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Eine 71 Jahre alte Rentnerin aus dem Landkreis ist das Opfer von falschen Polizisten geworden.

Rentnerin wurde Opfer falscher Polizisten

„Ich war hypnotisiert“: Rentnerin geht falschen Polizisten auf den Leim

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
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Fast täglich wird vor falschen Polizisten gewarnt - doch die Betrüger gehen immer professioneller vor. Wir haben mit einem Opfer (71) gesprochen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Mechtild Meier (Name von der Redaktion geändert) kann sich genau erinnern, wie an jenem Donnerstag im Februar das Telefon geklingelt hat. Es war genau 22.30 Uhr. Sie hatte schon geschlafen und war ein wenig benommen. „Vielleicht habe ich deswegen falsch gehandelt“, erklärt sie. „Ich hätte einfach auflegen sollen.“ Doch das tat sie nicht – und wurde so zum Opfer falscher Polizisten.

Am anderen Ende der Leitung sprach eine Frau, junge Stimme, akzentfrei. Angeblich gehörte sie der „Kriminalpolizei Wolfratshausen“ an. Dass es die gar nicht gibt, fiel Meier (71) erst später auf. Vielleicht auch deswegen, weil die Frau einfach immer weiter sprach, ohne Punkt und Komma. Und was sie erzählte, klang bedrohlich.

Sie behauptete, dass zwei Räuber aufgegriffen worden seien. Einer sei mittlerweile im Gewahrsam der Polizei, der andere habe sich absetzen können. Er sei im Besitz einer Liste von 50 Einbruchszielen, darunter das Anwesen von Frau Meier, irgendwo in einer Flächengemeinde im Nordlandkreis. Sie solle so schnell wie möglich Fenster und Türen schließen, die Täter seien unterwegs. „Natürlich ist mir da mulmig geworden“, sagt die Seniorin. „Ich war hypnotisiert.“

Angeblich sprach die vermeintliche Polizistin mit Kollegen

Die Anruferin sorgte dafür, dass alles möglichst authentisch wirkt, so, als säße sie direkt in einer Inspektion. Sie suchte immer wieder das Gespräch mit einem vermeintlichen Kollegen im Hintergrund. Sie sagte: „Jetzt geht er gerade in den Vernehmungsraum... Gleich ist er für Sie zu sprechen... Hast Du eben Zeit für Frau Meier?“ Und einiges anderes mehr. Die Illusion, dass Frau Meier kurz davor steht, Opfer eines Verbrechens zu werden, war perfekt. Dabei war die Frau selbst eine Betrügerin.

Dann geschah etwas Seltsames: Der Kontakt brach ab. Kurz darauf meldete sich die Unbekannte erneut, diesmal auf Meiers Handy, deren Nummer die Gauner offenbar ebenfalls ausgekundschaftet hatten. Jetzt behauptete sie, dass die Räuber offenbar mit Störsendern arbeiten, man werde Meier gleich wieder auf ihrem Festnetztelefon anrufen. Diesmal war der vermeintliche Kollege der Frau am Apparat, ebenfalls junge Stimme, ebenfalls akzentfrei.

Seniorin sollte alle Wertsachen in eine Tasche packen

Dieser forderte Mechtild Meier auf, alle Wertsachen in einer Tasche zusammenzupacken, deren sie habhaft werden kann, Schmuck, Geld, Autoschlüssel. Die Tasche solle sie einem Mitarbeiter übergeben, der gleich an der Tür klingeln wird. Und tatsächlich, es klingelte. Im Nachhinein ist klar: Er muss dort längst auf seinen Einsatz gewartet haben. Eine innere Stimme warnte Mechtild Meier, als sie die Tür aufmachte. Da stand ein junger Mann zwischen 30 und 40 Jahren, weiße Jacke mit schwarzem Streifen, und sprach kein Wort.

„Wie schaut der Mann aus, dem ich das Geld übergeben soll?“, fragte Meier den Mann am anderen Ende der Leitung. Doch der ging auf die Frage gar nicht ein, sondern erwiderte: „Um Himmels willen, geben Sie ihm die Tasche und gehen Sie wieder ins Haus. Es ist viel zu gefährlich für Sie.“ Die Rentnerin tat, wie ihr geheißen. Die Tür ging zu. Barschaft und Schmuck im Wert von mehreren tausend Euro waren weg.

Erst in der Nacht schöpft die Rentnerin Verdacht 

Noch in der Nacht kam ihr der Verdacht, dass irgendetwas nicht stimmt und ließ ihre Kreditkarten sperren. Danach, sagt sie, hat sie ein paar Tage gebraucht, um zu realisieren, was wirklich passiert ist. „Am Montag bin ich zur Polizei gegangen und habe Anzeige erstattet.“ Wenige Tage danach rückte das Polizeipräsidium München in ein Haus in Waldram ein und nahm einen Verdächtigen fest, wohl den den Boten. Der Verdacht liegt nahe, denn: Irgendwo am Boden fand die Polizei die zerschnittene Kreditkarte von Mechtild Meier.

Für den Wolfratshauser Polizeichef Andreas Czerweny zeigt der Fall klar und deutlich, dass niemand davor gefeit ist, Opfer solcher Betrüger zu werden. „Die Gegenseite nutzt aus, dass die älteren Herrschaften einer braven und anständigen Generation entstammen.“ Die Anrufer sitzen oft im Ausland, haben in Callcentern gearbeitet und sind darauf trainiert, am Telefon möglichst vertrauenswürdig zu wirken. Die Botendienste vor Ort übernehmen oft junge Männer, teilweise Asylbewerber.

Auffallend ist, dass während der Corona-Krise im Landkreis die Anrufe falscher Polizisten weitgehend aufgehört haben. Mit den Lockerungen setzten sie wieder ein. Warum das so ist, dafür hat der Polizeichef keine Erklärung. Er stellt aber fest, dass die Anrufer neuerdings bairisch reden, um noch vertrauenswürdiger zu wirken. „Die Gegenseite lernt offenbar dazu.“

Und Mechtild Meier? Sie hat die finanziellen Einbußen einigermaßen verkraftet. „Die Laufereien hinterher waren fast noch schlimmer“, sagt sie. Und auch psychisch schaffte Meier es, mit dieser unangenehmen Erfahrungen abzuschließen. „Es hilft ja nichts, man muss das emotional abhaken“, sagt sie. Doch die Erinnerung an diesen Abend wird sie noch lange begleiten. „Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas passieren kann“, sagt sie, immer noch fassungslos über sich selbst. „Es war wie in einem Film, ich ich kam nicht mehr raus.“ vu

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