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Sun Newspaper says Queen backs Brexit

„Populistische Parolen entkräften“

Interview: Was sagt die Europa-Union zum Brexit?

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Bad Tölz-Wolfratshausen – Ein Gespräch mit Hans-Jürgen Göbel, Kreisvorsitzender der Europa-Union, über den Brexit und anderes Unbill.

Der 9. Mai ist Europatag. Denn: Es war der 9. Mai 1950, als der französische Außenminister Robert Schumann seinen Vorschlag für ein vereintes Europa als Voraussetzung für friedliche Beziehungen unterbreitete. Die sogenannte Schumann-Erklärung war ein Meilenstein. Einer, der sich für die Sache Europas seit Jahrzehnten stark macht, ist der Wolfratshauser Hans-Jürgen Göbel (76), Vorsitzender des Kreisverbandes der Europa-Union. Mit dem gebürtigen Hessen sprach Volker Ufertinger.

Herr Göbel, Europa erlebt ja gerade einen echten Stresstest. Wie steht es um das Projekt?

Es gibt keinen Zweifel, dass die europäische Idee in einer Krise steckt. Was die Themen Schulden und Migration angeht, sind wir von einer Lösung weit entfernt.

Sind Sie zuversichtlich, dass das gelingt?

Ein überzeugter Europäer:Hans-Jürgen Göbel, Kreisvorsitzender der Europa-Union.

Ja, das bin ich. Man muss nur erkennen, dass die einzelnen Nationalstaaten mit den Themen absolut überfordert wären. Eine einige EU kann diese Probleme schultern. Insofern ist die europäische Zusammenarbeit nicht das Problem, sondern die Lösung.
 
In wenigen Wochen stimmt Großbritannien ab. Ist für Sie ein Brexit denkbar?
 
Nein, das halte ich für unmöglich. Die Industrie und die Bevölkerung profitiert in einem unglaublichen Maße von Europa. So weit wird es nicht kommen. Zur Not wird die britische Wirtschaft der Regierung auf die Füße steigen. Und die Waliser und Schotten wollen ja auch in der EU bleiben.

Was ist so wichtig an der europäischen Idee?

Nationalismus und Angst vor Fremdem haben in der deutschen und europäischen Geschichte zu den schwärzesten Kapiteln geführt. Im vereinten Europa sind Generationen von Menschen herangewachsen, für die Frieden, Freiheit und Wohlstand selbstverständlich sind. Das ist ein großes Glück, das sollte niemand vergessen.

Was ist mit den populistischen Kräften in vielen Ländern? Wie groß ist die Gefahr, die von ihnen ausgeht?

Sehr groß. In den europäischen Verträgen haben sich die EU-Mitgliedstaaten zur Achtung der Menschenwürde, zu Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verpflichtet. Das dürfen wir uns von national-chauvinistischen Parteien nicht kaputt machen lassen.

Wie erleben Sie die Stimmung der Menschen?

Wenn wir zum Beispiel einen Info-Stand haben, müssen wir oftmals böse Tiraden über uns ergehen lassen. Dann frage ich irgendwann: „Also sind Sie ein Gegner des geeinten Europas?“ Dann heißt es oft : „Nein, nein, das bin ich nicht, aber ...“ Also durchaus ambivalent.

Wie viele Mitglieder hat Ihr Kreisverband?

62.

Das ist nicht viel.

Nein leider, jeder Kaninchenzüchterverein hat mehr. Das ist ja das Schlimme. Deutschlandweit haben wir 18 000 Mitglieder. Es müssten aber 18 Millionen sein.

Hat die Politik auch Anteil an dieser Europaskepsis?

Das glaube ich schon. In Sonntagsreden ist Europa immer sehr gelobt worden, aber in der Praxis hat es oft ganz anders ausgeschaut. Diese Jein-Haltung zu Europa war fatal und hat dazu geführt, dass sich diese großartige, weltweit einzige Idee des Europäischen Einigungswerkes in Frieden und Freiheit nie so richtig in den Köpfen vieler Menschen verankert hat.

Wie sind Sie selbst zu einem Verfechter der europäischen Idee geworden?

Zum einen ist es so, dass mein Vater im Krieg gefallen ist. Das hat mich wesentlich geprägt.

Und zum anderen?

Ich bin beruflich viel in der Welt herum gekommen, Zentral-Afrika, Vorderer und Mittlerer Orient, Nordafrika und, und... Ich habe schätzen gelernt, was europäische Werte wie Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Frieden und Freiheit bedeuten.

Und dann?

Zurück in Bayern, ich stand in der Mitte meines Lebens und wollte mich neben meinem Beruf politisch engagieren. Doch in keiner der politischen Parteien fand ich so richtig meine Heimat. Glücklicherweise habe ich dann in Ammerland Herrn Georg Kahn-Ackermann kennen gelernt (Ackermann war der erste deutsche Generalsekretär des Europarates, Anmerkung der Redaktion). Dieser wundervolle Mensch, diese großartige Persönlichkeit machte einen überzeugten Europäer aus mir. Ich wurde Mitglied in der Europa-Union Deutschland.

Was kann man im Landkreis ganz konkret tun, um die europäische Idee zu stärken?

Es liegt auch an uns, die europäischen Werte zu verteidigen. Wir alle sind dafür verantwortlich, dass Vielfalt, Toleranz und Solidarität im Geist der Gründungsväter des Europäischen Einigungswerkes gelebt werden. Dazu gehört auch, in unserem alltäglichen Umfeld Vorurteile nicht unwidersprochen zu lassen und populistische Parolen zu entkräften.

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