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Sorge um Klimaschutz - Aktivist mahnt: „Haben keine Zeit für Diskussionen“

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Von: Dominik Stallein

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Vorsprecher der Klimabewegung: Jan Reiners (mit Mikrofon) beteiligt sich an Klimademonstrationen der Gruppe „Wor for Future“. Im Interview erklärt er die Forderungen der Initiative.
Vorsprecher der Klimabewegung: Jan Reiners (mit Mikrofon) beteiligt sich an Klimademonstrationen der Gruppe „Wor for Future“. Im Interview erklärt er die Forderungen der Initiative. © Privat

„Wor for Future“ stellt Forderungen, um den Klimaschutz in Wolfratshausen anzukurbeln. Im Interview wird Klimaaktivist Jan Reiners deutlich.

Wolfratshausen – Sie protestieren auch in der Kälte: Vor jeder Stadtratssitzung demonstrieren Klimaaktivisten des Bündnisses „Wor for Future“ für einen konsequenteren Klimaschutz. Jetzt haben die Aktivisten konkrete Forderungen an die Politik gestellt. Jan Reiners, einer der Köpfe von Wor for Future, spricht im Interview mit Dominik Stallein darüber, wie sehr die Klimakrise drängt, wie er die Wolfratshauser Bürger ins Boot holen möchte und warum die Beschlüsse des Stadtrats nicht ausreichen.

Klimaaktivist aus Wolfratshausen besorgt: „Vielen Menschen ist nicht klar, was Klimawandel für Konsequenzen hat“

Herr Reiners, wie viele Stadträte kennen Sie persönlich?

Jan Reiners: Ungefähr eine Handvoll, höchstens zehn.

Seit Monaten demonstrieren Sie vor jeder Stadtratssitzung. Da muss es doch Gelegenheiten gegeben haben, sich kennenzulernen.

Grundsätzlich ja, die meisten Stadträte laufen aber nur an uns vorbei.

Woran liegt das?

Ich werte das nicht als persönliche Ablehnung unserer Anliegen. Vielleicht sind sie einfach schon sehr konzentriert auf die anstehende Sitzung. Wir suchen derzeit, auch den persönlichen Kontakt zu den Stadträten und dem Bürgermeister. Wir würden gerne mit jedem ins Gespräch kommen.

Was würden Sie ihnen dann sagen?

Wir möchten erklären, warum der Klimaschutz auch vor Ort so dringend und so wichtig ist. Auch wenn das Thema in den Medien sehr präsent ist, habe ich das Gefühl, dass das vielen Menschen noch nicht klar ist, was der ungebremste Klimawandel auch hier für Konsequenzen haben wird – nicht in 100 Jahren, sondern auch schon in den nächsten Jahrzehnten.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Unser Revierförster (Robert Nörr, Anmerkung. d. Redaktion) spricht schon heute von massiven Waldschäden bei uns durch den Klimawandel. Wir haben Hagel und Sturzfluten erlebt – all das wird mehr werden. Unser Landkreis gehört zu den Risikogebieten für Starkregen. Das kann einem schon Sorgen machen. Und jeder weiß, dass man da mal was tun müsste. Aber dann fehlt die Bereitschaft, Maßnahmen sofort und konsequent umzusetzen. Genau das wäre aber notwendig.

Der Stadtrat hat Förderprogramme für nachhaltige Mobilität und eine Holzhybridbauweise bei der Schulsanierung beschlossen. Sogar der Klimanotstand wurde ausgerufen.

Das will ich auch gar nicht kleinreden. Aber das alleine reicht nicht. Der Klimaschutz braucht eine noch höhere Priorität, sonst wird es unmöglich, die gesteckten Ziele zu erreichen. Und der Notstand ist bislang auch nur ein Beschluss. Wirkliche Projekte sind daraus noch nicht hervorgegangen.

Auf Ihrer Homepage haben Sie konkrete Forderungen an die Stadt gestellt. In welche Richtung sollte der Stadtrat den ersten Schritt machen?

Zuerst einmal muss man klarstellen, dass der Klimaschutz absolute Priorität hat. Dafür braucht man Ressourcen – finanzielle und personelle. Als erste, ganz konkrete Handlungsempfehlung würde ich die Energiewende in Wolfratshausen nennen. Wir sind im Vergleich mit den Städten in der Umgebung Schlusslicht beim Anteil der erneuerbaren Energien. Penzberg ist viel weiter, auch Bad Tölz. Dabei gibt es Handlungsempfehlungen von der Energiewende Oberland und viele Beispiele anderer Städte. Man muss das Rad nicht neu erfinden. Es liegen viele Ideen auf dem Tisch. Das ist gut, weil wir nicht mehr viel Zeit haben, Diskussionen zu führen, wenn die Zahl der Photovoltaik-Anlagen in den nächsten Jahren verachtfacht werden muss.

Diese Maßnahmen kosten Geld. Die Stadt macht sich aber große Sorgen um ihre Finanzen. Lassen Sie dieses Argument zählen?

Man muss einfach auch Prioritäten setzen. Wenn man an einer Stelle Geld spart, kann man es für ein drängendes Thema, wie den Klimaschutz, ausgeben. Die 500.000 Euro für die Asphaltierung des Loisachuferwegs etwa könnte man beispielsweise sinnvoller nutzen. Beispiele wie Photovoltaik-Anlagen zeigen außerdem, dass sich Klimaschutz-Investitionen mittelfristig auch finanziell lohnen. Wer sich heute eine PV-Anlage baut, zahlt morgen weniger für seinen Stromverbrauch.

Eine Forderung ihrer Initiative ist ein Klimabeirat...

...richtig.

Sie sagen, dass wir keine Zeit mehr haben. Bis so ein Gremium aufgestellt, gewählt und konstituiert ist, dauert es aber monatelang – und dann wurde noch kein Gramm CO2 eingespart. Ist es dafür nicht langsam zu spät?

Das sehe ich anders. Aus zwei Gründen: Bevor ein Beirat eingerichtet wurde, kann die Stadt ja trotzdem schon Beschlüsse fassen. Zum anderen hört das Thema Klimaschutz ja nicht einfach irgendwann auf. Die Arbeit muss und wird immer weitergehen – und ein Beirat könnte den Prozess begleiten und die Verwaltung unterstützen. Ähnlich macht das Penzberg: Ein Beirat hat den Energieplan überarbeitet. Man kann Klimafolgenschutz besprechen. Oder die Mobilitätswende weiter bearbeiten.

Die ist durchaus umstritten. Einige Autofahrer fühlen sich gegängelt, vielen Radfahrern geht’s aber noch nicht schnell genug.

Ein großes Problem ist, dass die Mobilitätswende von vielen als ein Gegeneinander wahrgenommen wird. Es geht aber nicht um den Kampf Auto gegen Fahrrad. Optimal wäre, wenn daraus ein Miteinander wird. Was dem einen hilft, muss dem anderen nicht schaden. An einem Radwegenetz wird sich kein Autofahrer stören. Dafür braucht man Konzepte, die mit allen zusammen erarbeitet werden. Das wäre eine Aufgabe für einen Klimabeirat, zum Beispiel. Die Stadt hat viel Potenzial, um fahrradfreundlicher zu werden.

Die Auszeichnung als fahrradfreundliche Kommune hat die Stadt doch schon vor Jahren erhalten.

In meiner Wahrnehmung ist Wolfratshausen das noch nicht. Das ist übrigens nicht meine exklusive, private Meinung: Jeder, der versucht, sein Kind mit dem Rad zur Musikschule zu bringen, merkt, dass da noch viel Luft nach oben ist. Viele Eltern, viele Radfahrer sehen das so.

Zurück zum Klimabeirat: Würden Sie sich in diesem Gremium engagieren?

Klar.

Wie viele aktive Mitglieder zählt Wor for Future?

Der Kern, der schon länger und durchgängig aktiv ist, sind etwa zehn Leute. Viele weitere Menschen machen zwar mit, wollen aber nicht unbedingt in den Vordergrund.

Das reicht bei Weitem nicht aus, um einen Beirat zu bestücken. Wie soll das funktionieren?

Ich glaube nicht, dass es zielführend wäre, einen Beirat nur aus Wor for Future zu gründen. Da müssten Politiker mitmachen, Umweltschützer natürlich auch, vielleicht Gewerbetreibende. Da ist die Zahl der potenziellen Kandidaten auf einmal deutlich größer, und die Gruppe wäre repräsentativ. So könnte man Konzepte erarbeiten, die für den Großteil der Menschen tragbar sind und die Verwaltung aktiv entlasten. So könnte man Projekte der Stadt aktiv erarbeiten und tatsächlich angehen.

Der städtische Anteil am CO2-Ausstoß ist nur ein Bruchteil. Selbst wenn auf allen kommunalen Gebäuden PV-Anlagen gebaut werden, bleiben doch Tausende private Dächer frei. Wie kriegt man die Wolfratshauser Bürger ins Boot?

Zum einen möchten wir den Bürgern aufzeigen, warum es so wichtig ist, aktiv zu werden. Und wir wollen ein Verständnis dafür schaffen, dass sich einige Projekte auch ganz persönlich lohnen: Man spart CO2 und Geld.

Herr Reiners, wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie stellen sie sich die Stadt Wolfratshausen im Jahr 2030 vor?

In einer guten Vision wird der Klimaschutz als höchste Priorität wahrgenommen. Wir beziehen 100 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Quellen und die Wärmewende ist auch fast abgeschlossen. Damit haben wir 80 Prozent unserer Emissionen bis 2030 eingespart. Und in der Mobilität, Ernährung und all diesen Dingen, sind wir hoffentlich ein großes Stück weiter. Dann sitzt man im Café nicht neben fahrenden Autos, weil die Menschen mehr Raum haben.

Für wie realistisch halten Sie diese Vision?

Vielleicht bin ich naiv. Oder optimistisch. Aber ich glaube, dass wir Fortschritte machen werden. Leider müssen wir aber auch damit rechnen, dass die Auswirkungen der Klimakrise immer stärker bemerkt werden. Wir erinnern uns alle an das Hagelunwetter in diesem Jahr. Womöglich führt das dazu, dass das Thema endlich so ernst genommen wird, wie wir es nehmen müssen.

dst

Der neue Klimaschutzminister Robert Habeck (Die Grünen) hat Inventur gemacht und einen „drastischen Rückstand“ beim Klimaschutz gesehen. Nun will er umfassende Sofortmaßnahmen für mehr Klimaschutz.

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