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Kirche vor Ort gestalten - nach dem Missbrauchsskandal: Wahlen für Pfarrgemeinderäte im Landkreis

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Die Kandidaten für den Pfarrgemeinderat in Wolfratshausen
Kandidaten Pfarrgemeinderat Wolfratshausen: (stehend v. li.) Anton Reichlmair, Peter Kaul, Martin Lorenz, Anton Ostermeier, Barbara Rehm, Ellen Grisar, Andreas Poschinger, Andreas Zimmermann, (unten v. li) Cornelia Schrills, Brigitte Schwanghart, Barbara Holthaus, Maria Langer, und Renate Kubullek. Nicht auf dem Foto: Michael Baindl, Josef Bruckmüller, Felicitas Hörl und Karin Wandinger. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Am kommenden Sonntag werden neue Pfarrgemeinderäte gewählt. Bei vielen Kirchen kann man online wählen - aber was genau macht das Gremium eigentlich?

Bad Tölz-Wolfratshausen – Am 20. März sind Pfarrgemeinderatswahlen. Schon jetzt kann man in den meisten Kirchen und Pfarrverbänden online seine Stimmen verteilen. Doch gibt es in Zeiten vermehrter Kirchenaustritte aufgrund von Missbrauchsskandalen noch genug Katholiken, die für das Ehrenamt kandidieren? Und was sind die Aufgaben und Mitwirkungsmöglichkeiten des Pfarrgemeinderats?

Kirche vor Ort gestalten: Wahlen für Pfarrgemeinderäte im Landkreis

Der Pfarrgemeinderat, abgekürzt PGR, setzt sich aus gewählten, berufenen und amtlichen Mitgliedern – das sind die Pfarrer und pastoralen Mitarbeiter – zusammen. Das Gremium, das in einem mittelgroßen Pfarrverband wie St. Andreas in Wolfratshausen 10 bis 15 Mitglieder zählt, wirkt bei allen Themen, die die Pfarrgemeinde betreffen, beratend oder beschließend mit. In verschiedenen Ausschüssen wird, oft gemeinsam mit Nichtmitgliedern des PGR, vorberaten.

Pfarrgemeinderat in Geretsried: „Sind mehr als ein Komitee, das Feste organisiert“

Bernhard Sappl, Vorsitzender der Stadtkirche Geretsried, nennt ein Beispiel für die Einflussnahme auf wichtige Entscheidungen. Im Stadtkirchenrat, dem gemeinsamen Gremium der Pfarreien Heilige Familie am Johannisplatz und Maria Hilf an der Johann-Sebastian-Bach-Straße, gab es eine längere Diskussion wegen der Gottesdienstzeiten. Zusammen mit den Seelsorgern habe man sich schließlich auf Zeiten geeinigt, die nun für beide Häuser passen. „Wir sind also viel mehr als ein Komitee, das Feste organisiert“, sagt Sappl.

Weil die zuvor voneinander unabhängigen Pfarreien Heilige Familie und Maria Hilf 2015 beschlossen hatten, eine Art Pfarrverband zu gründen, in dem jede Pfarrei noch ihren eigenen PGR behält, wählen die Pfarreimitglieder in ihrem Sprengel je fünf Kandidaten. Zwei weitere werden jeweils nachberufen. Gemeinsam mit dem Pastoralteam sitzen dann rund 20 Mitglieder im Stadtkirchenrat. „Die PGR tagen kaum noch einzeln. Die Zusammenarbeit ist mittlerweile sehr gut“, sagt Sappl. Er wie auch die Vorsitzende von Maria Hilf, Manuela Radosevic, kandidieren beide erneut.

Trotz Missbrauchsskandal und Kirchenkritik: In Geretsried gibt es viele Bewerber für Pfarrgemeinderat

Insgesamt gibt es genügend Bewerber, zwölf am Johannisplatz und elf an der Johann-Sebastian-Bach-Straße. „Der Missbrauchsskandal hat sich zum Glück nicht negativ bei uns an der Basis ausgewirkt. Ich denke, die Gläubigen wollen vor Ort Kirche gestalten“, so Sappl. Die Pandemie sieht der 56-Jährige sogar als Chance, neue Wege zu gehen, sobald noch mehr Lockerungen kommen. „Bei uns herrscht eine richtige Aufbruchstimmung, auch dank des neuen Pfarrers Andreas Vogelmeier.“

Kirche Wolfratshausen freut sich über viele Bewerber: „Jetzt erst recht“-Stimmung

In der Stadtkirche Wolfratshausen mit den Pfarreien St. Andreas Wolfratshausen, Waldram, Nantwein, Gelting und Dorfen bewerben sich 17 Frauen und Männer um zehn Sitze im Pfarrgemeinderat, darunter die amtierende Vorsitzende Cornelia Schrills. Die 58-Jährige hat den Posten seit zwei Amtsperioden inne, das heißt, seit acht Jahren; zuvor war sie vier Jahre lang einfaches Mitglied. „Wir hatten unsere Kandidaten schon vor Bekanntwerden des Missbrauchsgutachtens in der katholischen Kirche Ende Januar beisammen. Zum Glück ist danach auch keiner abgesprungen“, sagt Schrills.

Manch einer dachte sich sogar: Jetzt erst recht! Renate Kubullek zum Beispiel bewirbt sich zum ersten Mal, wie sie bei der Vorstellung der Kandidaten am letzten Februarsonntag nach dem Gottesdienst erzählte. „In diesen besonderen Zeiten, finde ich, kann ich nicht einfach davonlaufen. Denn damit bewirke ich gar nichts“, meint die 54-Jährige, die seit vielen Jahren die Sternsinger betreut und gemeinsam mit ihrem Mann Jugendliche auf dem Weg zur Firmung begleitet. Während Kubullek ihren Schwerpunkt in der Jugendarbeit und in praktischen Dingen sieht, interessiert Martin Lorenz, von Beruf Mathematik- und Religionslehrer und seit 20 Jahren Lektor in St. Andreas, mehr der theologische Diskurs. Zum Missbrauchsskandal sagt er: „Ich sehe das als Verfehlung Einzelner. Sie beschädigen leider das Gute am katholischen Glauben, das Jesus lehrte. Ich bin betrübt darüber, aber es ändert nichts an meinem Glauben.“

18-Jähriger will in Pfarrgemeinderat einziehen und „eine Stimme für die Jugend sein“

Auch junge Bewerber finden sich auf der Liste der Stadtkirche Wolfratshausen. Der 18-jährige Student Andreas Zimmermann ist seit seiner Erstkommunion in der Pfarrei engagiert, als Ministrant und in der Jugendarbeit. Deshalb wolle er nun auch im PGR eine Stimme für die Jugend sein, sagt der Geltinger.

In St. Andreas ist man froh, dass so viele Pfarreimitglieder sich für das Ehrenamt interessieren. „Sie alle haben Jobs und Familie, und trotzdem sind sie auch in dieser für die katholische Kirche schwierigen Zeit bereit, das pfarrliche Leben zu gestalten, den Glauben weiterzutragen und das Seelsorgeteam zu unterstützen“, sagt Cornelia Schrills. Der Zeitaufwand, so die langjährige Vorsitzende, hänge auch vom persönlichen Engagement ab. Sie zum Beispiel versuche, allen Pfarreien gerecht zu werden, indem sie auch zu einem Patrozinium in Dorfen gehe, auch wenn ihre Heimatpfarrei Gelting sei.

Pfarrverband Dietramszell wählt neuen Rat

Auf dem Land stehen ebenfalls ausreichend Kandidaten zur Verfügung. Der Pfarrverband Dietramszell mit seinen fünf Kirchen hat eine lange Liste mit den Namen auf seiner Homepage veröffentlicht. „Ganz viele von ihnen denken gar nicht in großen Dimensionen, also an die Erzdiözese oder gar an Rom. Sie sehen die Kirche vor Ort, in der sie etwas bewegen wollen“, sagt Dekan Thomas Neuberger. Er hoffe, dass die Wahlbeteiligung ebenso so hoch sein werde wie die Bereitschaft zu kandidieren, „gerade in einer Zeit, in der die demokratischen Strukturen der Kirche Thema sind“. Seinetwegen hätten sich gerne mehr Ältere ab 70 Jahren zur Wahl stellen können. Doch sie hätten das Feld bereitwillig den Jüngeren überlassen.

Kirche in Münsing: Einige Räte hören auf - wegen Missbrauchsgutachten

In Münsing gibt es ebenfalls ausreichend Bewerber – acht für acht Plätze – ,doch hier hat das Missbrauchsgutachten sehr wohl einige bisherige Pfarrgemeinderäte zum Aufhören bewegt. Das berichtet der Zweite Vorsitzende und Wahlleiter Robert Uhle. Der Münsinger Prälat Dr. Gerhard Gruber (94) war in den 1980er-Jahren zur Zeit des Missbrauchs in der katholischen Kirche in einer leitenden Stellung im Ordinariat tätig. Er habe sich zwar bei einem Gottesdienst in der Ammerlander Kirche für sein Handeln von damals entschuldigt, sagt Uhle, aber seine Beteiligung habe schon Wellen geschlagen in Münsing. Generell sei es schwierig, Menschen zu finden, die sich für vier Jahre in einem Ehrenamt engagieren wollten. „Einige der bisherigen Räte haben gemerkt, dass das doch etwas anderes als in einem Verein ist. Auch die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche muss sich meiner Meinung nach ändern“, so Uhle, der ebenso wie der Vorsitzende Ulrich Geigl ein weiteres Mal antritt.

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Pfarrgemeinderat in Bayern: So wählen Katholiken in diesem Jahr

Außer direkt an der Urne und per Briefwahl können die Katholiken in Bayern heuer online wählen. Alle Pfarreimitglieder ab 14 Jahren haben ein Anschreiben mit einem Passwort bekommen, mit dem sie sich auf www.deine-pfarrgemeinde.de einloggen können. „Das ist wirklich ganz einfach. Aber vielleicht können Enkel ihren Großeltern helfen, wenn diese gerne davon Gebrauch machen wollen“, schlägt Dekan Neuberger vor. TANJA LÜHR

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