Keine stationäre Behandlung mehr in Wolfratshausen? Die Gutachter schlagen vor, die Kreisklinik in einen ambulanten Gesundheitscampus umzuwandeln.
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Keine stationäre Behandlung mehr in Wolfratshausen? Die Gutachter schlagen vor, die Kreisklinik in einen ambulanten Gesundheitscampus umzuwandeln.

„Es geht um Menschenleben“

Konzept zur „Auflösung“ der Kreisklinik Wolfratshausen löst Entsetzen und Protest aus

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Ein Konzept der Berliner Vicondo Healthcare GmbH zur Sicherung der Gesundheitsversorgung im Landkreis schlägt vor, die Kreisklinik in einen „intersektoralen Gesundheitscampus“ umzubauen. In Wolfratshausen regt sich vehementer Protest.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Das Konzept zur Sicherung einer umfassenden Gesundheitsversorgung im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen (wir berichteten) kennt bislang nur ein kleiner Personenkreis. Doch schon jetzt regt sich vehementer Protest. Denn die Berater der Vicondo Healthcare GmbH in Berlin schlagen vor, die Kreisklinik in einen „intersektoralen Gesundheitscampus“ umzubauen. In Wolfratshausen soll die „ambulante und präventive Versorgung“ der Patienten konzentriert werden. Die „akutstationäre Versorgung“ soll dagegen in der privaten Asklepios-Stadtklinik in Bad Tölz „gebündelt werden“, heißt es in der Expertise, die unserer Zeitung vorliegt. Zur öffentlichen Beratung steht das Konzept in der Kreistagssitzung am 20. Mai an.

„Mit Entsetzen haben wir Pläne von bestimmten Kreisen im Landkreis zur Kenntnis genommen, dass die Bestrebungen, die Kreisklinik Wolfratshausen aufzulösen, weiter vorangetrieben werden“: Das erklärt die Vorsitzende der Wolfratshauser CSU, Claudia Drexl-Weile, gegenüber unserer Zeitung. Man werde sich gegen das Vorhaben politisch zur Wehr setzen. „Zuerst fordern wir aber die Verantwortlichen in Bad Tölz auf, das Gutachten ganz schnell in die unterste Schublade zu legen.“

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Der Wolfratshauser FDP-Stadtrat Dr. Patrick Lechner meldet sich im sozialen Netzwerk Facebook zu Wort: „Wenn wir eines in 2020/2021 gelernt haben, dann die Tatsache, dass Gesundheit das Wichtigste ist, was wir haben.“ Daher werde er sich „mit aller Kraft“ für den Erhalt der Kreisklinik einsetzen. Lechner: „All das Klatschen und das Hochlebenlassen unserer Helden im Gesundheitswesen scheint schnell wieder vergessen zu sein, wenn wir unsere Kreisklinik von Berliner Unternehmensberatern einfach kaputt reden lassen.“ Profitabilität sei nicht das wichtigste Kriterium für die Zukunft der Kreisklinik: „Es geht um Menschenleben, es geht um unsere Gesundheit, und es geht um wertvolle Jobs in Wolfratshausen.“

Wir werden alles   zum Erhalt der Kreisklinik tun.

Claudia Drexl-Weile, Wolfratshauser CSU-Chefin

Drexl-Weile erinnert an die Debatte im Jahr 1999. Schon damals habe es „Bestrebungen“ gegeben, der Kreisklinik den Todesstoß zu versetzen. Nun werde „mit Hilfe eines Unternehmens in Berlin in Form eines Gutachtens erneut versucht“, den Standort Wolfratshausen zu schwächen. „Wir werden alles zum Erhalt der Kreisklinik tun“, kündigt die CSU-Chefin an – und denkt laut über ein Bürgerbegehren nach.

Claudia Drexl-Weile, CSU-Ortsvorsitzende

„Der Ball liegt beim Kreistag“, stellt die Wolfratshauser Stadträtin Dr. Ulrike Krischke (BVW) auf Facebook fest. Sie deutet ihre Unterstützung an, sollte ein Bürgerbegehren initiiert werden. Krischke plädiert dafür, ein breites Bündnis zu schmieden: Aus „Verbündeten in den Nachbarkommunen“ sowie Kreisräten „aus dem Nordlandkreis“. Krischke liegt auf einer Wellenlänge mit ihrem Stadtratskollegen Lechner: „Gerade in den gegenwärtigen Zeiten, wo Inzidenzwerte und Schutzmaßnahmen ganz unmittelbar mit der – vorhandenen oder nicht vorhandenen – Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems begründet werden, gibt es in meinen Augen keine Rechtfertigung für eine Privatisierung einer Kreisklinik.“

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Die „Umwandlung der Kreisklinik in eine Ambulanzklinik“ lehnt Erich Utz, Bundestagskandidat der Linken im Wahlkreis Bad Tölz-Wolfratshausen/Miesbach, kategorisch ab. „Ausgerechnet in der jetzigen Situation, in der zu befürchten ist, dass nicht genügend Krankenhausbetten für Pandemien vorgehalten werden, soll im Kreistag beschlossen werden, dass in Wolfratshausen Klinikbetten abgebaut werden sollen“, so Utz in einer Pressemitteilung. Er steht auf dem Standpunkt: „Es wird jede Hand und auch jedes Klinikbett benötigt, um der jetzigen aber auch zukünftigen Pandemien gerecht zu werden und um die Bevölkerung ausreichend medizinisch zu versorgen.“ Die „Absicherung des hochwertigen Grundrechts von Leben und Gesundheit“ rechtfertigt in seinen Augen die „hohe Bezuschussung“ der Kreisklinik durch den Landkreis.

Kreisklinik: Beraterfirma geht 2025 von einem jährlichen Defizit von 6,5 Millionen Euro aus

Die Berliner Beraterfirma geht davon aus, dass die Kreisklinik wie in den vergangenen Jahren weiter rote Zahlen schreiben wird. Im „Negativ-Szenario“ für das Jahr 2025 rechnet Vicondo mit 6,5 Millionen Euro Defizit – im „Basis-Szenario“ mit knapp fünf Millionen Euro Verlust. Daher sei ein „Weiter so“ keine Option.

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