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Warten auf Besuch: Die Corona-Pandemie stellt ältere Menschen, ihre Angehörigen und das Personal in Pflege- und Senioreneinrichtungen vor große Herausforderungen. Die Besuchsregeln sind streng.

Für Besucher gegen strenge Reglen

Kritik an Seniorenheim-Besuchszeiten: „Mit Menschenwürde nichts zu tun“

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Es ist eine Folge der Corona-Pandemie: Für die Besucher von Alten- und Pflegeheimen gelten strenge Regeln. Nun wird in Wolfratshausen Kritik laut.

Wolfratshausen – Etwa jeder Dritte, der in Deutschland in Folge einer Covid-19-Infektion verstarb, war Bewohner eines Alten- oder Pflegeheims. Der Freistaat Bayern reagierte mit strengen Besuchsregeln auf die Pandemie, die die Angehörigen der Senioren allerdings sehr schmerzen. Ein Wolfratshauser, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat exemplarisch das mehrseitige Besuchskonzept des AWO-Demenzzentrums in der Flößerstadt studiert und kommt zu dem Schluss: „Mit Menschenwürde hat das nichts zu tun.“

Im Konzept, an dem der Angehörigenbeirat sowie das Ethik-Komitee der Einrichtung mitgearbeitet haben und das fortlaufend aktualisiert wird, stehen zahlreiche Vorgaben. Jeder Besuch des AWO-Demenzzentrums am Paradiesweg ist nur nach Terminabsprache erlaubt, die Abstandsregelung muss im Haus sowie auf dem gesamten Grundstück beachtet werden, jeder Besucher muss sich in eine Kontaktliste eintragen. Wer gegen Schutzmaßnahmen verstößt, zum Beispiel keine Mund-Nasen-Maske trägt, dem droht ein Hausverbot. Regeln, die der 75-jährige Rentner nachvollziehen kann – doch andere „beschäftigen und beunruhigen mich“. Ein Beispiel: Der Besuch eines Angehörigen ist nicht länger als 20 Minuten erlaubt. „In Stadelheim darf ein Untersuchungshäftling 30 Minuten Besuch empfangen“, hat der Senior recherchiert.

„Ein Untersuchungshäftling darf 30 Minuten Besuch empfangen“

In den Augen des Wolfratshausers ist das ganze Procedere „einfach irre“. Nach seiner Einschätzung ist der Hygieneschutz die eine Seite der Medaille, die „Qualität des Lebens“ die andere. Angesichts generell sinkender Infektionszahlen (im Landkreis wurde laut Kreisbehörde seit dem 28. Mai nur ein neuer Corona-Fall registriert) müssten die strikten Besuchsregeln hinterfragt werden.

„Sie können mir glauben: Ich bin auch alles andere als glücklich“, sagt Einrichtungsleiterin Anke Bimschas. Das Motto „Abstand halten“, das in Pandemiezeiten gelte, stelle die Philosophie des AWO-Demenzzentrums völlig auf den Kopf. Aber: Die Spezialisierung auf Menschen mit Demenz setze angesichts des Coronavirus eine besondere hausinterne Risikobewertung voraus. Viele Bewohner seien nicht in der Lage, alle Infektionsschutzbestimmungen und -maßnahmen alleinverantwortlich einzuhalten, so Bimschas. Deswegen sei das Regelwerk, das zum Großteil vom bayerischen Innenministerium vorgegeben ist, so engmaschig und das Personal angehalten, nicht zuletzt die Einhaltung der Besuchsbestimmungen konsequent zu kontrollieren.

„Stecken in einem Dilemma, das wir nicht auflösen können“

„Wir stecken in einem Dilemma, das wir nicht auflösen können“, bilanziert Bimschas. Sie hat großes Verständnis für die Sorgen und mitunter Verzweiflung der Menschen, die in der Corona-Krise den persönlichen Kontakt zu Angehörigen in Senioren- oder Pflegeheimen einschränken müssen. „Aber oberstes Gebot hat der Schutz unserer Bewohner und des Personals“, betont die Einrichtungsleiterin. „Keiner möchte eine Senioreneinrichtung, in der Corona ausbricht.“

Für die Begleitung Sterbender seien Ausnahmen definiert, stellt Bimschas klar. Eine zeitliche Beschränkung der Besuchszeit gebe es nicht, mit den Angehörigen würden darüber hinaus individuelle Vereinbarungen getroffen – sogar das Übernachten in der Einrichtung am Paradiesweg sei möglich.

Alte, einsame und sterbende Menschen würden die aktuelle Isolation als „Freiheitsberaubung“ empfinden, so der Pflegeexperte Claus Fussek kürzlich in einem Interview mit unserer Zeitung. „In den Arm genommen zu werden, Gespräche, ein freundliches Wort, an die frische Luft gehen, das ist für sie oft das letzte, was sie noch an Lebensqualität haben.“ Pflegekräfte dürften seine Aussagen nicht missverstehen: „Sie leiden ja vielfach selber unter dieser Situation“, stellt der 67-Jährige, der aus Lenggries stammt, fest. „Für die Gesellschaft ist es jetzt eine Herausforderung, kreative Lösungen für mehr Lockerungen in diesem Bereich zu finden.“

„Es gibt definitiv keine Vereinsamungstendenz“

Anke Bimaschas hofft, dass zeitnah Schnelltests zur Verfügung stehen, deren Ergebnis „binnen 20 Minuten feststehen“. Das könnte „neue Spielräume“ in puncto Besuchskonzept eröffnen. „Wir sitzen aber schon jetzt jeden Tag zusammen und erörtern Ideen.“ Ideen, die der Leiterin des AWO-Demenzzentrums und ihrem Team auch aus dem Kreis der Angehörigen unterbreitet werden. „Unsere Bewohner waren und sind aber nicht alleine“, betont sie, „es gibt definitiv keine Vereinsamungstendenz.“ Das sei ihr nicht zuletzt von Angehörigen der Bewohner bestätigt worden, „mit denen wir in diesen Zeiten sehr viel telefonieren“. cce

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