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Jugend in der Corona-Krise: „Sie verspüren eine Ohnmacht“

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Von: Dominik Stallein

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Ein trauriges Kind
Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. © Imago

Familienberaterin Barbara Hofmann spricht über die psychischen Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche: Sie leiden sozial und emotional.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Nach zwei Jahren im Ausnahmezustand mit sich immer wieder ändernden Regelungen sehnen gerade junge Leute ein Ende der Pandemie herbei. Experten betonen immer wieder, dass besonders Kinder und Jugendliche unter der Situation leiden. Das zeigt sich auch im Alltag von Barbara Hofmann. Sie leitet die Ökumenische Erziehungsberatung für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas und der Diakonie Oberland. Im Interview mit unserem Volontär Dominik Stallein spricht die Expertin über die psychischen Folgen der Pandemie für Heranwachsende.

Barbara Hofmann
Barbara Hofmann, Chefin der Ökumenischen Erziehungsberatung für Eltern, Kinder und Jugendliche. © Caritas

Frau Hofmann, das öffentliche Leben ist eingeschränkt. In Jugendzentren galt 2G, der Schulunterricht wurde zum Hin und Her zwischen Klassen- und Kinderzimmer. Wie macht sich die Pandemie in Ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bemerkbar?

Barbara Hofmann: Die jungen Menschen fühlen sich schon lange in ihren Bedürfnissen nicht mehr verstanden. Es gibt wahnsinnigen Druck vonseiten der Schule, den die Kinder einfach nicht mehr kompensieren können. Wer in den Lockdowns Stoff verpasst hat, kommt kaum mehr hinterher. Einige Schüler wurden im Dezember eine Klasse zurückgestuft. Das ist für sie eine riesige Herausforderung – vor allem in sozialer Hinsicht.

Inwiefern?

Barbara Hofmann: In den vergangenen Monaten war es ohnehin schon sehr schwer, soziale Kontakte zu halten und Freundschaften zu pflegen. Bei einem Schulwechsel oder einer Rückstellung werden die jungen Menschen dann noch aus dem sozialen Gefüge der Klasse gerissen. Einige verspüren da eine gewisse Ohnmacht, weil sie ihre Freundschaften einfach nicht wirklich erhalten können.

Sind nicht gerade Jugendliche so Social-Media-affin, dass es ihnen leichter fällt, auch kontaktlos im Austausch zu bleiben?

Barbara Hofmann: Das stimmt schon. Natürlich geht der Trend immer weiter dorthin. Vor allem Mädchen und junge Frauen verbringen unserer Beobachtung nach sehr viel Zeit auf solchen Plattformen – noch mehr als vor der Pandemie. Aber das kann nicht den persönlichen Kontakt mit Freunden ersetzen, der für sie so wichtig wäre.

Warum?

Barbara Hofmann: Chats oder soziale Medien haben eine ganz andere Qualität. Manche haben Probleme, auf einmal wieder im richtigen sozialen Kontakt zu stehen. Und Konflikte, die jetzt auf diesen Portalen ausgetragen werden, sollten eigentlich im realen Gespräch stattfinden. Da tun sich viele wahnsinnig schwer. Mit den sozialen Medien muss man auch umgehen können.

Instagram, Facebook und Co. gelten nicht als wahnsinnig förderlich für eine gesunde Psyche. Wie zeigt sich das?

Barbara Hofmann: Es gibt unterschiedliche Auswirkungen. Die Welt wird von vielen Nutzern auf diesen Plattformen sehr rosarot gezeichnet. Manche Snapchat- oder Instagram-Nutzer sieht man auf diesen Portalen nur mit Filtern über dem Gesicht. Andere zweifeln an ihrem Körper, weil sie die makellos bearbeiteten Fotos von anderen sehen. Den jungen Menschen werden eine Welt und ein Ideal vorgegaukelt, dem sie nachjagen und das sie nie erreichen können. Das führt von Selbstzweifeln bis hin zu Depressionen oder Essstörungen.

Zurück zur allgemeinen Situation: Welche Gruppen leiden besonders unter den Einschränkungen?

Barbara Hofmann: Es betrifft erst einmal alle. Schwerer ist die Situation aber für Jugendliche, die ohnehin schon eine gewisse Benachteiligung erleben. Da können mehrere Faktoren eine Rolle spielen: Migration zum Beispiel, oder wenn sie bei einem alleinerziehenden Elternteil leben. Auch anstehende Trennungen in der Familie sind ein großer Faktor. Die haben während der Pandemie übrigens zugenommen. Wenn es sowieso schon schwierige Themen im Umfeld gibt, wird die Herausforderung noch größer für die Jugendlichen.

Von der Pandemie sind nach bald zwei Jahren im Ausnahmezustand alle genervt. Wie verschärft das die Problematik für Heranwachsende?

Barbara Hofmann: Eine Auswirkung davon ist zum Beispiel, dass Streit und Konflikte in den Familien enorm zunehmen. Jeder ist am Limit, hat genug von der Situation, jeder ist geladen. Das macht das Zusammenleben in den Familien nicht einfacher. Ganz im Gegenteil.

Die Pandemie beherrscht den Alltag. Über Infektions- und Todeszahlen wird täglich berichtet. Was macht das mit jungen Psychen?

Barbara Hofmann: Ängste spielen eine größere Rolle im Leben der Jugendlichen. Sie sind ständig mit Themen wie Krankheit und Tod konfrontiert. Manche machen sich Gedanken, ob sie schuld sein könnten, wenn sich jemand anderes ansteckt. Viele verlieren da ihren Mut, ihre Unbeschwertheit, mit der sie sonst in die Welt gehen. Das Thema Corona ist dauerpräsent – das schlägt sich auf die Psyche der jungen Menschen.

Derzeit wird sehr viel diskutiert über Impfungen und die Corona-Maßnahmen. Ist das ein reines Erwachsenen-Thema oder wirkt es sich auf Jugendliche aus?

Barbara Hofmann: Das macht auch vor Familien und Kindern nicht Halt. Eine große Belastung ist es für sie, wenn sich die Eltern – zum Beispiel beim Thema Impfung – komplett uneinig sind. Aber auch im sozialen Gefüge, wie einer Klasse oder einem Freundeskreis, kann das für eine Spaltung sorgen.

Der Zugang zu einigen Angeboten ist – oder war – für Ungeimpfte verschlossen. Zerbrechen Freundschaften am Impfstatus?

Barbara Hofmann: In gewisser Weise ist das so, ja. Die 2G-Regel haben wir für Jugendliche sehr kritisch gesehen. Ungeimpfte auszuschließen, die nicht einmal selbst entscheiden dürfen, halte ich für falsch. Jugendarbeiter in den Treffs kommen dadurch überhaupt nicht mehr an die Heranwachsenden ran. Und das in einer Situation, die so herausfordernd für die jungen Menschen ist.

Wohin flüchten diese Kinder?

Barbara Hofmann: Wir sehen – teilweise schon bei 13-Jährigen – dass sie auf der Straße herumhängen und schon in diesem Alter Alkohol konsumieren. Viele, vor allem Jungs, zocken viel und gehen kaum mehr aus der Haustür. Sie ziehen sich zurück, isolieren sich in ihrem Schutzraum, den sie sich selbst schaffen.

Was empfehlen Sie Eltern oder Freunden, die derartige Tendenzen bei einem Jugendlichen wahrnehmen?

Barbara Hofmann: Als Erstes muss man sich die Frage stellen, ob die Beziehung gut genug ist, diese Problematik selbst anzusprechen und darüber offen reden zu können. Wenn Eltern sich nicht sicher sind, ob sie an ihr Kind herankommen – Stichwort: Pubertät – sollten sie auch nicht zurückscheuen, Bekannte zu fragen oder den Kontakt zu seinen Freunden zu suchen, die Zugang zu dem Kind haben.

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Wenn das nichts nützt und die Familien bei Ihnen Hilfe suchen, wie gehen Sie dann in der Beratung vor?

Barbara Hofmann: Es geht darum, eine andere Perspektive für den Jugendlichen zu schaffen. Er oder sie soll die Lösung selbst finden. Das können wir nicht abnehmen, aber wir können auf dem Weg dorthin begleiten.

Wie machen Sie das?

Barbara Hofmann: Durch gezieltes Fragen zum Beispiel wie: „Hast du dich schon einmal anders gefühlt?“ „Wie würde es dir gehen, wenn dieses oder jenes Problem nicht da wäre?“ Oft finden sie dann selbst eine Vorgehensweise, die für sie sinnvoll ist. Das Wissen ist in jedem Klienten drin. Der Berater hilft nur dabei, es zu finden.

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