ist anerkannt“, sagte der ÖDP-Mann. Seine Partei habe politische Erfolge erzielt, wie die Volksentscheide zum Nichtraucherschutz und zur Abschaffung des Senats, die von ihr ausgingen.

Man stehe jedoch vor dem Problem, dass Wähler aus Sorge um ihre möglicherweise verlorene Stimme nicht für die ÖDP, sondern eine im Landtag vertretene Partei votieren. „Sobald wir einmal die Fünf-Prozent-Hürde geknackt haben, sind wir nicht mehr wegzudenken aus der politischen Landschaft“, behauptete der Münsinger selbstbewusst.

Die FDP ist aktuell ebenfalls nicht im bayerischen Landtag vertreten. Haugg erwartet dennoch „keine Zitterpartie“. Die Umfragewerte seiner Partei lägen bei über fünf Prozent. „Und wenn ich die Stimmung an den InfoStänden mitnehme, bin ich sehr zuversichtlich.“

Ganz zum Schluss fanden beide Männer doch noch einen Konsens: Weder Gampl noch Haugg können sich für ihre Partei eine Koalition mit der AfD vorstellen.

peb

Hier können Sie das Video in voller Länge sehen 

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