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In der neu gebauten und technisch hervorragend ausgestatteten Endoskopie: Dr. Stefan Schmidbauer (li.) und Dr. Thomas Riedel.

Kreisklinik Wolfratshausen

Früh erkannt ist Darmkrebs in den meisten Fällen heilbar

Darmkrebs ist die zweithäufigste Tumorerkrankung bei Frauen und die dritthäufigste bei Männern. Die Chancen für eine erfolgreiche Behandlung sind umso größer, je früher der Krebs oder, besser noch, seine Vorstufen erkannt werden.

Dr. med. Stefan Schmidbauer.

Dr. Stefan Schmidbauer ist Chefarzt der Chirurgie und einer der Ärztlichen Leiter des zertifizierten Bauchzentrums der Kreisklinik Wolfratshausen. Im Interview spricht er über die Bedeutung der Darmkrebs-Vorsorge, die Chancen der Früherkennung und die Therapiemöglichkeiten bei dieser Krebserkrankung.

Herr Dr. Schmidbauer, es heißt, nahezu alle früh erkannten Darmkrebsfälle können geheilt werden, ist dies auch Ihre Erfahrung?

Dr. Schmidbauer: Es stimmt, früh erkannt und ohne Metastasenbildung liegen die Heilungschancen der beunruhigenden Diagnose Darmkrebs bei über 90 Prozent. Bei einer Darmspiegelung erkennt der Gastroenterologe Vorstufen des Krebses und entfernt Polypen, die unter Umständen bösartig werden könnten.

Wem und wann empfehlen Sie eine Darmspiegelung?

In unserem Gesundheitssystem empfehlen und bezahlen die Krankenkassen Menschen ab 55 Jahren alle zehn Jahre die Darmspiegelung als präventive Maßnahme. Bei Risikopatienten oder Patienten mit alarmierenden Symptomen übernimmt die Kasse die Vorsorge schon früher und altersunabhängig. Bei zehn Prozent der Patienten mit erhöhtem Erkrankungsrisiko hatten bereits Familienmitglieder Darm-, Gebärmutter-, Eierstock-, Magen- oder Harnkrebs. Zu den Risikopatienten zählen auch Menschen mit chronischen Darmentzündungen wie zum Beispiel Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Bei Alarmsymptomen - Blut im Stuhlgang, unregelmäßiger Stuhlgang, eine Veränderung der Beschaffenheit des Stuhlgangs oder eine tastbare Verhärtung im Bauchraum – sollte unbedingt eine Koloskopie, also eine Darmspiegelung, durchgeführt werden.

Die Notwendigkeit, jährlich im März, sogar mit Unterstützung von Prominenten, zur Vorsorge aufzurufen, zeigt aber wohl doch, dass viele Menschen diese Möglichkeit scheuen. Warum ist das so?

Man geht davon aus, dass jährlich nur drei Prozent aller Berechtigten die Darmspiegelung wahrnehmen. Eine Ursache dafür kann die Angst vor einer Untersuchung im Intimbereich sein. Auch die Darmentleerung als Vorbereitung schreckt viele ab, dabei ist das Procedere heute nicht mehr so unangenehm wie früher. Außerdem gibt es Bedenken vor Perforationen im Darm oder Blutungen. Diese Komplikationen liegen jedoch erwiesenermaßen maximal im Promillebereich.

Angenommen, bei der Darmspiegelung werden Polypen gefunden. Was passiert dann?

Die Polypen werden entfernt und zur Untersuchung verschickt. Dort kann mit Sicherheit bestimmt werden, ob die Polypen bösartig sind. Sind sie nicht bösartig, besteht kein Risiko mehr. Die Darmspiegelung sollte aber nach einer gewissen Zeit, zum Beispiel nach drei Jahren, nach Vorgabe der Untersuchung wiederholt werden.

Wann müssen Sie als Chirurg in die Behandlung eingeschaltet werden?

Wir operieren regelhaft, wenn ein bösartiger Tumor gefunden wurde oder im Notfall wie zum Beispiel bei starken Blutungen oder einem Darmverschluss. Die Operation ist fester Bestandteil der Therapie und eine wichtige Voraussetzung zur Heilung.

Wie genau sieht ein solcher chirurgischer Eingriff aus?

Der Eingriff wird immer mit einer Vollnarkose durchgeführt. Im Einzelfall entscheiden wir, ob mit einer „offenen“ Operation oder minimal-invasiv (Red. Anm.: Operationstechnik mit kleinen Schnitten). Entfernt werden das tumortragende Darmstück und – um ein Ausstreuen zu verhindern - die dazugehörigen Lymphbahnen.

Dauert es dann lange, bis ein operierter Patient wieder essen kann und nach Hause darf?

Heutzutage achten wir darauf, dass der Patient schnell wieder Nahrung zu sich nimmt und auf die Beine kommt. Unsere Patienten bekommen schon am Abend der Operation etwas zu trinken und dürfen am nächsten Tag kleine Mengen essen. Wann sie nach Hause dürfen, ist natürlich sehr individuell, in der Regel dauert der Klinikaufenthalt ein bis zwei Wochen.

In der Kreisklinik Wolfratshausen besteht seit 2014 das TÜV-geprüfte interdisziplinäre Bauchzentrum Isar Loisach. Was bedeutet hier „interdisziplinär“ und welche Vorteile bietet das Zentrum?

Interdisziplinäre Zentren sind der Weg zur Individualisierung und Optimierung der Behandlung. Zum Tragen kommen die Vorteile des Bauchzentrums gleich nach der Diagnose eines bösartigen Darmtumors. Spezialisten aus verschiedenen Fachbereichen wie der Onkologe, der Radiologe, der Psychoonkologe, der Gastroenterologe, aus der Physiotherapie und dem Sozialdienst treffen sich zu festen Zeiten im sogenannten „Tumorboard“. Im Gremium tauschen die Fachleute ihr spezifisches Know-how aus und bündeln damit ihr Wissen. Dabei reflektieren sie, was für den einzelnen Patienten am besten ist und erarbeiten gemeinsam die optimale Therapie.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie das in der Praxis aussieht?

Im Interdisziplinären Bauchzentrum stimmen Ärzte mehrerer Fachrichtungen anhand der Untersuchungsergebnisse des einzelnen Patienten die optimale Behandlung ab.

Ein Beispiel wäre die Diagnose Enddarmkrebs. Statistisch gesehen sind viele Darmkrebs-Patienten zwischen 50 und 70 Jahren alt und nicht selten gesundheitlich angeschlagen. In regelmäßigen Treffen bespricht und analysiert die Gruppe die Ergebnisse der vorausgegangenen Untersuchungen. Unsere Klinik ist Mitglied im Tumorzentrum München und arbeitet nach modernem Standard. Anhand der Befunde wird die optimale Therapieform für den jeweiligen Patienten erarbeitet. Das ermöglicht eine auf den Patienten abgestimmte Schmerztherapie, bezieht seinen generellen gesundheitlichen Zustand oder bei Bedarf eine psychologische Unterstützung mit ein. Individuell und bestverträglich wird auf diese Weise auch die unter Umständen notwendige Bestrahlung oder Chemotherapie abgestimmt und in den Behandlungsablauf integriert. In der Komplexität bedeutet dies enorme Sicherheit für den kranken Menschen.

Was würden Sie persönlich und als Arzt den Menschen in Sachen Vorsorge raten?

Darmkrebs ist vermeidbar und deshalb rate ich jedem, ab 50 Jahren zur Untersuchung des Stuhls und zur Darmspiegelung ab 56. Es ist sinnvoll, im Vorfeld zu erforschen, ob in der Familie ein erhöhtes Risiko besteht. Mit zunehmendem Alter steigt die Gefahr einer Erkrankung an Darmkrebs drastisch an. Generell sollten Symptome nicht bagatellisiert, sondern abgeklärt werden. Man sollte auch aufmerksam gegenüber den allgemeinen Risikofaktoren sein, beispielsweise Übergewicht, Stress, Zuckerkrankheiten, Bewegungsmangel, Rauchen und Alkohol, Verzehr von zu viel rotem Fleisch, tierischen Fetten einerseits sowie zu wenig Obst und Gemüse andererseits. In Sachen Vorsorge kann man selbst viel tun. Vor allem mehrmals in der Woche wenigstens eine halbe Stunde Bewegung haben und sich gesund ernähren.

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