„Mit dem Rücken zur Wand“: Corona bringt Volkshochschulen in unterschiedliche Bedrängnis
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Keine konkrete Perspektive haben in der Corona-Krise bislang die Volkshochschulen. Momentan ist bis zum Ende der Woche der Präsenzunterricht untersagt.

Bildungseinrichtungen stehen vor enormem Aufwand

„Mit dem Rücken zur Wand“: Corona bringt Volkshochschulen in unterschiedliche Bedrängnis

Gemeinsam Sprachen lernen, Sport treiben, Küchen- oder Computerkenntnisse erwerben: Für all das und mehr stehen die Volkshochschulen. Noch haben sie keine konkrete Perspektive, wann sie nach der Corona-Zwangspause ihren Betrieb wieder aufnehmen können. Die Volkshochschulen in Wolfratshausen und Geretsried bringt dies unterschiedlich in Bedrängnis.

Geretsried/Wolfratshausen– „Ich schlafe momentan nicht viel“, sagt Christine Hohnheiser. Zu viele Fragen gehen der Geschäftsführerin der Wolfratshauser Volkshochschule (Vhs) durch den Kopf. Ihre größte Sorge: „Können wir die Vhs noch halten?“ Als Verein muss sich die Bildungseinrichtung am Hammerschmiedweg selbst tragen. Finanzspritzen aus dem Stadtsäckel sind normalerweise nicht vorgesehen.

„Ich schlafe momentan nicht viel“

„Wir setzen darauf, nach den Pfingstferien wieder öffnen zu dürfen“, erklärt Hohnheiser. Andernfalls sei die Einrichtung auf Hilfe von außen angewiesen. „Glücklicherweise hat die Stadt schon signalisiert, uns im Notfall zu unterstützen“, so die Geschäftsführerin. Den guten Draht ins Rathaus pflegt sie auf dem kurzen Dienstweg: Bürgermeister Klaus Heilinglechner ist Erster Vorsitzender der Vhs. Auch wenn es dem Rathauschef eine Herzensangelegenheit sei, könne die Unterstützung natürlich nur in einem gewissen Rahmen stattfinden, ist sich Hohnheiser bewusst.

Wolfratshausen: Stadt will Vhs im Notfall unterstützen

Christiane Hohnheiser, Geschäftsführerin der Vhs Wolfratshausen

Keine Existenzängste, aber ähnliche Probleme plagen Beate Ruda, Leiterin der Geretsrieder Vhs. „Als Sachgebiet der Stadt kommen wir ganz gut durch, da geht es anderen Volkshochschulen schlechter“, sagt Ruda im Hinblick auf Wolfratshausen. Ähnlich wie das Bau- oder das Sportamt ist die Erwachsenenbildung in Geretsried finanziell abgesichert. Nichtsdestotrotz: „Derzeit verlieren wir mindestens 50 Prozent unserer Einnahmen“, erklärt die Vhs-Chefin. „Da die Fördergelder stets auf dem Erarbeiteten des Vorjahres basieren, schlagen sich die Mindereinnahmen zeitverzögert dennoch durch.“

Ein großer Hoffnungsschimmer sind für Beate Ruda – ähnlich wie für ihre Kollegin Hohnheiser – die „treuen Teilnehmer“. „Wir hatten zahlreiche Anrufe von Leuten, die gar kein Geld zurückwollten“, berichtet die Geretsrieder Vhs-Leiterin. Viele hätten die Beiträge gerne bezahlt, um ihre Dozenten und Kursleiter zu unterstützen. Christine Hohnheiser bedauert wie ihre Kollegin Ruda; „Wir dürfen und können für ausgefallene Stunden nichts abrechnen.“ 

„Derzeit verlieren wir 50 Prozent unserer Einnahmen“

Diese Regelung bereitet der Wolfratshauserin „große Bauchschmerzen“, da viele Kursleiter von dem Honorar leben. Ändern könne sie an der Richtlinie leider nichts. Unterbrochene Kurse können in beiden Volkshochschulen anteilig rückerstattet werden. Ruda betont: „Wer den Kurs auf jeden Fall fortsetzen möchte, kann sich den Betrag auch als Guthaben anrechnen lassen.“ Hohnheiser hofft, „möglichst viel nachholen zu können, um möglichst wenig rückerstatten zu müssen“. Sie sieht sich und ihre Einrichtung „mit dem Rücken zur Wand“. Finanziell gesehen sei die Vhs Wolfratshausen „ganz schlecht aufgestellt“.

Beate Ruda, Leiterin der Vhs Geretsried

Auch wenn das Programm zum Stichtag 15. Juni wieder anlaufen sollte, stehen die Bildungseinrichtungen vor einem enormen Aufwand. „Notwendig für viele Kurse ist die Nutzung von Sporthallen oder Räumlichkeiten in Schulen“, erklärt Hohnheiser. Ob dies von Beginn an möglich sein wird, ist derzeit unklar. Ein weiteres Problem sind die Hygienemaßnahmen: „Viele Kurse müssten geteilt werden, um Abstand halten zu können.“ Das verursache Mehrkosten und sei nicht in allen Fällen möglich, so die Wolfratshauser Vhs-Chefin.

Bis zum tatsächlichen Start versucht Beate Ruda, die Teilnehmer zu vertrösten. „Einzelne Dozenten haben – ähnlich wie in Wolfratshausen – Online-Kurse in Angriff genommen.“ Dafür könne aber nichts berechnet werden, und der Arbeitsaufwand sei hoch. 

Bildungseinrichtungen stehen vor enormem Aufwand

„Online-Angebote werden sich bei uns deshalb nicht durchsetzen“, glaubt Ruda. Aber: „Der Volkshochschulverband bietet einiges auf Youtube an, was wir sehr empfehlen.“ Auch in der Flößerstadt war das Interesse an Online-Kursen unterschiedlich stark. „Gymnastikkurse sind als einziges Angebot sehr erfolgreich umgestellt worden“, berichtet Hohnheiser. Umfragen hätten ergeben, dass Präsenzveranstaltungen wesentlich beliebter sind.

Bis alles wieder im Normalbetrieb läuft, sind alle Mitarbeiter der Wolfratshauser Vhs in Kurzarbeit – „trotz beantragter Soforthilfe“, bedauert die Geschäftsführerin. In Geretsried arbeitet die Belegschaft halbtags im Schichtdienst. Auf Kurzarbeit konnte bisher verzichtet werden. „Es gibt eben auch Vorteile, wenn man im Öffentlichen Dienst ist“, sagt Beate Ruda und bedauert, dass das nicht bei allen Volkshochschulen der Fall ist. Weniger Arbeit gebe es dank des organisatorischen Aufwands schließlich nirgends.

Auch die Jugendtreffs sind wegen der Corona-Pandemie weiterhin geschlossen. Statt realer Begegnungsorte bleibt fast nur das Smartphone. Sozialarbeiter sind besorgt. Gute Nachrichten gibt es hingegen für den Wolfratshauser Tanzschulbesitzer Alexander Müller: Nach über drei Monaten Zwangspause darf er Anfang Juni wieder öffnen. 

nap

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