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Impfpflicht im Gesundheitswesen: Droht eine Kündigungswelle ?

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Von: Peter Borchers

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Ein Mensch wird geimpft
Impfen ist ein Muss: Ab dem 16. März dürfen Beschäftigte in bestimmten Einrichtungen im Gesundheitswesen nur noch arbeiten, wenn sie vollständig geimpft oder genesen sind. (Symbolfoto) © Marijan Murat/dpa

Ab 16. März gilt die Impfpflicht im Gesundheitswesen. Experten befürchten eine Kündigungswelle. Arbeitgeber in Bad Tölz-Wolfratshausen wollen das mit Überzeugungsarbeit verhindern.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ob eine allgemeine Impfpflicht kommen soll, wird zurzeit heiß diskutiert. Für Beschäftigte in Gesundheits-, Pflege- und Betreuungseinrichtungen ist sie bald Pflicht. Ab dem 16. März dürfen sie in diesem Bereich nur noch arbeiten, wenn sie gegen das Coronavirus geimpft oder genesen sind. Nicht wenige Experten befürchten eine Kündigungswelle, durch die sich der akute Pflegenotstand noch verschlimmert.

Bedeckt hält sich die für den Landkreis zuständige Agentur für Arbeit in Rosenheim. Ob ein Kündigungs-Tsunami zu erwarten sei, lasse sich nicht beantworten, „weil wir nicht wissen und einschätzen können, wie sich die Arbeitgeber ab dem 16. März in der Sache verhalten“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Michael Schankweiler. Ebenso bleibe abzuwarten, wie sich die betroffenen Beschäftigten im Pflegebereich im Hinblick auf die ab Mitte März geltenden Regelungen entscheiden würden.

BRK-Leiter vermisst Wertschätzung aus Berlin

Helmut Kulla leitet im Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Bad Tölz den Bereich Soziale Dienste, worunter die vom BRK angebotene Ambulante Pflege fällt. Er nimmt die Politik in die Pflicht: „Wir hätten uns sehr gefreut, wenn die Bundesregierung nach der Erklärung der Pflegekräfte zu ,Helden der Pandemie‘ auch konkrete Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität und Wertschätzung der Pflegeberufe hätte folgen lassen, um eine Abwanderung von Pflegekräften in andere Berufe zu vermeiden und dem Pflegenotstand entgegenzuwirken.“ Leider sei dies nicht geschehen. Das BRK selbst versuche, seinen Mitarbeitern „im Rahmen unserer Möglichkeiten als Arbeitgeber die bestmöglichen Bedingungen zu bieten“. Dies gelte unabhängig von der momentanen Pandemielage generell.

Relativ gelassen ist man im Wolfratshauser AWO-Demenz-Zentrum. „Wir sind dankbar und in der glücklichen Lage, dass wir hier im Haus schon jetzt eine recht hohe Impfquote unter den Mitarbeitern haben“, sagt Linda Quadflieg-Kraft, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Oberbayern. Einzelne hätten sich aus persönlichen Gründen bisher zwar noch nicht impfen lassen, mit ihnen stehe man aber „im intensiven Austausch“. Man hoffe, sie „beispielsweise über unseren Betriebsarzt von einer Impfung überzeugen zu können“.

Dass es an Pflegekräften mangelt, ist nicht erst seit der Corona-Krise Thema. Die AWO Oberbayern versucht, diesem Negativtrend entgegenzusteuern. Man biete den Mitarbeitern „seit Jahren ein attraktives Leistungspaket mit fairen Tarifgehältern, sozialen Zusatzleistungen sowie familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen“, sagt Quadflieg-Kraft. Deswegen geht sie davon aus, „dass sich Austritte aufgrund der kommenden Impfpflicht im Rahmen halten werden“.

Klinik-Sprecher findet selektive Impfpflicht unfair

Über 1000 Covid-Patienten hat das Team der Asklepios-Stadtklinik in Bad Tölz seit dem Ausbruch der Pandemie ambulant und stationär versorgt, darunter 120 Intensiv-Patienten. Nicht zu vergessen all die anderen Patienten. „Das Engagement und die Motivation, mit der die Teams sich dieser Herausforderung stellen, ist bewundernswert“, sagt Klinik-Sprecher Christopher Horn.

Leider sei die Belastung weiterhin hoch. Das lag und liege auch daran, dass eine Vielzahl der stationären Corona-Patienten nicht vollständig oder gar nicht geimpft ist. „Ein vollständiger Impfschutz und eine entsprechende Auffrischungsimpfung sind auch im Angesicht der neuen Omikron-Variante nicht nur der beste Schutz vor einem schweren oder gar tödlichen Krankheitsverlauf, sondern der einzige Weg“ aus der Pandemie, sagt Horn. Das sieht die Belegschaft offensichtlich auch so. „Wir profitieren von einer sehr hohen Impfquote unseres Personals. Aktuell sind rund 90 Prozent vollständig geimpft und ein großer Anteil davon bereits geboostert.“ Sein Haus werbe bei den Mitarbeitenden natürlich weiterhin für Schutzimpfungen und unterbreite entsprechende Angebote.

Kündigungen können alle Bereiche der Klinik betreffen

Dass die Pflicht zum Nachweis der vollständigen Impfung oder Genesung nur für Beschäftigte in Pflegeberufen gilt, findet der Klinik-Sprecher unfair. Es ist „nicht richtig, diese Debatte auf dem Rücken der Kollegen auszutragen, die sich täglich um das Wohl der Patienten kümmern beziehungsweise für einen reibungslosen Krankenhausbetrieb sorgen.“ Jeder einzelne Bürger solle sich fragen, wie er zum Ende der Pandemie beitragen und damit die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen schützen könne, „die sich täglich aufopferungsvoll um alle geimpften und ungeimpften Patienten kümmern“.

Ingo Kühn, Geschäftsführer der Kreisklinik in Wolfratshausen, rechnet „natürlich mit Kündigungen von Mitarbeitern, die sich nicht impfen lassen wollen“. Dies betreffe aber nicht nur die Pflegekräfte, sondern alle Bereiche einer Klinik, da die Impfpflicht für alle Mitarbeiter gilt. Ziel sei es laut Kühn, „keine Kündigungen hinnehmen zu müssen“. Die Strategie der Klinikleitung: Gegenwärtig werde der Impfstatus der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktualisiert. Anschließend würden sie in einem Schreiben auf die neuen Regelungen hingewiesen und ihnen ein persönliches, vertrauliches Gespräch zum Thema Covid-Impfung mit einem Chef- oder dem Betriebsarzt angeboten. Denn die Verunsicherung sei groß bei diesem Thema. Das Ziel sei, so Kühn, dass die Mitarbeiter „ihre Ängste und Sorgen hinsichtlich einer Covid-Impfung mit einem Arzt besprechen können. Unsere Hoffnung ist, dass sich der eine oder andere Mitarbeiter noch impfen lässt.“

Dem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen begegnet die Kreisklinik unabhängig von Pandemie und Impfpflicht mit der stetigen Suche nach neuen Kräften. Auch „bilden wir selbst zum Pflegefachmann/-frau aus, um in Zukunft vakante Stellen besetzen zu können“, sagt der Geschäftsführer. Überdies nimmt das Haus am Moosbauerweg an verschiedenen Programmen teil, „um ausländische Fachkräfte gewinnen zu können. Diese müssen bei Antritt der Tätigkeit sowieso geimpft sein“.

peb

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