Reinhold Krämmel, Sprecher des IHK-Forums Region Oberland
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Reinhold Krämmel, Sprecher des IHK-Forums Region Oberland

Corona-Pandemie

IHK-Sprecher Reinhold Krämmel: „Eine Krise birgt immer Chancen“

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
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Welche Folgen hat die Corona-Pandemie für die Wirtschaft im Landkreis? Darüber spricht Reinhold Krämmel von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in der Region im Interview.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr ist die Wirtschaft im Oberland besser als erwartet durch den Sommer gekommen. Das hat eine Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) in der Region ergeben (siehe Kasten rechts). Rosig sind die Zeiten für Betriebe im Landkreis aber keineswegs, auch angesichts des erneuten Lockdowns, wie Reinhold Krämmel im Interview feststellt. Der 71-Jährige ist Sprecher des IHK-Forums Region Oberland und Aufsichtsratsvorsitzender des Bauunternehmens Krämmel mit Sitz in Wolfratshausen.

Herr Krämmel, wie geht es Ihnen in der aktuellen Situation?

Krämmel: Nicht gut. Mir ist bewusst, dass wir es mit einer sehr hochansteckenden Viruserkrankung zu tun haben, aber ich zweifle, ob die von der Politik beschlossenen Maßnahmen verhältnismäßig sind. Es wird viele Nebenwirkungen geben, nicht nur im wirtschaftlichen Bereich.

Denken Sie dabei an etwas Bestimmtes?

Krämmel: Ich selbst habe zum Beispiel mit der IHK eine Videokonferenz nach der anderen. Darunter leiden die persönlichen Kontakte. Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie werden viel gravierender als die wirtschaftlichen Schäden sein. Mir macht auch dieses Hin und Her zu schaffen. Den ganzen Sommer war die Rede davon, dass ein zweiter Lockdown unbedingt vermieden werden muss. Jetzt haben wir doch wieder einen, und er wird leider verharmlost.

Wie wirken sich die Maßnahmen auf Ihr Bauunternehmen aus?

Krämmel: Für unsere Branche haben die Maßnahmen bisher kaum negative Folgen. Natürlich trage ich auch wie alle eine Maske, wenn ich ins Büro gehe. Aber ein Teil unserer Mitarbeiter ist anfällig für die Angst und Panik, die verbreitet wird und wünscht, im Homeoffice zu arbeiten. Wir haben nicht gemessen, wie sich dieser psychische Druck auf die Produktivität auswirkt, aber der Rückgang wird wohl bei fünf bis sieben Prozent liegen.

Sie bekommen sicher auch mit, wie sehr die Corona-Pandemie die anderen Branchen in der Region trifft.

Krämmel: Im Landkreis spiegelt sich die gesamtwirtschaftliche Situation, ist also immens durchwachsen. Wir haben hier viel produzierendes Gewerbe, wo die Auswirkungen wohl nicht so gravierend sein werden. Unsere Zulieferer der Automobilindustrie hatten im ersten Lockdown Einbußen, aber sie sind wieder raus aus der Talsohle. Im Dienstleistungsbereich geht es allerdings für viele ums nackte Überleben. Die Krise trifft nicht nur den Tourismussektor, sondern auch dessen Zulieferer, die gesamte gastronomische Infrastruktur, Servicekräfte und so weiter.

Der Staat greift hier finanziell unter die Arme. Zielen die Hilfsprogramme in die richtige Richtung?

Krämmel: Manche staatliche Hilfe ist sicher notwendig und zielgerichtet. Die IHK hat heuer selbst Anträge auf Überbrückungshilfe für kleine und mittlere Unternehmen abgewickelt. Allerdings wird das Füllhorn teilweise auch in die falsche Richtung ausgeschüttet. Ich sehe etwa die Lufthansa-Rettung durchaus kritisch. Im Europäischen Vergleich haben ihr die staatlichen Hilfen eher geschadet. Die Milliarden, die jetzt verteilt werden, müssen später irgendwo wieder eingetrieben werden. Als Unternehmer bin ich grundsätzlich gegen staatliche Hilfen und Subventionen. Man muss es in einer Volkswirtschaft aushalten, dass sich Veränderungsprozesse abspielen. Eine Krise birgt immer auch Chancen, es ist ein politischer Fehler, alles und jeden retten zu wollen. Manche werden jetzt sagen, der Krämmel hat leicht reden. Aber ich bin überzeugt, dass sich Leistung lohnen muss.

Wenn es nicht Geld ist. Was würde der Wirtschaft im Landkreis stattdessen helfen?

Krämmel: Wir brauchen unbedingt ein Belastungsmoratorium. In dieser Krise darf der Rucksack aus Bürokratie, Vorschriften und Regularien für die Unternehmen nicht noch voller gestopft werden. Weniger Staat und mehr Eigenverantwortung würde uns weiterbringen.

Die IHK-Konjunkturumfrage wurde durchgeführt, bevor der Teil-Lockdown im November beschlossen wurde. Wie wird er sich auf die wirtschaftliche Situation auswirken?

Krämmel: Warten wir es ab. Für Betriebe, die aufs vorweihnachtliche Geschäft angewiesen sind, ist das jetzt schon mal gelaufen. Die umfassenden Beschränkungen werden große Teile der Wirtschaft zu spüren bekommen.

Zum Schluss noch ein Blick weit über den Tellerrand. Da Sie auch Honorarkonsul von Kirgisistan sind: Wie ist die Situation dort?

Krämmel: Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind viel gravierender als bei uns. Die dortige Wirtschaftskrise hängt aber nicht nur mit Corona zusammen. Im Oktober gab es zum dritten Mal eine Revolution, und der Präsident ist zurückgetreten. Die Situation ist momentan diffus. Im Nachbarland Kasachstan, wo ich auch einen guten Einblick habe, ist die Lage stabiler. Dort gibt es auch wirtschaftliche Rückschläge. Betroffen sind die gleichen Branchen wie bei uns.

sw

IHK-Konjunkturumfrage Oberland

Laut einer Konjunkturumfrage der IHK für München und Oberbayern vom Herbst stieg der IHK-Konjunkturindex für die Region von 87 auf 105 Punkte. Zu ihrer Geschäftslage befragt bezeichneten rund 40 Prozent der Unternehmen diese als gut. Jedes vierte Unternehmen bewertete sie als schlecht.....

Hinsichtlich ihrer Wachstumsaussichten an die kommenden Monate rechnen nur 17 Prozent der Unternehmen mit einer Geschäftsbelebung, fast ein Viertel (23 Prozent) hingegen mit einer Eintrübung. Die geringe Zuversicht ist laut Mitteilung vor allem darauf zurückzuführen, dass Branchen wie Hotellerie und Gastronomie, das Veranstaltungswesen, die Kultur- und Kreativwirtschaft und der Tourismus nach wie vor unter erheblichen Einschränkungen leiden.

Die Verunsicherung ist hoch. Das führt dazu, dass die Investitionspläne der Unternehmen auf niedrigem Niveau verharren. Nur 15 Prozent der befragten Unternehmen möchten derzeit mehr als bisher investieren. Rund ein Fünftel will seine Investitionen zurückfahren, und ein Viertel beabsichtigt sogar, vollständig darauf zu verzichten. Auch beim Personal sparen die Unternehmen. Nur elf Prozent möchten mehr Mitarbeiter einstellen, ein Viertel muss Stellen streichen. Damit verbleiben die Beschäftigungspläne auf dem niedrigen Niveau vom Frühjahr.

Die Befragung der IHK für München und Oberbayern für ihren Konjunkturbericht erfolgte vom 9. bis 30. September und damit vor dem Teil-Lockdown. Beteiligt haben sich Unternehmen aus den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen, Garmisch-Partenkirchen, Miesbach und Weilheim-Schongau.

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