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Gewalt gegen Frauen: Die Dunkelziffer ist hoch - „jede vierte Frau erlebt das“

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„Jede vierte Frau erlebt das statistisch einmal“, sagt Geschäftsführerin Nicoline Pfeiffer (re.). Zusammen mit Nina Hickethier ist sie zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins „Frauen helfen Frauen“.
„Jede vierte Frau erlebt das statistisch einmal“, sagt Geschäftsführerin Nicoline Pfeiffer (re.). Zusammen mit Nina Hickethier ist sie zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins „Frauen helfen Frauen“. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Gewalt gegen Frauen ist die weltweit häufigste Menschenrechtsverletzung. Und sie hat viele Gesichter. Ein Wolfratshauser Verein will Opfern helfen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Sie kann sich in Beleidigungen und Demütigungen äußern, in Missachtung oder Kontrolle, in Haushaltsgeldentzug oder Einsperren, in Cybermobbing bis hin zu Schlägen, Vergewaltigung und Mord. Sie ist die weltweit häufigste Menschenrechtsverletzung.

Gewalt gegen Frauen: Die Dunkelziffer ist hoch - „jede vierte Frau erlebt das“

Der Verein „Frauen helfen Frauen“ mit Sitz in Wolfratshausen möchte deshalb am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen auf das Problem und auf die Arbeit der Frauenhäuser hinweisen. Der Verein ist Träger des Frauenhauses im Landkreis, der Beratungsstelle in Wolfratshausen, der Interventionsstelle und des Notrufs.

Nicoline Pfeiffer und Nina Hickethier, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, luden unsere Zeitung zum Gespräch nach Wolfratshausen ein. Insgesamt arbeiten fünf Sozialpädagoginnen, eine Verwaltungskraft, zwei Hauswirtschafterinnen und ein IT-Manager hauptamtlich für „Frauen helfen Frauen“. Eine Supervisorin, bei Bedarf Dolmetscherinnen und einige Ehrenamtliche unterstützen das Team. Aktive Vereinsmitglieder können nur Frauen werden. Der Verein freut sich jedoch auch über Fördermitglieder. Die Fördermitgliedschaft steht allen offen, der Verein ist dringend auf sie angewiesen.

Frauenhaus in Bad Tölz-Wolfratshausen ist voll - Seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es noch mehr Fälle

An die Beratungsstelle kann sich jede Frau und jede Jugendliche wenden, die im häuslichen Umfeld Gewalt in einer ihrer vielfältigen Formen erfährt. „Jede vierte Frau erlebt das statistisch einmal“, sagt Geschäftsführerin Nicoline Pfeiffer. Seit Ausbruch der Pandemie sei die Gewaltkriminalität in den eigenen vier Wänden laut Polizei im Landkreis um 36 Prozent gestiegen, sagt sie. Zugenommen hätten auch Sexualdelikte und Kinderpornografie. Die Dunkelziffer sei dabei sehr hoch. Der Verein spüre dies an der Nachfrage nach Beratung: 2019 nahmen 213 Personen das Angebot persönlich, telefonisch oder online wahr, 2020 waren es 251 Personen. 2019 gab es 52 Anfragen auf Aufnahme ins Frauenhaus, 2020 waren es 86.

Corona macht Arbeit im Frauenhaus schwieriger - trotzdem: „Es gibt immer Wege aus der Gewalt“

Die Aufnahme in Frauenhäuser war während der Corona-Pandemie oft eingeschränkt. Das Frauenhaus im Landkreis, das die Regierung von Oberbayern und der Landkreis finanzieren, hat jedoch wie gewohnt weiter aufgenommen und Schnelltests vor Ort durchgeführt. Doch die sechs Zimmer, in denen die Frauen, gegebenenfalls mit Kindern, für einige Monate bleiben können, reichten nicht immer aus, sagt Nina Hickethier: „Wir suchen dann nach freien Plätzen in anderen Frauenhäusern.“ Schwierig sei es, Asylbewerberinnen unterzubringen, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen sei. Dasselbe gelte für Frauen aus der EU, die noch nicht lange genug in Deutschland lebten. Erst nach fünf Jahren erhielten EU-Bürger Zugang zu den Sozialsystemen, außer wenn sie Arbeit oder schulpflichtige Kinder hätten. Doch auch diesen Gruppen könne geholfen werden, betont Hickethier. „Wir wollen alle ermutigen, bei uns anzurufen. Es gibt immer Wege aus der Gewalt.“

Opfer leben vorübergehend im Frauenhaus - sie sollen ein Leben ohne Gewalt führen können

Die Beratung sei ergebnisoffen, kostenlos und unterliege der Schweigepflicht. Ziehen Frauen vorübergehend ins Frauenhaus, dessen Standort geheim bleiben soll, versorgen sie sich dort selber. Sie und ihre Kinder erhalten psychosoziale Unterstützung. Man bietet ihnen eine Existenzberatung an und zeigt ihnen auf, wie sie sich gegen Gewalt wehren können. Schon während des Aufenthalts im Frauenhaus sucht der Verein im Rahmen des Programms „second stage“ (zweiter Schritt) für die Bewohnerinnen nach dauerhaften Zukunftslösungen. Doch der Wohnungsmangel im Landkreis stellt die Helferinnen vor Herausforderungen. Wobei manchmal ein Umzug in eine ganz andere Stadt innerhalb Deutschlands sogar sinnvoll erscheint. Der Verein steht den Opfern zur Seite bei juristischen Fragen wie Umgang, Sorgerecht und Scheidung.

Pfeiffer und Hickethier bedauern, dass die Rechte der Väter in Deutschland in der Vergangenheit generell gestärkt worden seien – ohne zu unterscheiden, ob der Kontakt für die Kinder und Mütter gut oder gefährlich sei. „70 Prozent der Frauen werden im Rahmen des Umgangs erneut vom Ex-Partner misshandelt“, so Pfeiffer. Die Forderung von Frauenrechtsvertreterinnen nach „safety first“ sei leider noch nicht umgesetzt.

Täter werden nur lasch verfolgt - häusliche Gewalt bleibt Dauerbrenner-Problem

Allgemein sei die lasche strafrechtliche Verfolgung der Täter ein Problem. Immerhin, so berichten die Vereinssprecherinnen, seien beim Amtsgericht München in 2020 durch zivilrechtliche Schutzanordnungen nach dem Gewaltschutzgesetz 702 Täter wegen häuslicher Gewalt der Wohnung verwiesen und/oder mit einem Kontaktverbot belegt worden. Für den Landkreis gebe es leider keine Zahlen. Sei die Gewalt noch nicht zur Gewohnheit geworden und bestehe Hoffnung auf Besserung, gebe es noch die Möglichkeit, dass die Männer sich an die Täterberatungsstelle wenden. Pfeiffer sagt jedoch, dass die meisten ihr Verhalten schwer ändern könnten. „Die Täter versprechen viel, und die Frauen brauchen oft mehrere Anläufe, um sich von ihnen zu trennen.“

TANJA LÜHR

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