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Spricht Klartext: Die Geburtshilfeabteilung in Wolfratshausen ist nach Einschätzung von Klinik-Aufsichtsratschef Josef Niedermaier mittelfristig nicht überlebensfähig. „Das wissen der Aufsichtsrat, das wissen die Klinik-Geschäftsführer, die Mitglieder des Aufsichtsrats, und das wissen auch die Ärzte“, sagt der 53-Jährige.

Kreisklinik Wolfratshausen

Landrat Niedermaier: Geburtshilfeabteilung ist nicht überlebensfähig

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Über der Geburtshilfeabteilung in der Kreisklinik Wolfratshausen haben sich dunkle Wolken zusammengebraut. Über die Zukunft der Abteilung sprach Redaktionsleiter Carl-Christian Eick mit Josef Niedermaier (53), Landrat und Aufsichtsratschef der Kreisklinik, die ein 100-prozentiges Tochterunternehmen des Landkreises ist.

Wolfratshausen – 2016 kamen in der Einrichtung am Moosbauerweg wie berichtet nur rund 250 Mädchen und Buben zur Welt, die Jahre zuvor waren es nicht mehr. Und: Die zwei in der Klinik arbeitenden Beleg-Gynäkologen sind nicht mehr die Jüngsten. Nachfolger zu finden, wird voraussichtlich wie auch in der Asklepios Stadtklinik in Bad Tölz sehr schwierig. Nicht zuletzt aufgrund des Anti-Korruptionsgesetzes. Demnach dürfen Kliniken die sehr hohe Haftpflichtversicherung der Belegärzte nicht mitfinanzieren. 

Herr Landrat Niedermaier, am Dienstagabend haben sich rund 80 Frauen, Männer und Kinder vor der Kreisklinik in Wolfratshausen versammelt und setzten mit einer Lichterkette ein Zeichen für den Erhalt der Geburtshilfeabteilung. Was sagen Sie diesen Menschen?

Rede und Antwort: Landrat Josef Niedermaier (li.) stellte sich den Fragen von Redaktionsleiter Carl-Christian Eick (re.). Bei dem Interview mit dabei: Marlis Peischer, Pressesprecherin der Kreisbehörde, sowie Wolfgang Krause, Leiter der Abteilung für zentrale Angelegenheiten im Landratsamt.

250 Geburten in Wolfratshausen im vergangenen Jahr: Das ist die Untergrenze, die eine Geburtshilfeabteilung verträgt. Eventuell rangieren wir schon unterhalb der Untergrenze. Wir alle wünschen uns eine wohnortnahe Geburtshilfe. Doch die Realität, die Fakten sehen leider anders aus. Wolfratshausen hat ein Potenzial von rund 800 Geburten pro Jahr. Doch nur 250 Schwangere nutzen das Angebot. Das ist kein Vorwurf. Aber die Vorgabe der großen Politik – ausgedrückt im Gesundheitsstrukturgesetz – lautet Qualität, Qualität, Qualität. Und die misst sich leider nicht an der familiären, persönlichen Betreuung oder an der hervorragenden Arbeit der Hebammen, sondern in erster Linie an der Menge, das heißt, an der Zahl der Geburten. Es gibt zwar noch keine Vorgabe für Geburtshilfen, sie sind genau genommen aber in den fachlichen Leitlinien für Gynäkologen schon definiert: mindestens 800 bis 1000 Geburten pro Jahr. Das nennt man dann nach diesen Kriterien „sichere Geburtenstation“. Wolfratshausen funktioniert dank des Engagements der Hebammen und der Ärzte, aber angesichts der genannten Zahlen und der fehlenden Bereitschaft vieler Gynäkologen, als Belegärzte tätig zu sein, weiß ich nicht, wie lange noch.

Und niemand kann verlässlich prognostizieren, wie sich die Geburtenzahl entwickeln wird.

Die Entscheidung fällt natürlich in erster Linie die Schwangere – gemeinsam mit dem Gynäkologen, der sie betreut und der ihr empfiehlt, wo sie ihr Kind zur Welt bringen sollte. Faktisch entscheiden sich ganz viele werdende Mütter im Nordlandkreis seit Jahren für eine Geburt zum Beispiel in Starnberg oder in anderen umliegenden Kliniken.

Hat die Leistungspalette der Wolfratshauser Geburtshilfe Lücken?

Nein, es gibt keine Mängel. Aber in einem relativ kleinen Haus wie Wolfratshausen ist die Qualität bezüglich des medizinischen Rundumservice, den Schwangere heute vielfach verlangen, nicht darstellbar. Auch die medizinische Säuglingsversorgung auf höchstem Niveau, zusätzlich zur gynäkologischen Betreuung, ist nicht darstellbar.

Demnach führt man derzeit eine Gespensterdiskussion. Hand aufs Herz: Ist die Geburtshilfeabteilung in Wolfratshausen mittelfristig überlebensfähig?

Ein ganz klares Nein. So leid es mir tut. Das wissen der Aufsichtsrat, das wissen die Klinik-Geschäftsführer, die Mitglieder des Aufsichtsrats, und das wissen auch die Ärzte. Aber das wird der springende Punkt: Wenn ich als Landrat und Aufsichtsratsvorsitzender der Klinik diese komplexe Thematik kommuniziere und ehrlich auf die daraus resultierenden Konsequenzen hinweise, stoße ich auf eine – verständlicherweise – emotionalisierte Öffentlichkeit. Aber das war und ist meine Devise: Ich schenke den Menschen reinen Wein ein – und darum sollen Spezialisten die Faktenlage darstellen.

Wann und wie soll das passieren?

Die Babybetten in der Wolfratshauser Kreisklinik bleiben häufig leer: 2016 kamen in der Geburtshilfeabteilung am Moosbauerweg rund 250 Mädchen und Buben zur Welt. Laut den fachlichen Leitlinien für Gynäkologen sollten es mindestens 800 bis 1000 pro Jahr sein. 

Vorab: Es gibt für mich keine Diskussion über die Geburtshilfeabteilung in Bad Tölz beziehungsweise in Wolfratshausen. Wir werden über die Zukunft der Geburtshilfe im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sprechen. Für den 17. März haben wir Experten in die Kreisausschuss-Sitzung eingeladen, die die Fragen der Kreisräte beantworten. Die Fachleute werden erläutern, was Sache ist.

Der Wolfratshauser Bürgermeister Klaus Heilinglechner hat eine Resolution für den Erhalt der Geburtshilfeabteilung in der Kreisklinik formuliert, die im Stadtrat auf einhellige Zustimmung gestoßen ist. Der Rathauschef fürchtet gar um den Bestand der gesamten Klinik.

Die Kreispolitik hat bereits seit Jahren das Große und Ganze im Fokus. Im Haushalt 2017 sind Mittel für eine fachliche Begleitung zur „Restrukturierung der stationären Versorgung im Landkreis“ mit dem Ziel des Erhalts beider Standorte bereitgestellt. Die Tölzer Stadtklinik und die Kreisklinik in Wolfratshausen erfüllen für uns, den Landkreis, den Grundversorgungsauftrag. Hier bei uns ist die Situation eine andere als in den Landkreisen München und Dachau, die ihre Kliniken verkauft haben. Aber wir haben heute im Landkreis zwei Kliniken, die sich Konkurrenz machen – und die beide jeweils im Wettbewerb mit anderen Kliniken stehen. Wir nehmen uns des Großen und Ganzen im Landkreis an.

Das ganze Interview mit Landrat Josef Niedermeier lesen Sie in der Printausgabe des Isar-Loisachboten/Geretsrieder Merkurs vom Wochenende, 25./26. Februar 2017.

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