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Kostenexplosion durch Corona und Ukraine-Krieg: Überdenken Kommunen ihre Bauprojekte?

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Von: Peter Borchers

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Verschiebt sich der Bau der neuen Turnhalle? Angesichts der Kostenexplosionen in der Baubranche denkt die Gemeinde Königsdorf über diese Option nach.
Verschiebt sich der Bau der neuen Turnhalle? Angesichts der Kostenexplosionen in der Baubranche denkt die Gemeinde Königsdorf über diese Option nach. © Grafik: Hrycyk Architekten

Bedingt durch Krieg und Pandemie sind die Preise für Energie und Materialien enorm gestiegen. Einige Kommunen erwägen deshalb, größere Bauvorhaben zu verschieben. Andere beobachten den Markt genau.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Weltwirtschaft taumelt. Zweieinhalb Jahre Pandemie und der Krieg in der Ukraine führen global zu geringeren Verfügbarkeiten von Rohstoffen, längeren Lieferzeiten und letztlich steigenden Preisen. Gerade in der Baubranche explodieren die Kosten: Experten sprechen von bis zu 20 Prozent für Holz, bis zu 15 Prozent für Produkte auf Mineralölbasis und sogar um 30 Prozent für Betonstahl. Wer jetzt also bauen möchte, muss sehr genau hinsehen, ob er sich das überhaupt leisten kann – zumindest in der ursprünglichen Planung.

Königsdorf

In Königsdorf beobachtet man den Markt derzeit mit Argusaugen. Nachdem Kämmerin Regina Bentz in ihrem Haushaltsentwurf die Gemeinderäte darauf hingewiesen hat, die Finanzlage im Blick zu behalten, stellte Bürgermeister Rainer Kopnicky klar, den Bau der neuen Sporthalle samt Mittagsbetreuung – ein 6,4-Millionen-Euro-Projekt – notfalls um zwei Jahre zu verschieben. Angebote nach einer ersten Ausschreibung hat die Verwaltung bereits abgelehnt. Auf der Basis von erarbeiteten Einsparungen startete mittlerweile eine neue Runde. Ergebnisse erwartet Kopnicky für Ende dieses Monats, „dann wird sich zeigen, ob wir mit dem Bau heuer beginnen oder nicht“.

In Berg im Nachlandkreis Starnberg machen sich ebenfalls erste Zweifel breit, ob man das neue Rathaus in der augenblicklichen Situation auf Biegen und Brechen bauen soll. Als in einer der jüngsten Sitzungen die Frage auftauchte, wie realistisch es sei, dass es bei den avisierten 15 Millionen Baukosten bleibe, antwortete Rathauschef Rupert Steigenberger: „Das ist ein Lotteriespiel, die Preise sind sehr volatil.“ Die Preise würden auch von den einzelnen Firmen abhängen und welche Materialien sie zur Verfügung hätten. „Preisabweichungen von 100 Prozent“ würden den Bürgermeister nicht überraschen. Noch aber glaubt Steigenberger, das Projekt wie geplant stemmen zu können.

Dietramszell

In Dietramszell gibt es – im Wortsinn – gleich mehrere teure Baustellen. „Wir haben nur Projekte, die viel Geld kosten“, sagt Bürgermeister Josef Hauser und zählt auf: der Bau eines neuen Feuerwehrhauses in Ascholding, der Kindergarten in Linden, „bei dem wir in den letzten Zügen sind“, die Wasserleitung zwischen Fraßhausen und Berg sowie die im vergangenen Jahr mit der Fassade begonnene Generalsanierung der Schule. Nächster Abschnitt dort ist die Sanierung der bislang noch nicht reparierten Dächer. „All diese Maßnahmen werden wir ausschreiben. Und wenn das Ergebnis passt, werden wir sie auch durchführen. Denn überall besteht Handlungsbedarf.“ An den Schuldächern habe man ein Dichtigkeitsproblem, „das lässt sich nicht schieben“. Bei der Wasserleitung fehle der Lückenschluss, und ins Feuerwehrhaus passe das nach der Lieferung des neuen Feuerwehrfahrzeugs für Dietramszell von dort verlegte Fahrzeug nicht hinein. „Aber alles ist unter dem Vorbehalt: Wenn die Kostenberechnung mit dem Ergebnis gar nicht mehr zusammenpasst und es total unwirtschaftlich wird, werden wir nicht um jeden Preis bauen.“ Immerhin: In Sachen Dorferneuerung ist in der jüngsten Sitzung der Auftrag vergeben worden. Hauser spricht von einer „Punktlandung der Kostenberechnung, das wird also ausgeführt“.

Das Ascholdinger Feuerwehrhaus ist zu klein für das neue Auto, das kommt. Der Neubau ist eine von vielen Maßnahmen, die Dietramszell stemmen muss.
Das Ascholdinger Feuerwehrhaus ist zu klein für das neue Auto, das kommt. Der Neubau ist eine von vielen Maßnahmen, die Dietramszell stemmen muss. © Archiv

Münsing

Münsings Bürgermeister Michael Grasl stellt klar: Das Mammutprojekt Bürgerhaus, 20 Millionen Euro teuer, „können und wollen wir nicht mehr stoppen“. Noch lägen alle Kosten im selbst gesetzten Rahmen, und auch die Materialpreisentwicklung habe sich, Stand heute, bei den Ausschreibungen der Hauptgewerke Baumeister und Zimmerer „nicht besorgniserregend verschlechtert“. Da die Arbeiten auf Hochtouren liefen, könne man auch nicht sagen: „Hört das Betonieren der Tiefgarage und des Kellers auf, wir planen um!“ Das Projekt fordere die Gemeinde allerdings „noch zwei Jahre bis über die Leistungsgrenzen“. Einige Gewerke seien offen, sagt Grasl, „hier werden sich vermutlich beim Ausbau, den Sanitäranlagen und bei der Küche die höheren Metallpreise auswirken“.

20-Millionen-Euro-Projekt Bürgerhaus: Noch lägen alle Kosten im selbst gesetzten Rahmen, betont Münsings Rathauschef Michael Grasl.
20-Millionen-Euro-Projekt Bürgerhaus: Noch lägen alle Kosten im selbst gesetzten Rahmen, betont Münsings Rathauschef Michael Grasl. © Grafik: Peck und Daam

Weitere Bauprojekte hat die Gemeinde auf einer Prioritätenliste. Darauf stehen das überfällige Ammerlander Feuerwehrhaus, der Hochwasserschutz und nach Umzug des Rathauses in zwei Jahren ein Haus des Kindes, der Umbau des jetzigen Gemeindesaals sowie die zur Ertüchtigung der Schule im Hinblick auf die ab 2026 gesetzlich geforderte Ganztagsbetreuung. „Wie wir das alles schaffen sollen, weiß ich nicht. Alles auf einmal geht auf jeden Fall nicht“, räumt Grasl ein. Nicht zuletzt habe eine weitere Sporthalle Priorität. Die sei jedoch nur mit einem gemeinsamen Finanzierungskonzept von Sportverein und Gemeinde einschließlich Zeitplan zu stemmen. „Das muss zeitnah angepackt werden, sonst bewegen sich die Gespräche, Wünsche und Vorstellungen im luftleeren Raum.“ Das Fazit des Bürgermeisters: „Wir haben für die nächsten zehn Jahre mehr als genug an Arbeit und werden weitere zweistellige Millionenbeträge in die Infrastruktur investieren müssen.“ Eine Alternative dazu gibt es aus Grasls Sicht nicht für die Kommunen, sonst „gehen bald die Lichter aus. Denn davon lebt unser Mittelstand, unser Handwerk und davon profitiert unsere Steuerkraft. Mit Handbremsenpolitik kommen wir nicht weiter.“

Eurasburg

„Meilensteine“ nennen die Eurasburger ihre avisierten Projekte, darunter fallen der neue Kunstrasenplatz, die Zusammenlegung der Schulhäuser Eurasburg und Beuerberg, der Neubau einer Mehrzweckhalle und der Radweg bei Baierlach. „Die Reihenfolge werden wir im Laufe des Jahres festlegen“, kündigt Moritz Sappl an. In Sachen Kunstrasen liege der Ratsbeschluss schon vor, das Projekt zu planen und danach noch einmal die Kosten zu prüfen. Bauherr ist der Sportverein, die Gemeinde gebe einen Zuschuss. Die anderen Meilensteine sind in einem bis zum Jahr 2035 ausgelegten Programm integriert, „das heißt, wir können über diesen Zeitraum in Ruhe planen und auch die Kostenentwicklung berücksichtigen“. Man werde genau beobachten, wie sich der Markt entwickelt, wenn viele Kommunen ihre Baumaßnahmen tatsächlich schieben sollten. Mit den Meilensteinen, die dann geplant in der Schublade liegen, „lassen wir uns die Möglichkeit offen, relativ schnell auf den Markt reagieren zu können“, so Sappl. Klar ist für den Rathauschef aber auch: „Die Kostenentwicklung werden wir genau im Auge behalten müssen. Und durch Corona und den Krieg in der Ukraine werden wir alle uns in unserem Wohlstandsempfinden bewegen müssen.“

Moritz Sappl, Bürgermeister von Eurasburg
Moritz Sappl, Bürgermeister von Eurasburg © Sabine Hermsdorf-Hiss

Icking

Zwei große Bauprojekte hat die Gemeinde Icking vor der Brust: die Sanierung der Trinkwasserleitungen und den Bau einer neuen Turnhalle an der Grundschule. Bei der Ausschreibung für die erste Maßnahme „haben sich die befürchteten Preissteigerungen noch nicht niedergeschlagen“, sagt Verena Reithmann. Die Rathauschefin ist deshalb „in diesem Punkt für dieses Jahr „guten Mutes. Wir haben nicht das Gefühl, dass wir an diesem Plan etwas korrigieren.“ In Sachen Turnhalle steige man dagegen erst in die Planungsphase ein, „was ein wenig unser Glück ist“. Reithmann hofft nämlich: „Wenn wir in die Ausschreibungsphase einsteigen, ist der Markt vielleicht wieder kalkulierbarer“.

Verena Reitmann, Rathauschefin in Icking
Verena Reitmann, Rathauschefin in Icking © Sabine Hermsdorf-Hiss

Egling

Ein Großprojekt mit einer Investition von knapp drei Millionen hat die Gemeinde Egling fast abgeschlossen: das Betreute Wohnen im ehemaligen Springer-Anwesen gegenüber dem Rathaus. Darüber ist Hubert Oberhauser „sehr froh“. Mittendrin sei man bei Komplettsanierung und -umbau des Deiniger Kindergartens, sagt das Gemeindeoberhaupt, „und es läuft gut“. In eineinhalb, zwei Jahren steht aber die Sanierung der Grundschule an inklusive der Schaffung von mehr Räumlichkeiten für die Ganztagsbetreuung. „Dafür werden wir von zehn Millionen nicht weit weg sein“, spekuliert der Rathauschef. Aktuell sucht die Kommune Planer für das Projekt. Bevor man dann die Aufträge vergibt, müsse der Gemeinderat entscheiden, „ob wir es im genannten Zeitfenster belassen oder umdenken, sollten die Kosten explodieren. Ob’s allerdings langfristig billiger wird, steht wieder auf einem anderen Papier.“

Geplante Maßnahme: Die Eglinger Grundschule muss saniert werden. Bürgermeister Hubert Oberhauser hofft auf einen Beginn der Arbeiten in zwei Jahren.
Geplante Maßnahme: Die Eglinger Grundschule muss saniert werden. Bürgermeister Hubert Oberhauser hofft auf einen Beginn der Arbeiten in zwei Jahren. © Sabine Hermsdorf-Hiss

peb

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