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Gott und die Welt 

Tolles Talent: Zeit für sich selbst zu finden 

In dieser Folge der Serie „Gott und die Welt“ beschäftigt sich Pfarrerin Elke Eilert mit einem besonderen Talent.

Es gibt tolle Talente: Tore schießen, Gedichte schreiben oder Opernarien singen. Ich habe das Talent, früh aufzustehen. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Trotzdem: Ich freu mich, dass ich Tag für Tag frühmorgens aus dem Bett komme – ohne Mühe.

Elke Eilert:  Evangelische Pfarrerin in Wolfratshausen

Am frühen Morgen klingelt kein Telefon, keine Termine warten auf mich. Ich kann langsam in den Tag starten, Tee trinken, Zeitung lesen, aufräumen. Das Beste an der stillen Morgenzeit ist, wenn es mir gelingt, für 20 Minuten still auf meinem Meditationskissen zu sitzen, nichts zu denken, still und wortlos zu beten. Natürlich ist es erstmal nicht völlig still – dort auf dem Kissen. In meinem Kopf flimmern Gedanken, wie wenn in mir jemand ständig durch 30 Fernsehprogramme zappt. Doch im stillen Atmen und Loslassen der Gedanken öffnet sich manchmal ein Tor, ein Schutzraum – still ist es hier. Keine Gedanken, keine Sorgen engen mich ein. Friedlich wird es in mir und heimatlich. Vielleicht dauert das nur ein paar Atemzüge lang. Doch grad an den Tagen, an denen ich kaum weiß, wo mir der Kopf steht, ist die innere Stille ein Wunder. Eine Verheißung, dass ich nicht allein durch den Tag muss, sondern tief in mir der gegenwärtig ist, der mein Leben trägt.

Beten mit den Füßen

An manchen Tagen tausche ich das Gebet in der Stille gegen eine andere Gebetsübung ein. Ich ziehe die Joggingschuhe an und laufe los: an der Isar entlang Richtung Süden. Da spüre ich es unter den Füßen, ich rieche es, ich sehe es, wie die Landschaft sich ständig wandelt. Und jede Jahreszeit hat ihre eigene Schönheit – die beschneiten Wiesen, auf denen die Sonne es glitzern lässt, wie wenn tausend Diamanten ausgestreut wären, der zarte Hauch des ersten Frühlingsgrüns, wie wenn ein Maler mit gewaltigem Pinsel einen Hauch grüner Farbe über die Büsche gestrichen hätte, das frühe, goldene Licht der Sommersonne, in dem die Mücken über den Wiesenblumen tanzen und dann die dicke Matte aus buntem Laub, weich und federnd unter meinen Schritten im Herbst. In dieser Schönheit erkenne ich eine Antwort Gottes auf mein Fragen und Sehnen: Er hat alles gut geordnet, er speist meine Seele mit Schönheit. So macht er mir Mut, meinen Weg zu gehen.

Beten mit den Füßen – dazu muss man weder Joggerin noch Frühaufsteher sein. Jede andere Tageszeit ist dafür geeignet. Eines wünsche ich uns allen: die kleinen Momente aufzuspüren, die ausgespart sind von den Forderungen „Du sollst“ und „Du musst“. Zeit für Stille, Zeit fürs Beten, Zeit für Gott – schön, wenn wir das unserer Seele gönnen.

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