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Mehr Kinder, mehr Vorsorge, mehr Verhaltensauffälligkeiten: Kinderärzte im Landkreis sind überlastet. 

Mediziner Überlastung

Kinderärzte schlagen Alarm: „Wir haben keine Kapazitäten mehr“

Die Kinderärzte im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen schlagen Alarm: Ihre Praxen sind heillos überlastet. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) und der Gesetzgeber kennen das Problem – doch mit einer zeitnahen Lösung ist nicht zu rechnen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – „Land unter“ herrscht im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin Oberland. Täglich kommen bis zu 100 kleine Patienten in die beiden Praxen in Wolfratshausen und Geretsried. „Wir versuchen trotzdem, jedes Kind so gut wie möglich zu betreuen“, sagt eine Arzthelferin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie arbeitet seit 23 Jahren dort. Über die Jahre habe sie festgestellt, dass die Praxen an ihre Grenzen kommen. Um weiterhin eine gute Versorgung gewährleisten zu können, gebe es zeitweise Aufnahmestopps.

Vor allem zwei Gründe macht die Arzthelferin für die zunehmende Überlastung aus. Aufgrund der steigenden Geburtenrate, hohen Zuzugs und der Flüchtlingssituation würden schlichtweg mehr Kinder in der Region leben. Aber auch das Behandlungsspektrum der Kinderärzte sei größer geworden. „Mit dem Kurieren von Husten, Schnupfen und Heiserkeit ist es schon lange nicht mehr getan“, sagt sie. Immer öfter seien beispielsweise Kinder mit Herz- und Lungenerkrankungen angemeldet.

Wartezeiten sind enorm

Das bestätigt Dr. Martin Grundhuber aus Bad Tölz. Er arbeitet seit 1993 als Kinderarzt und hat das Wachstum in der Gegend miterlebt. „Gerade der Münchner Süden ist zu einer Boomregion geworden“, sagt der Mediziner. Um den Ansturm einzudämmen, werden in seiner Praxis nun Kinder aus dem Südlandkreis bevorzugt. Trotzdem seien die Wartezeiten enorm, gerade bei Vorsorgeuntersuchungen. Wer heute anruft, kann erst mit einem Termin im Dezember rechnen.

„Abgesehen davon wird auf Vorsorge heute mehr Wert gelegt“, erklärt Grundhuber. Früher waren bis zum Alter von 16 Jahren sieben solcher Checks empfohlen, heute sind es zwölf.

Krankheiten sind vielfältiger geworden

Auch die zunehmende Vielfalt der Krankheiten spricht der Arzt an. „Schulleistungsstörungen wie ADHS oder soziale und emotionale Auffälligkeiten wurden in den 1990er-Jahren noch nicht medizinisch behandelt“, sagt der 58-Jährige. „Heute gibt es viele solcher Fälle – und die sind nicht in fünf Minuten erledigt.“

Seine Kolleginnen in der Praxis Lang und Zötl in Bad Tölz kämpfen mit demselben Problem. „Pro Tag kommen an die 60 Kinder in die Praxis“, schätzt Barbara Wächter. „Neue Patienten müssen wir an andere Ärzte verweisen – wir haben keine Kapazitäten mehr“, so die medizinische Angestellte.

Mehr Aufgaben, nur Kinderärzte werden nicht mehr

Dr. Thorsten Sauerwald aus Geretsried kennt ebenfalls seine Grenzen. „Gerade im Herbst und Winter, wenn Infektionen grassieren, kommen am Tag an die 100 Kinder zu uns.“ Seit 15 Jahren ist er Kinderarzt in Geretsried. Seitdem hat sich viel verändert: Mehr Kinder, mehr Vorsorge, mehr Verhaltensauffälligkeiten, so sein Fazit. „Aber die Kinderärzte werden nicht mehr.“

Der Ärztemangel ist die Folge eines grundlegenden Problems: Die Bedarfsplanung, auf die sich der Ärzteschlüssel deutschlandweit stützt und die Verteilung der Kassensitze in den einzelnen Gebieten regelt, ist veraltet. Laut dieser Planung ist der Landkreis mit gut 128 Prozent statistisch gesehen überversorgt. Es gibt elf Kinder- und Jugendärzte, die sieben Stellen besetzen. „Allerdings stammt die Planung aus den 1990er-Jahren“, gibt KVB-Pressesprecherin Birgit Grain zu.

Das Klagen der Ärzte sei jedoch inzwischen auf Bundesebene gehört worden. „Der Gesetzgeber hat erkannt, dass der Bedarfsplan nachgearbeitet und an die Realität angepasst werden muss“, erklärt Grain. Ursprünglich sollte bereits im Januar eine überarbeitete Fassung in Kraft treten, doch bislang dauern die Beratungen an.

Magdalena Höcherl

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