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Homeoffice: Das ist die fatale Folge für Wolfratshauser Textilreinigung

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Von: Carl-Christian Eick

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Ein Mann und eine Frau vor einem Wäscheregal.
Üben sich in Optimismus: Frank und Maria-Anna Sindermann, die Geschäftsführer der gleichnamigen Textilreinigung und Wäscherei in Wolfratshausen. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Seit 1963 ist die Textilreinigung Sindermann in Wolfratshausen ein fester Begriff. Doch jetzt sind düstere Wolken über dem Familienbetrieb an der Berggasse aufgezogen.

Wolfratshausen – Das Unternehmen blickt auf eine beeindruckende Historie zurück: Seit 1963 ist die Textilreinigung und Wäscherei Sindermann in der Flößerstadt ein fester Begriff. Doch im 58. Jahr des Bestehens sind düstere Wolken über dem Betrieb an der Berggasse aufgezogen. Die zwei Geschäftsführer, Maria-Anna Sindermann und ihr Sohn Frank, spüren die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie deutlich. „Ja, wir machen uns ernsthafte Sorgen“, räumt Frank Sindermann im Gespräch mit unserer Zeitung ein. Heuer, voraussichtlich im Herbst, müsse mutmaßlich eine so oder so schwerwiegende Entscheidung getroffen werden: „Wohin geht die Reise?“ Doch schwarzmalen will der junge Textilreinigungsmeister nicht: „Jetzt bleiben wir mal optimistisch und schauen, was die nahe Zukunft bringt.“

Vor der Pandemie 50 Brautkleider, jetzt nur noch vier

Die vergangenen Monate seit Ausbruch des Coronavirus brachten dem Geschäft der Sindermanns nichts Gutes. „Woche für Woche wurde es weniger“, berichtet der 30-Jährige. Seit April 2020 fanden quasi keine Feierlichkeiten mehr statt: keine Mai-Feier, kein Vereins-Jubiläum, kein großes Geburtstags- oder rauschendes Hochzeitsfest, kein Abi-Ball und auch das Münchner Oktoberfest musste schließlich vor dem Virus kapitulieren. Somit gab’s auch keine Fettflecken auf der Lederhose, keine Rotweinreste auf dem weißen Brautkleid. „Zum Vergleich: Üblicherweise reinigen wir etwa 50 Brautkleider in einem Jahr, im vergangenen Jahr waren es genau vier Stück“, sagt Sindermann. Ähnlich desaströs fiel die Bilanz mit Blick auf Lederhosen, Dirndl, Anzüge, Smokings, Abi-Ball- und Abendkleider aus. „Der Einbruch ist richtig, richtig heftig“, stellt der 30-Jährige fest.

Damit nicht genug: Mit der Zwangsschließung von Hotels und Wirtshäusern versiegte der Strom der Stofftischdecken, die porentief gereinigt und knitterfrei gebügelt werden müssen. Auch die Kleidung des Servicepersonals steht derzeit nicht in der Gefahr, schmutzig zu werden. „Was uns geblieben ist, sind die Hosen und Jacken der Köche“, erklärt Sindermann, „denn der eine oder andere kocht ja wegen seines Abholgeschäfts.“

Homeoffice hat fatale Folgen

Doch am dramatischsten war für den Wolfratshauser Textilreinigungsmeister eine Konsequenz des Homeoffice: 180 bis 200 Oberhemden täglich reinigten und bügelten die Sindermanns bis zu dem Moment, an dem Hunderte Beschäftigte in der Region beschlossen, künftig daheim zu werkeln. „Inzwischen sind es nur noch etwa 50 Hemden, die wir am Tag bearbeiten.“ Auch Sakkos und die Hosen mit der berühmten Bügelfalte werden nur noch selten in der Reinigung an der Berggasse abgegeben. „Wenn eine Videokonferenz nur eine Stunde dauert, lüften viele die Business-Kleidung nur aus“ – und hochoffizielle Geschäftstermine, bei denen Hemd, Anzug und Krawatte Pflicht sind, finden so gut wie gar nicht mehr statt.

Droht erneute Absage der Wiesn?

Frank Sindermann, der auch einen Abschluss als Betriebswirt vorweisen kann, beschleicht beim Blick in die Bücher zunehmend Bauchweh. Auch, weil niemand prognostizieren kann, wann es zu spürbaren Lockerungen des Lockdowns, das heißt, zu einem Aufflackern des gesellschaftlichen Lebens kommen wird. „Eine Wiesn 2021 wird’s nach meiner Meinung mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht geben“, so der 30-Jährige. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre die erneute Absage des Oktoberfests eine Katastrophe, doch aufgrund des Infektionsschutzes könnte Sindermann die Entscheidung nachvollziehen: „Eventuell würde man alles gefährden, was wir bis September erreicht haben.“

Fest stehe: „Homeoffice wird bleiben.“ Auch nach der Überwindung der Pandemie würden sicherlich viele Unternehmen ihren Mitarbeitern das Arbeiten in den eigenen vier Wänden erlauben – wenn nicht sogar ans Herz legen. „Den Umsatz, den wir in diesem Zusammenhang hatten, werden wir nie wieder erwirtschaften“, prognostiziert der 30-Jährige.

Unter diesen Voraussetzungen sei es unausweichlich, dass er und seine Mutter eine Entscheidung treffen müssten, ob und wie es mit dem kleinen Familienbetrieb weitergeht: „Was tun wir, was passiert nach 2021?“ Doch überstürzen wolle er nichts, betont Frank Sindermann. „Mir macht meine Arbeit Freude“, und die immer noch große Zahl an Stammkunden trage sicherlich zur Entscheidungsfindung bei. Auf der anderen Seite: „Aktuell haben wir Zweidrittel weniger Arbeit“, räumt der Geschäftsführer ein. Das 58. Jahr des Bestehens der Textilreinigung und Wäscherei Sindermann ist ohne Zweifel eines der schwersten. (cce)

Lesen Sie auch: Betrüger installieren Schadsoftware auf PC eines Wolfratshausers (76).

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