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Die Kreisklinik Wolfratshausen arbeitet eng mit Großhadern zusammen: Dr. Michael Trautnitz demonstriert die Zusammenarbeit mit den Spezialisten in München mittels Videokonferenz. 

Kreisklinik Wolfratshausen 

Jede Minute zählt: Dr. Trautnitz über Schlaganfälle

Schnelle Hilfe ist bei einem Schlaganfall entscheidend. Wie man Symptome früh erkennt und welche Therapiemöglichkeiten es gibt, erklärt Dr. Trautnitz von der Kreisklinik Wolfratshausen im Interview. 

Wolfratshausen „Bei einem Schlaganfall entscheiden Minuten, ob der Patient bleibende Schäden zurückbehält“, sagt Dr. Michael Trautnitz. Denn mit jeder Minute ohne Sauerstoffversorgung sterben sehr viele Gehirnzellen. Die schnelle Behandlung hat deshalb höchste Priorität. Als Chefarzt der Inneren Medizin ist Trautnitz auch für die Schlaganfallversorgung in der Kreisklinik Wolfratshausen verantwortlich. Im Interview spricht er über Ursachen, Symptome und die Behandlung in der Klinik.

Herr Dr. Trautnitz, wie kommt es zum Schlaganfall?

Der Grund kann eine verengte oder verschlossene Arterie sein, die die Sauerstoffversorgung zu den Gehirnzellen abschneidet. Dafür verantwortlich ist häufig eine verkalkte Arterie. Bei größeren Arterien blockieren in der Regel Blutgerinnsel den Durchgang. Nur in etwa zwölf Prozent der Fälle ist eine Hirnblutung für den Schlaganfall verantwortlich.

Welche Symptome weisen auf einen Schlaganfall hin? Kann ich diese zu anderen Beschwerden abgrenzen?

In erster Linie sind dies Symptome, die jeder kennt beziehungsweise kennen sollte: Zum Beispiel die Lähmung einer Körperhälfte, des Gesichts oder die Unfähigkeit zu sprechen. Aber auch weniger dramatische Beschwerden können Anzeichen eines Schlaganfalls sein: etwa der plötzliche Schwindel, eine Gangunsicherheit, Gefühlsstörungen, vorübergehende Sprachschwierigkeiten oder Sehstörungen sowie eine kurzzeitige Schwäche in Arm oder Bein. Leider werden solche Beschwerden von den Menschen häufig nicht ernst genommen. Die Erfahrung zeigt aber, dass einigen Schlaganfällen diese „kleinen“ Schlaganfälle vorausgegangen sind. Schnell erkannt und sofort behandelt wäre es vielleicht nie zum schweren Schlaganfall gekommen.

Warum ist schnelle Hilfe nach einem Schlaganfall so extrem wichtig, und wie erhalte ich diese?

Von allen Organen reagiert das Gehirn am empfindlichsten auf Sauerstoffmangel. Bereits nach wenigen Minuten kann das zu bleibenden Schäden führen, Schlaganfälle sind die häufigste Ursache für Behinderungen. Ein verschlossenes Hirngefäß kann mit einer Infusion, einer Lysetherapie, wieder eröffnet werden. Diese soll so schnell wie möglich durchgeführt werden, maximal viereinhalb Stunden nach Auftreten der Symptome kann sie angewendet werden.

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Was kann ich beziehungsweise was können meine Angehörigen bis zur ärztlichen Versorgung selbst tun?

Bei den ersten Hinweisen auf einen Schlaganfall ist es extrem wichtig, unverzüglich über den Notruf, zum Beispiel 112, Hilfe zu holen. Im Telefonat sollte sofort mitgeteilt werden, dass der Verdacht auf einen Schlaganfall besteht, dann wird die Rettungsleitstelle für schnelle Hilfe sorgen. Darüber hinaus sollte man beim Patienten bleiben und versuchen, ihn zu beruhigen, bis der Patient abgeholt und versorgt wird.

Welche Versorgung bietet die Kreisklinik Wolfratshausen bei einem Schlaganfall an?

Eine schnelle und qualifizierte Diagnose und Behandlung stehen bei uns im Vordergrund. Dies gelingt, weil wir seit zirka zwölf Jahren via Telemedizin mit der Neurologischen Klinik in Großhadern zusammenarbeiten. Nach einer kurzen Aufnahme wird so schnell wie möglich der Kopf des Patienten mittels Computertomografie untersucht. Die kooperierenden Neurologen in Großhadern sehen die Befundbilder online, sodass keine wertvolle Zeit verloren geht. Sie sprechen über unser Übertragungsgerät – „Teledoc“ – mit dem Patienten und können seine Reaktionen über eine hochauflösende Videokamera unmittelbar beurteilen. Auf dieser Grundlage stimmen unser Behandlungsteam und die Neurologen in Großhadern die individuell geeignete Therapie ab, die wir umgehend in die Wege leiten.

Wie sieht diese Therapie aus?

Unsere Klinik hält alle wesentlichen medizinischen Geräte für die schnelle Diagnose und Therapie von Schlaganfällen vor. Unsere Physio- und Ergotherapeuten und Logopäden beginnen mit dem Training des Patienten frühzeitig nach dem Schlaganfall. Der an unserer Klinik niedergelassene Neurologe Dr. Markus Riedel gehört zum Schlaganfallteam und begleitet uns fachärztlich auch bei allen anderen neurologischen Erkrankungen. Wenn wir davon ausgehen, dass ein bisher nicht erkanntes Vorhofflimmern den Schlaganfall ausgelöst haben könnte, kann nach der akuten Behandlung auch ein kleiner Chip, der den Herzrhythmus aufzeichnet, unter die Haut implantiert werden.

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Wird die Schlaganfallbehandlung heute extern auf Qualität überprüft?

Auch die Schlaganfallbehandlung der Kreisklinik Wolfratshausen unterliegt selbstverständlich einer externen Qualitätskontrolle: In der Häufigkeit und Schnelligkeit der Diagnosestellung durch CT und schneller Durchführung der Lysetherapie haben wir gute bis sehr gute Ergebnisse erzielt.

Was zeichnet eine gute Behandlung aus?

Das Wichtigste sind die schnelle Diagnostik und dass die Arterien durch die richtige Therapie schnellstmöglich geöffnet werden. Auch muss der Patient nach der akuten Behandlung umgehend und sehr individuell durch Spezialisten wie Logopäden, Ergotherapeuten und Krankengymnasten trainiert und rehabilitiert werden. Die durch einen Schlaganfall verursachten Einschränkungen können ja sehr unterschiedlich sein, so dass jeder Patient ein eigens auf ihn abgestimmtes Therapieprogramm benötigt.

Welche Risikofaktoren eines Schlaganfalles kennt man in der Medizin, und wie kann man ihm vorbeugen?

Bekannte Risikofaktoren für Arterienverkalkung sind unter anderem hoher Blutdruck, Rauchen, hohes Cholesterin oder Diabetes und familiäre Belastung. Alleine durch regelmäßige Bluthochdruckkontrollen und gegebenenfalls Behandlung durch den Hausarzt sowie durch den Verzicht auf Zigaretten kann jeder sein Risiko deutlich senken. Riskant ist auch ein unregelmäßiger Puls, dieser kann auf Dauer zu Blutgerinnseln im Herzen führen. Das sogenannte Vorhofflimmern kann einen Schlaganfall verursachen. Aus diesem Grund sagen die Ärzte „Kenne Deinen Puls“. Wer beim gelegentlichen Pulsmessen einen unregelmäßigen oder schnellen Puls von über 100 feststellt, sollte das unbedingt von seinem Hausarzt überprüfen lassen.

ANMERKUNG

Michèle Kirner-Bernoulli ist Freie Journalistin. In loser Folge führt sie in unserer Zeitung Interviews mit Ärzten der Kreisklinik Wolfratshausen über medizinische Themen.

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