Marianne Mesner.
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Expertin Marianne Mesner.

Im Gespräch mit Marianne Mesner vom Analytik-Institut Rietzler

Gefahr aus der Dusche: Legionellen können sich im Lockdown bilden

  • Sabine Hermsdorf-Hiss
    vonSabine Hermsdorf-Hiss
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Während des Lockdowns kann es zu Legionellenbildung in Leitungen kommen, die nicht genutzt werden. Laut Marianne Mesner vom Analytik-Institut Rietzler sollte man das Thema nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – In Schulen, stillgelegten Hotels und geschlossenen Sportstätten lauert die unsichtbare Gefahr: Werden die Wasserleitungen nicht genutzt, droht Legionellenbildung. Ein Thema, das man laut Marianne Mesner (55), Milchwirtschaftliche Laborantin und Standortleiterin des Analytik-Instituts Rietzler in Rosenheim und zuständig für den Landkreis, nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Frau Mesner, was sind Legionellen und wie schnell bilden sie sich?

Marianne Mesner: Legionellen sind stäbchenförmige Bakterien mit besonderen Nährstoffansprüchen, die ihren Lebensraum vornehmlich in Wasser finden, das 25 Grad bis 45 Grad warm ist. Hier können sie gut überleben und sich vermehren. Dies ist der Fall in technischen wasserführenden Systemen wie: Trinkwasserinstallationen, Schwimmbädern, Whirlpools, Klimaanlagen mit Luftbefeuchtung, Verdunstungskühlanlagen und zahnmedizinischen Behandlungseinheiten. Gerade dauerhaft in der Leitung stehendes Wasser – beispielsweise, wenn während der Ferien Sanitäranlagen in Turnhallen nicht genutzt werden – ermöglicht es ihnen, an der Rohrinnenoberfläche zu einem Bakterienrasen, Biofilm genannt, anzuwachsen. Da Bakterien stets exponentiell wachsen, kann schon nach mehreren Tagen ein deutlicher Anstieg beobachtet werden, der die gesetzlichen Grenzwerte übersteigt.

Welche Auswirkungen haben Legionellen auf den menschlichen Körper?

Marianne Mesner: Legionellenhaltiges Wasser kann man bedenkenlos trinken und auch der direkte Hautkontakt ist problemlos. Allerdings birgt das Einatmen von feinsten Wassertropfen, in welchen sich diese kleinen Bakterien befinden können, eine besondere Gefahr. Beispielsweise beim Duschen: Hierbei gelangen Legionellen direkt in die Lunge, wo sie zu sommergrippeartigen Erkrankungen bis hin zu einer schweren, in manchen Fällen tödlichen, Lungenentzündung führen können.

Kann man sich überhaupt schützen?

Marianne Mesner: Dem Wasser selbst sieht man die hygienische Bedenklich- oder Unbedenklichkeit nicht an. Also Vorsicht beim Duschen in selten genutzten Bereichen und wenn die Wassertemperatur „zu niedrig“ ist. Daher erst einmal heiß durchlaufen lassen. Im Idealfall sollte die Temperatur spätestens nach 30 Sekunden über 55 Grad liegen. Umso schneller, desto besser. Der Schutz muss in erster Linie durch den Betreiber erfolgen, dieser unterliegt hier der Sorgfaltspflicht.

Es gibt also gesetzliche Vorgaben?

Marianne Mesner: Ja, definitiv. Mit verschiedenen Verordnungen und technischen Regelwerken hat hier der Gesetzgeber entsprechend reagiert. Betreiber von Hausinstallationen, Schwimmbädern, Klimaanlagen und Kühltürmen werden dadurch zur Einhaltung von technischen Standards und regelmäßigen Untersuchungen verpflichtet. Als Beispiel sei hier die Trinkwasserverordnung genannt, die in öffentlichen Einrichtungen und Hotels jährliche Untersuchungen des erwärmten Trinkwassers auf Legionellen vorschreibt. Da hinkt die Umsetzung aber vielerorts hinterher, da sich die Betreiber der Pflichten oft nicht bewusst sind oder Kosten sparen wollen. Gerade dann, wenn keine oder nur geringe Nutzung stattfinden kann – wie in Coronazeiten.

Sind alte Leitungen anfälliger?

Marianne Mesner: Ja, da sie meist eine raue Oberfläche, bedingt durch Korrosion oder Kalkablagerungen, haben. Dies muss man sich wie ein komplexes Gebirgs- und Höhlensystem vorstellen, welches die Bildung von Biofilm und Siedlung von Legionellen begünstigen kann.

Wie sollen sich Betreiber von Hotels, Sportanlagen oder Schulen während der pandemiebedingten Schließung verhalten?

Marianne Mesner: Man spricht hier vom bestimmungsgemäßen Betrieb. Während Stillstandszeiten sollte idealerweise alle 72 Stunden gespült werden. Das heißt, es sollte soviel Wasser ablaufen, bis das warme Wasser richtig warm und das kalte Wasser richtig kalt ist. Die Kalt- und Warmwasserleitung sind getrennt zu spülen, zunächst Warmwasser, dann Kaltwasser. Für diese spezielle Thematik während der Pandemie hat das Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf seinen Seiten auch entsprechende Anleitungen veröffentlicht.

…und wie vor einer erneuten Öffnung?

Marianne Mesner: Auf alle Fälle wären Untersuchungen im Vorfeld dringend zu empfehlen. Gerade in der Pandemiesituation wäre eine gleichzeitige oder aufeinander folgende Infektion mit Legionellen und SarsCov2 fatal und würde schwere Krankheitsverläufe verursachen.

Was ist zu tun, wenn Legionellen festgestellt worden sind?

Marianne Mesner: Bei Legionellenbefunden über den Grenzwerten im Trinkwasser schreibt der Gesetzgeber ein festes Prozedere vor. Das Labor meldet hier automatisch dem Gesundheitsamt, welches dann den Betreiber zu entsprechenden Maßnahmen auffordert. Nutzungseinschränkungen, Desinfektions- und Sanierungsmaßnahmen sowie Begutachtungen der Anlagen und weitere Untersuchungen sind hier die Folge. Durch diese Maßnahmen soll möglichst zeitnah die Legionellenbelastung gesenkt werden, um zukünftig einen einwandfreien hygienischen Betrieb gewährleisten zu können. Engmaschige Kontrolluntersuchungen im Anschluss daran dokumentieren den Erfolg der Maßnahmen.

Die Fragen stellte Sabine Hermsdorf-Hiss.

Infos im Internet:

https://www.lgl.bayern.de/downloads/gesundheit/hygiene/doc/aufrechterhaltung_tw_hygiene_corona_kurz.pdf

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