Rund 200 Personen beteiligten sich am Freitag nach Angaben der Polizei an der Demonstration für den Erhalt der Kreisklinik in der Wolfratshauser Altstadt.
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„Finger weg von unserer Klinik“: Rund 200 Personen beteiligten sich am Freitag nach Angaben der Polizei an der Demonstration für den Erhalt der Kreisklinik in der Wolfratshauser Altstadt.

Demonstration in Wolfratshausen

Kreisklinik-Mitarbeiter: Erst Beifall, dann „ein Schlag ins Gesicht“

  • Carl-Christian Eick
    VonCarl-Christian Eick
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Rund 200 Menschen beteiligten sich am Freitag in Wolfratshausen an der Demonstration für den Erhalt der Kreisklinik. Im Zentrum der Kritik: Landrat Josef Niedermaier.

  • Die Zukunft der Kreisklinik in Wolfratshausen - bis dato in kommunaler Hand - ist ungewiss
  • Das Haus schreibt laut einer Unternehmensberatung rote Zahlen
  • Landrat Josef Niedermaier will einen strategischen Partner suchen, um den Klinikstandort zu erhalten; dagegen regt sich massiver Widerstand

Wolfratshausen – Die Menschen, die zwischen Stadtpfarrkirche und Rathaus auf dem Marienplatz für den Erhalt der Kreisklinik demonstrieren, sind zum Großteil in schwarzer Trauerkleidung erschienen. „Wir tragen hier heute die öffentliche Gesundheitsversorgung zu Grabe“, erklärt Kundgebungsleiterin Susanne Reichardt-Geisbauer, Anästhesistin in der Kreisklinik.

Die Teilnehmer, der Einsatzleiter der Polizei, Erster Hauptkommissar Andreas Czerweny, spricht von rund 200 Personen, eint die Angst vor der Privatisierung des bis dato kommunalen Krankenhauses. Im Zentrum der Kritik steht Landrat Josef Niedermaier (FW), Vorsitzender des Klinik-Aufsichtsrats.

Patienten sind Menschen, kein Marktpotenzial

Was die Klinik-Mitarbeiter und die Bürger von den erst kürzlich öffentlich gewordenen Plänen der Kreispolitiker halten, ist auf Plakaten zu lesen: „Schützt unser Heimatkrankenhaus!“ Und: „Patienten sind Menschen, kein Marktpotenzial!“ Unter dem Beifall der Protestierenden, darunter Wolfratshausens Rathauschef Klaus Heilinglechner (BVW) und sein Geretsrieder Amtskollege Michael Müller (CSU), ruft Reichardt-Geisbauer: „Wir sind es satt, an der Nase herumgeführt zu werden!“ Sie fordert, dass der Landrat der Klinik-Belegschaft endlich reinen Wein einschenkt. Was ist dran an den Gerüchten, dass die Kreisklinik an einen privaten Investor, konkret an die Hamburger Asklepios-Kette verkauft werden soll?

Erich Utz, Bundestagskandidat für die Partei Die Linke im Wahlkreis Bad Tölz-Wolfratshausen/Miesbach, hat daran nicht den leisesten Zweifel: „Das Kreiskrankenhaus ist in Gefahr.“ Der Asklepios-Konzern stehe zur Übernahme bereit – ein Unternehmen, das mitten in der Corona-Pandemie „Kündigungen ausspricht“, empört sich Utz. „Wenn wir verhindern wollen, dass wenig rentable Abteilungen wie die Notfallmedizin und die Geburtshilfe geschlossen werden, dürfen wir nicht zulassen, dass ein privater Träger die Geschicke der Kreisklinik übernimmt.“

Wer nicht kämpft, hat schon verloren - und wir werden kämpfen.“

Günther Eibl, CSU-Kreisrat aus Wolfratshausen

Der Linken-Politiker steht auf dem Standpunkt: „Es ist nicht nur vertretbar, sondern eine Pflicht, mit Steuergeldern die öffentliche Daseinsvorsorge der Krankenhausvollversorgung aufrechtzuerhalten.“ Nach seiner Meinung „darf eine öffentlich-rechtliche Klinik rote Zahlen schreiben“, denn: „Die Gesundheit der Bevölkerung ist es wert, dafür unsere Steuergelder auszugeben.“ Offenbar teilen die Demonstranten diese Ansicht, denn es brandet kräftiger Beifall auf.

Verdi rechnet wie Geretsrieds Rathauschef Müller

Es sei „ein starkes Stück“, wettert Verdi-Gewerkschaftssekretär Win Windisch, „was hier im Landkreis mitten in der Pandemie passieren soll“. Die kommunale Trägerschaft zugunsten eines privaten Investors aufzugeben, sei „völlig hirnrissig“. Für Asklepios, davon ist der Arbeitnehmervertreter überzeugt, gehe es einzig und allein „um die Marge“, um den Profit. Nicht um die Patienten, nicht um die Mitarbeiter. Aber: „Wenn man Menschen gesund machen und pflegen will, kann das Ziel nicht Profit sein“, so Windisch. Er erinnert an die Rechnung des Geretsrieder Bürgermeisters: Das Defizit der Kreisklinik belaufe sich auf 30 Euro pro Landkreisbürger. „Das Geld muss uns die Kreisklinik doch wert sein“, betont Windisch – und die Zuhörer lärmen zustimmend.

Manuel Stock, OP-Leiter und Mitglied des Klinik-Betriebsrats, schlägt emotionale Töne an. „Während meine Kolleginnen und Kollegen auf der Intensivstation um das Leben von Corona-Patienten kämpfen“, sei die Ankündigung von Landrat Niedermaier, „was er mit der Klinik vorhat“, ein „Schlag ins Gesicht“. Stock appelliert an die Kreisräte, bei ihren Entscheidungen in der kommenden Woche zu bedenken, dass es nicht nur um 400 Arbeitsplätze gehe: „Sondern es geht auch um die künftige Gesundheitsversorgung in unserem gesamten Landkreis.“

Der Wolfratshauser CSU-Stadt- und Kreisrat Günther Eibl (CSU) bedankt sich bei den 200 Anwesenden: „Sie zeigen damit deutlich, wie wichtig die Kreisklinik für unser Mittelzentrum ist.“ Ja, räumt Eibl ein, er habe im Kreistag dafür gestimmt, ein Konzept zur perspektivischen Gesundheitsversorgung im Kreis erstellen zu lassen. Doch er sei sich „in keinster Weise“ bewusst gewesen, „wie dieser Prozess letztlich abläuft“. Statt die Debatte öffentlich zu führen, seien „in Hinterzimmern“ Entscheidungen „vorbereitet worden“, die nun quasi über Nacht in die Tat umgesetzt werden sollten. Eibl kündigt Widerstand gegen eine Politik an, „die an den Bürgern im Mittelzentrum Wolfratshausen-Geretsried vorbeigeht“: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, so der CSU-Kreisrat, „und wir werden kämpfen.“

Eine Kooperation zwischen Asklepios als gewinnorientiertem Konzern einerseits und einer Kreisklinik für die Grundversorgung – das erinnert mich an den Versuch, einen Wolf und ein Schaf in ein Gehege zu sperren und sich dann darüber zu wundern, dass daraus einfach kein weißer Tiger oder eine eierlegende Wollmilchsau wird. Das wird nur ein fetter Wolf, der auf die nächste Beute wartet.“

Klaus Barthel, SPD-Kreisvorsitzender

Für die Beleghebammen an der Kreisklinik redet Martina Winkler den Entscheidungsträgern ins Gewissen: „Wir bringen Leben in die Bude“, so die Hebamme mit einem Augenzwinkern. Doch ohne „das tolle Team“, zu dem unter anderem OP-Kräfte, Anästhesisten, Schwestern, Reinigungs- und Küchenkräfte zählen würden, wäre die Geburtshilfeabteilung hinfällig. Die Kreisklinik „schließen oder in eine Tagesklinik umwandeln: Die Menschen werden auch in der Nacht krank, Kinder kommen auch nachts zur Welt“, so Winklers Grußadresse an Landrat und Kreisräte.

Schulter an Schulter für die Kreisklinik: Die Bürgermeister aus Geretsried, Michael Müller (CSU, li.), und Wolfratshausen, Klaus Heilinglechner (BVW).

Mit der SPD sei über die Privatisierung der Kreisklinik nicht zu verhandeln, erklärt Kreisvorsitzender Klaus Barthel. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete, der als linkslastiger Genosse gilt, geht mit dem Asklepios-Konzern hart ins Gericht. Das sei „ein Wolf“, und es müsse alles getan werden, um zu verhindern, dass Asklepios in Wolfratshausen „einen Fuß in die Tür bekommt“.

Klaus Barthels Schlusswort klingt wie eine Drohung

Auch Landrat Niedermaier kommt nicht ungeschoren davon. Dieser habe versucht, die Öffentlichkeit einzuschläfern und verlange vom Kreistag einen „Blankoscheck für Verhandlungen mit irgendwelchen Investoren“. Barthel mutmaßt, dass Niedermaier nach der Bundestagswahl im September „plötzlich mit dem gesuchten Investor“, konkret Asklepios, „um die Ecke kommt“ und dem Kreistag erklären würde, dass seine Entscheidung für den Hamburger Konzern alternativlos gewesen sei. „So geht das nicht“, lässt der Sozialdemokrat die Demonstranten auf dem Marienplatz wissen. Es gehe „um eine tiefgreifende und langfristig wirkende Entscheidung über die Gesundheitsversorgung in unserem ganzen Landkreis“. Einen Beschluss, die Einrichtung in Wolfratshausen zu privatisieren, „darf es nicht geben“, warnt Barthel. „Nächste Woche nicht und später auch nicht.“ Stattdessen müsse der Kreistag „klarstellen“, dass der Standort Wolfratshausen als öffentliches Krankenhaus bestehen bleibe – und dass „deshalb hier investiert und ausgebaut wird“.

Barthels Schlusswort hallt wie eine Drohung über den Marienplatz: „Wenn alle Appelle und Demonstrationen nichts nützen: Wir stehen für weitere Aktivitäten bis hin zu einem Bürgerbegehren in einem breiten Bündnis zur Verfügung.“

cce

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