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Gott und die Welt 

Gibt es für Kompromisse und Mitgefühl keinen Platz mehr? 

In der Serie „Gott und die Welt“ macht sich diesmal Andreas Müller, evangelischer Pastor in Wolfratshausen, Gedanken über Egoismus und Miteinander. 

Ehrlich gesagt war ich schon schockiert, als ich kürzlich die Meldung von dem Sattelschlepper las, der bei einem Stau durch die Rettungsgasse fuhr und dort noch einen weiteren Unfall verursachte. Zunächst habe ich mich geärgert, doch dann habe ich mich gefragt, was einen Menschen veranlasst, so etwas zu tun.

Dann las ich in einem anderen Artikel noch schockierendere Berichte. Ein Mann hat in einer Bank einen Herzanfall, er liegt vor dem Bankautomaten. Vier Kunden hinter ihm beschweren sich bei den Angestellten, dass sie nicht an den Automaten kommen, und fragen, „ob man den Mann nicht mal wegräumen könnte“.

Was ist los in unserer Gesellschaft? 

Auch noch ganz frisch ist der Schock über die Messerattacke auf den Bürgermeister von Altena. Am Montag kam dann die Meldung, dass der türkischstämmige Abgeordnete der Linkspartei Hakan Tas ebenfalls gewalttätig angegriffen wurde.

Das mag reichen an Beispielen. Ich könnte noch viel mehr nennen – von Schulen und Baustellen, vom Aldi-Parkplatz und vom Christkindlmarkt, von Facebook und Twitter.

Andreas Müller: evangelischer Pastor in Wolfratshausen

Ich frage mich, was los ist in unserer Gesellschaft. Wie kommt es, dass die Hemmschwellen sinken? Die eigene Meinung, die eigenen Wünsche scheinen immer wichtiger zu werden. Kompromisse, Miteinander, Gemeinschaft – dafür scheint es keinen Platz mehr zu geben. Offenbar sind wir an dem Punkt, wo der Individualismus in Egoismus umschlägt.

Es ist sicherlich gut, dass in unserer Gesellschaft die Interessen des Einzelnen wahrgenommen und geschützt werden. Aber wenn die eigenen Wünsche, Meinungen und Bedürfnisse absolut gesetzt werden, geht es mit der Gesellschaft bergab.

Weihnachtsbotschaft als Gegenbeispiel

Ich musste an eine Aussage von Jesus denken. In Matthäus 24,12 sagt Jesus: „Weil die Gesetzlosigkeit zunimmt, wird die Liebe in vielen erkalten!“ Was für eine erschreckende Aussage – und doch sehr treffend zusammengefasst. Wenn man nur noch sich sieht, hat man keinen Blick mehr für die Bedürfnisse der anderen. Wie anders klingt da die Weihnachtsbotschaft: Gott denkt nicht an sich, sondern an uns. Deshalb kommt er im Kind in der Krippe in diese Welt. Nicht um sich zu verwirklichen, sondern um zu dienen und zu retten.

Gerade wenn die Zeiten rau sind, braucht es Menschen, die nicht nur sich sehen. Jesus hat das vorgelebt. Und vielleicht kann er uns inspirieren, der erkaltenden Liebe die Wärme der Rücksicht und Freundlichkeit entgegenzusetzen. Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit und ein frohes Weihnachtsfest!

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