Hände demonstrieren eine Herzdruckmassage an einer Puppe
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Herzdruckmassage anstatt Mund-zu-Mund-Beatmung: Das Risiko einer Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus kann so reduziert werden.

„Das Falscheste ist, nichts zu tun“

Interview: Wie Lebensrettung in Zeiten von Corona funktioniert

  • Franziska Konrad
    vonFranziska Konrad
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Wer wegen Corona dauernd auf Abstand bedacht ist, kann sich nur schwer vorstellen, einem Verletzten Erste Hilfe zu leisten. Genau falsch, erklärt Katrin Jungmeier vom Bayerischen Roten Kreuz im Interview.

  • Am 12. September ist Tag der Ersten Hilfe
  • Unterlassene Hilfeleistung ist strafbar
  • Wegen der Corona-Pandemie gibt es Sonderregeln

Bad Tölz-Wolfratshausen – Unfälle mit Verletzten im Straßenverkehr, Supermarkt oder zu Hause – das passiert leider auch in Zeiten von Corona. Aber ist Erste Hilfe durch die ganzen Sicherheitsmaßnahmen momentan überhaupt erlaubt? Und falls ja, wie kann man sich schützen? Darüber hat unsere Volontärin Franziska Konrad zum heutigen Tag der Ersten Hilfe mit Katrin Jungmeier (39) vom Bayerischen Roten Kreuz Bad Tölz-Wolfratshausen gesprochen.

Frau Jungmeier, eineinhalb Meter Sicherheitsabstand ist das Gebot der Stunde. Ist Erste Hilfe da überhaupt erlaubt?

Katrin Jungmeier: Definitiv. Erste Hilfe ist immer wichtig. Die Pflicht zu helfen haben wir trotz Corona. Tun wir das nicht, ist das sogar unterlassene Hilfeleistung – und somit strafbar.

Gilt das auch für Menschen der Risikogruppe?

Katrin Jungmeier: Das gilt für alle. In Deutschland steht ganz eindeutig im Strafgesetzbuch: Jeder ist verpflichtet, Hilfe zu leisten.

Aber was ist mit der Ansteckungsgefahr?

Katrin Jungmeier: Corona hin oder her – der Eigenschutz steht generell immer an erster Stelle. Das bedeutet: Keiner, der Erste Hilfe leistet, ist verpflichtet, sich selbst in Gefahr zu bringen. Hören, Sehen, Fühlen – diese Grundsätze der Ersten Hilfe gelten zwar weiterhin. Aber bezüglich des Eigenschutzes haben wir ein paar Lehraussagen angepasst.

Und die wären?

Katrin Jungmeier: Bevor man bei einem Unfall hilft, sollte man auf jeden Fall erst einmal Schutzmaßnahmen treffen. Das heißt, gegebenenfalls die Unfallstelle absichern, Einmalhandschuhe und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Wenn man die Möglichkeit hat, bitte auch dem Verletzten eine Maske aufsetzen. Die Atemspende gehört zur Reanimation mit dazu. Wenn ich mich damit aber selbst in Gefahr bringe – etwa durch das Ansteckungsrisiko – empfehlen wir stattdessen, sich auf die Herzdruckmassage zu konzentrieren. Sogar beim Überprüfen der lebenswichtigen Funktionen lässt sich die Ansteckungsgefahr einschränken.

Bitte erklären Sie das genauer.

Katrin Jungmeier: Ich schaue nach: Ist der Verletzte ansprechbar? Reagiert er auf Ansprachen oder leichtes Rütteln? Das kann ich mit einem gewissen Abstand machen. Auch bei der Atemkontrolle brauche ich nicht zu nahe ans Gesicht heranzugehen. Stattdessen kann ich im gewissen Abstand etwa 30 Sekunden den Brustkorb beobachten, ob der sich hebt und senkt. Was man aber dazusagen muss: Die meisten Unfälle passieren nach wie vor im Haushalt oder im direkten Umfeld.

Und das bedeutet weniger Risiko?

Katrin Jungmeier: Richtig. Dort kenne ich die Leute und weiß, wo sie sich in letzter Zeit aufgehalten haben. Hier könnte zum Beispiel die Mutter die Beatmung ihres Kindes übernehmen, und ich erledige als Ersthelfer den Rest. In solchen Fällen ist das Infektionsrisiko bei Weitem nicht so groß, wie wenn ich einem Fremden zum Beispiel in der S-Bahn helfe.

Katrin Jungmeier vom Bayerischen Roten Kreuz Bad Tölz-Wolfratshausen.

Woran erkenne ich überhaupt, ob Hilfe wichtiger ist als das Risiko einer möglichen Infektion?

Katrin Jungmeier: Ich sag’ in meinen Erste-Hilfe-Kursen ganz oft: Die Leute sollen sich auf ihr Bauchgefühl verlassen. Meistens spürt man selber, dass etwas nicht passt und Hilfe gebraucht wird. Und vielen ist schon geholfen, wenn sie nicht alleine sind, sich jemand um sie kümmert und Hilfe holt.

Eben haben Sie die Erste-Hilfe-Kurse angesprochen. Wie laufen die unter den geltenden Hygiene-Bestimmungen ab?

Katrin Jungmeier: Natürlich achten wir darauf, den Mindestabstand einzuhalten, abgesehen von den praktischen Übungen. Aber dafür bilden wir feste Zweierteams, die dokumentiert werden. Wenn die Paare üben, müssen sie sich vorher die Hände desinfizieren, Handschuhe und Mundschutz tragen. Auch Matten und Übungspuppen desinfizieren wir vor jedem Gebrauch. Außerdem müssen die Teilnehmer bestätigten, dass sie sich die letzten zwei Wochen in keinem Risikogebiet aufgehalten haben und keine Krankheitssymptome haben.

Wie ist die Stimmung in den Kursen?

Katrin Jungmeier: Alle Teilnehmer sind sehr aufgeschlossen und verständnisvoll, gerade was die Sicherheitsmaßnahmen angeht. Und was mich persönlich freut: Ich hatte noch keinen Kursteilnehmer, der Hemmungen hätte, trotz Corona zu helfen.

Befürchten Sie denn, dass die Menschen zurzeit weniger helfen als sonst?

Katrin Jungmeier: Eine gewisse Hemmschwelle ist in unserer Gesellschaft leider vorhanden. Das gilt zwar weniger in Betrieben oder zu Hause, aber gerade dann, wenn es darum geht, einem Fremden zu helfen.

Woran liegt das?

Katrin Jungmeier: Die Leute haben Angst, etwas falsch zu machen und dafür bestraft zu werden.

Ist diese Angst begründet?

Katrin Jungmeier: Nein. Bei uns in Deutschland ist ganz klar geregelt: Wenn ich nicht helfe, kann das zwar bestraft werden. Aber nicht, wenn ich aus irgendeinem Grund etwas falsch mache, weil ich es nicht besser gewusst habe.

Wenn sich jemand trotzdem unsicher ist, wie er helfen soll. Haben Sie hier einen Tipp parat?

Katrin Jungmeier: Wenn ich mir ganz unsicher bin, kann ich zumindest einen Notruf absetzen. Die Leitstelle macht mittlerweile Telefonreanimationen. Das heißt, sie leiten Ersthelfer bei Reanimationen am Telefon an. Die Mitarbeiter kann ich aber generell immer fragen, was ich machen soll. Man kann wirklich nichts Falsches tun. Das Falscheste, was wir tun können, ist nichts zu tun. Und wenn man sich unsicher ist, auf dem aktuellen Stand zu sein, oder generell unsicher ist, kann man jederzeit sein Wissen in einem unserer Kurse auffrischen.

Wie funktioniert die Herzdruckmassage?

  • Auf der Homepage des Deutschen Roten Kreuzes stehen Anleitungen für Erste-Hilfe-Maßnahmen zur Wiederbelebung, darunter auch die Herzdruckmassage. Eine Anleitung:
  • • Neben dem Betroffenen in Höhe des Brustkorbs knien.
  • • Den Ballen einer Hand auf das untere Drittel des Brustbeins platzieren ( = Mitte des Brustkorbs).
  • • Den Ballen der anderen Hand auf die erste Hand aufsetzen.
  • • Die Arme des Helfers sind gestreckt, und der Brustkorb wird senkrecht von oben durch Gewichtsverlagerung des eigenen Oberkörpers 30 Mal mindestens fünf bis maximal sechs Zentimeter tief eingedrückt.
  • • Druck- und Entlastungsdauer sollten gleich sein.

Info

Alle Erste-Hilfe-Kurs-Termine vom Roten Kreuz in Bad Tölz-Wolfratshausen gibt es im Internet unter www.brk-toel-wor.de

Noch mehr lokale Geschichten gibt es in unserem wöchentlichen Regionen-Newsletter für Wolfratshausen, Geretsried und die Region.

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