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Das Publikum an der Floßlände nahm die Münchner Kabarettistin immer wieder aufs Korn. So fand sie, dass es wirklich besser ist, von ihren Fans durch einen Wassergraben getrennt zu sein.

Luise Kinseher beim Wolfratshauser Flussfestival

Gegen die ewige Wellnesserei

Nein, besonders charmant hat Kabarettistin Luise Kinseher das Wolfratshauser Publikum bei ihrem Auftritt beim Flussfestival nicht behandelt. Allerdings schonte sie auch sich selbst nicht. 

WolfratshausenUnter anderem fand die Kabarettistin, dass der Altersdurchschnitt ihres Publikums viel zu hoch sei. Das beschauliche Gitarrenspiel des Duos „The Picking Projekt“ (Andreas Oberniedermayr und Clemens Baumgartner) eingangs habe wohl darauf Rücksicht genommen, lästerte – sparte aber gleichzeitig nicht mit Selbstironie. Andere Frauen hätten mit 48 ein Haus, Kinder, manche sogar einen erwachsenen Mann und Gewichtsprobleme. „Ich hab’ nur Gewichtsprobleme.“ Ihre jüngste Beziehung, die sie wegen rechter Aussagen ihres Lebensgefährten in sozialen Netzwerken wie berichtet kürzlich beendet hat, nannte sie einen „Irrtum“.

Doch genug an Privatem. Schließlich steht die für ihre Rolle als „Mama Bavaria“ berühmte Niederbayerin im kurzen Schwarzen auf der schwimmenden Bühne, um ihr Programm „Ruhe bewahren“ zu präsentieren: ein Programm gegen die Hektik unserer Zeit, gegen Modeerscheinungen wie „Hopfensmoothie statt Weißbier“, gegen die ganze „Wellnesserei und Balancerei“. Alltägliches wird aus einer schrägen Perspektive durch den Kakao gezogen, die Politik nur am Rande gestreift, etwa mit der Frage, warum Ilse Aigner eigentlich ständig völlig grundlos lächelt.

Zur Seite stehen der preisgekrönten Kabarettistin zwei „Kolleginnen“: die dauerbeschwipste „Mary from Bavary“ und die unterkühlte Helga Freese aus dem hohen Norden. Viel Verkleidung braucht’s nicht, ein Morgenmantel beziehungsweise ein Trenchcoat werden abwechselnd übergeworfen.

Mit Heinz ist Helga immer einer Meinung - seit er Alzheimer hat

Während Mary dem Publikum erklärt, dass eine Stammkneipe ein Ort ist, den man mehr als sieben Mal pro Woche aufsucht, fühlt sich Helga mit ihrem Gatten Heinz ganz wohl daheim beim Schmökern in alten Urlaubsalben. Zumal sie sich mit Heinz in allem einig ist, seit er wegen seiner Alzheimer-Krankheit alles vergisst. Herrlich makaber die Szene, in der Helga erzählt, wie sie einmal im Jahr den Leichenschmaus vorkocht und einfriert, für den Fall, dass sie und ihr Mann gleichzeitig ableben sollten. „Nicht, dass die Verwandtschaft nach der Beerdigung zum Vietnamesen geht.“ Beim regelmäßigen Abtauen des Gefrierschranks würden die Angehörigen dann einfach zum Schmorbraten mit Rotkohl und Klößen eingeladen, verrät Helga. Manche würden aber schon gar nicht mehr kommen, wundert sich Helga.

Fast philosophisch wird Luise Kinseher, als sie Mary am Wolfratshauser Loisachufer die Quantenphysik erklären lässt, nur scheinbar rassistisch beim „Neger“-Witz, und ein wenig sentimental bei der Erinnerung an ihre Heimat Niederbayern wird – in der die Zeit manchmal stehen bleibt und endlich Ruhe einkehrt. Tanja Lühr

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