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Betreuung in den eigenen vier Wänden: Der Bedarf an Senioren-Pflegekräften wächst rasant. Wer sich keine Betrüger ins Hau s holen will, muss wachsam sein. 

Nach Doppelmord in Königsdorf

Keine Angst vor Pflegekräften

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Bad Tölz-Wolfratshausen - Eine Senioren-Betreuerin aus Polen ist möglicherweise eine Schlüsselfigur im Mordfall von Königsdorf-Höfen. Nach dieser Bluttat stellt die Frage: Wie findet man seriöse Helfer im Haushalt? Der Isar-Loisachbote sprach über dieses Thema mit Markus Horschig und Michael Perlick von der Sozialagentur Oberbayern mit Sitz in Großweil.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Im Doppelmord nach einem Einbruch in Königsdorf-Höfen gibt es täglich neue Erkenntnise. Gestern wurde ein weiterer Tatverdächtiger festgenommen (siehe Seite 1). Verdächtigt wird auch eine 49-jährige Polin. Sie soll ihrem Bruder den Tipp gegeben zu haben, dass sich ein Beutezug lohnen könnte. Sie musste es wissen – schließlich hatte sie dort im vergangenen Jahr als Betreuungskraft gearbeitet. Wie kann man vermeiden, dass man sich kriminelle Helfer ins Haus holt? Während einige Pflegedienste sich dazu nicht namentlich äußern wollten, gehen Markus Horschig und Michael Perlick von der Sozialagentur Oberbayern offensiv mit dem Thema um. Im Gespräch mit Redakteur Patrick Staar gaben sie Tipps, worauf man bei der Auswahl der Betreuungskräfte achten sollte.

-Meine Herren, glauben Sie, dass nach dem Mord in Königsdorf einige Menschen ein mulmiges Gefühl haben, sich eine Pflegekraft ins Haus holen?

Markus Horschig: Ja. Und das völlig zu Recht.

Michael Perlick: Laut Statistik gibt es in Deutschland rund 200 000 Betreuungskräfte und nur etwa 30 000 sind offiziell beschäftigt, 170 000 sind Schwarzarbeiter. Das muss man sich mal vorstellen. Was in diesem Bereich alles schiefläuft, kriegt man gar nicht mit. Es gibt keinen Arbeitsvertrag, keine Krankenversicherung, keine Haftpflichtversicherung. In unseren Augen ist das grob fahrlässig. Wir hatten mal eine Pflegekraft, die krank wurde und für zwei Wochen ins Starnberger Krankenhaus musste. Wenn die nicht versichert ist: Was meinen Sie, was für Kosten da entstehen und auf wen das zurückfällt?

Vor zwei Jahren starteten Markus Horschig (re.) und Michael Perlick mit der Sozialagentur Oberbayern. Zuvor waren die beiden über 20 Jahre im Versicherungsbereich tätig.

Warum gehen viele dieses Risiko ein?

Horschig: Oft müssen die Leute in sehr, sehr kurzer Zeit sehr viele Entscheidungen treffen. Und das in einem Thema, in dem sie nicht auskennen. Viele neigen dazu, an der falschen Stelle zu sparen. Wir kennen Fälle, da zahlen Familien 1300 bis 1800 Euro für eine schwarz beschäftigte Pflegekraft. Da langen wir uns an den Kopf, denn das offizielle Modell ist billiger. Es gibt schließlich steuerliche Vergünstigungen und Fördertöpfe – zum Beispiel für Verhinderungspflege.

Wie vermeiden Sie, dass ihre Kunden an kriminelle Betreuungskräfte geraten?

Horschig: Wir versuchen ein Maximum an Transparenz zu bieten. Unsere Kunden bekommen einen siebenseitigen Fragebogen. Darin geht es um die Situation vor Ort, den Gesundheitszustand und die Wünsche des Patienten. Der Fragebogen geht zu unseren osteuropäischen Partnern. Im Gegenzug bekommt der Kunde einen Personalvorschlag mit Lebenslauf, Foto, Telefonnummer und Referenzen der letzten Stellen. Die Betreuungspersonen werden auch geprüft, was das Strafregister angeht. So ist gewährleistet, dass man sich keinen Berufsverbrecher ins Haus holt – oder dass die Betreuungskraft Kontakte in die falsche Richtung hat. Das ist in Königsdorf wohl auf extremste Art und Weise passiert.

Bei aller Sorgfalt: Ist Ihnen trotzdem manchmal mulmig, wenn Sie Pflegekräfte vermitteln?

Perlick: Nein. Wir haben über 90 Prozent Betreuungskräfte im Einsatz, die Erfahrung mitbringen. Bei Neueinsteigern ist das Risiko, dass ein schwarzes Schaf dabei ist, viel größer.

Horschig: Wir sind regelmäßig bei unseren Partnern in Osteuropa vor Ort und prüfen deren Geschäftsverhältnisse. Wir haben sehr viele Stamm-Betreuungskräfte, die wir kennen. Aber natürlich können wir nicht garantieren, dass mal eine Pflegekraft dabei ist, die silberne Löffel mitgehen lässt.

Haben Sie das schon mal erlebt?

Horschig: Herr Perlick hat einen Bekannten. Der hat seinen Vater über irgendeine Schwarz-Lösung betreuen lassen. Am Wochenende ist der Bekannte aus Stuttgart zurückgekommen. Das ganze Haus war ausgeräumt, inklusive der Garage. Nur das Bett mit dem bettlägrigen Vater war noch da.

Gab es einen ähnlichen Fall schon mal in Ihrer eigenen Firma?

Horschig: Nein, das nicht. Der extremste Fall war eine Betreuungskraft, die nach einem Todesfall in der eigenen Familie stark alkoholisiert war.

Aus welchen Verhältnissen stammen die Betreuungskräfte?

Horschig: Wir arbeiten mit Osteuropäern zusammen. Sie verdienen zu Hause zwischen 300 und 500 Euro. Bei uns bekommen sie – je nach Sprachkenntnissen – zwischen 1100 und 1400 Euro netto bei freier Kost und Logis. Das ist der Hauptantrieb, warum sie nach Deutschland kommen.

Gibt es Unterschiede zwischen den Arbeitskräften aus Osteuropa?

Horschig: In Polen ist der Betreuungskräfte-Markt am weitesten entwickelt. Diese Leute haben höhere Ansprüche als zum Beispiel jemand aus Rumänien.

Ist es schwierig, gute Betreuungskräfte zu finden?

Horschig: Wir haben einen extremen Mangel an Betreuungskräften, die gut deutsch sprechen. Unsere Suche geht immer weiter in den Osten, wir suchen Personal in sieben Ländern. Inzwischen sind wir in Litauen angelangt. In den nächsten Jahren müssen wir die Suche auf Asien und Tunesien ausdehnen.

Wie hoch ist die Erfolgsquote?

Horschig: Wir haben das statistisch ganz genau ausgewertet: In neun von zehn Fällen geht es gut. Wir können noch so viel Qualitätsmanagement im Vorfeld betreiben – wenn die Chemie nicht passt, funktioniert es nicht. Wir tauschen dann die Pflegekräfte innerhalb von drei bis vier Tagen aus und versuchen es wieder.

Wie lange bleiben die Betreuungskräfte normalerweise in den Familien?

Perlick: Um alles so entspannt wie möglich zu gestalten, ist unser Ziel, dass zwei Stamm-Betreuungskräfte vor Ort sind, die sich alle sechs bis zwölf Wochen abwechseln. Es ist eine gewisse Vertrautheit da, das Ganze läuft rund. Die Einsatzzeiten dürfen aber auch nicht zu lang sein, damit die Strapazen nicht zu groß werden, gerade wenn der Patient schwer dement ist. Oder wenn der Patient schwer ist und oft transferiert werden muss. Sonst klappt die Betreuungsperson irgendwann zusammen.

Gibt es Fälle, in denen Sie davor zurückschrecken, Betreuungskräfte zu schicken?

Horschig: Wir hatten einen Fall im Landkreis Weilheim-Schongau. Da hat sich ein älteres Ehepaar an uns gewandt. Wir haben in die Küche reingeschaut, und ich wäre fast festgeklebt. Im Appartement war Schimmel von der Decke bis zum Boden. Völlig verwahrloste Zustände wegen der gesundheitlichen Situation – kein Vorwurf. Wenn man sich vorstellt, dieses Ehepaar hätte Hilfe über einen Anbieter geregelt, der keine Vor-Ort-Beratung anbietet, dann wäre die Betreuungskraft sofort auf der Stelle wieder gefahren.

Abgesehen von einem Minimum an Hygiene: Was ist den Betreuungskräften außerdem noch wichtig?

Horschig: Wichtig ist, dass es in der Wohnung einen Internet-Anschluss gibt. Wenn im Fragebogen steht, dass es kein Internet gibt, fallen gleich am Anfang 80 Prozent aller Bewerber raus. Die Betreuungskraft muss schließlich in den zwölf Wochen, in denen sie in Deutschland ist, ihre Bankgeschäfte erledigen können. Sie muss Skypen können und Zugriff auf Facebook haben. Viele unserer Kunden sind aber so alt, dass sie kein Internet haben. Denen muss man erst mal erklären, warum das Internet sinnvoll und wichtig ist. Nur so können sie eine Betreuungskraft kriegen, die langfristig wiederkommt.

Wie erkennt man einen seriösen Vermittler?

Perlick: In Deutschland gibt es über 100 Agenturen. Alle sagen natürlich: „Wir sind die besten.“ Niemand hat die Zeit, alle zu vergleichen. Es gibt aber einige allgemeingültige Kriterien, die wichtig sind: Wie sieht es mit der Kündigungsfrist aus? Sie sollte nicht länger als 14 Tage sein. Wie sieht es im Todesfall aus? Es gibt Anbieter am Markt, bei denen muss man nach einem Todesfall noch zwei Monate weiterzahlen, obwohl niemand mehr vor Ort ist. Die Mindest-Vertragslaufzeit sollte vier Wochen betragen – und nicht länger. Wichtig ist auch noch ein anderer Punkt: Man sollte einen Vertrag ruhen lassen können. Zum Beispiel, wenn der Patient ins Krankenhaus muss oder eine Reha macht.

Macht Ihnen der Mordfall in Königsdorf die Arbeit schwerer – oder vielleicht sogar leichter?

Perlick: Das können wir momentan noch nicht einschätzen. Ich denke, dass es für uns vielleicht etwas einfacher werden könnte. Der Mord könnte zu einem Umdenk-Prozess führen, so dass die Leute nicht immer auf die vermeintlich günstigere Schwarz-Lösung zurückgreifen. Es kann aber auch sein, dass der Fall überhaupt keine Auswirkungen hat.

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