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„Kundenfreundlichkeit sieht anders aus“: Rollstuhlfahrer Chris K. fuhr die S7 in Wolfratshausen vor der Nase weg. 

Trotz Blickkontakt

Lokführer lässt Rollstuhlfahrer stehen - mit unfassbarer Begründung

Rollstuhlfahrer Chris K. wollte am Wolfratshauser Bahnhof rasch noch in die S-Bahn einsteigen - doch der Lokführer machte einfach die Türe zu. Und das trotz Blickkontakt. Was lief da schief?

Wolfratshausen Er blickte dem Lokführer noch in die Augen, doch die S-Bahn-Türen schlossen sich. Chris K. ist wütend – und traurig. Der 22-Jährige sitzt im Rollstuhl und wurde am S-Bahnhof in Wolfratshausen zurückgelassen.

Es ist Freitag, 19.30 Uhr. Gemeinsam mit seiner Mutter erreicht der 22-Jährige den S-Bahnhof. Er will mit dem Zug nach München fahren, Freunde treffen. Als sie den Bahnsteig erreichen, steht die S 7 am Gleis. „Sie wäre eigentlich um 19.24 Uhr gefahren, aber hatte offensichtlich Verspätung.“ Chris beschließt, diese Bahn zu nehmen, seine Mutter schiebt ihn in Richtung Waggon 1. Hier können Rollstuhlfahrer mit einer Rampe leichter einsteigen, auch befindet sich im Inneren ein Ausstiegs-Knopf. Am Ende der S-Bahn steht der Lokführer, blickt zu Chris K. und seine Mutter. Doch dann steigt er ein und aus den Lautsprechern ertönt „Bitte einsteigen!“ „Halt, Stop! Wir wollen noch mit“, rufen sie dem Lokführer hinterher. Sie drücken an der Tür, doch sie schließt sich. Dann fährt die S-Bahn davon. Chris K. bleibt auf dem Bahnsteig zurück.

„Ich kann das Verhalten des Lokführers einfach nicht verstehen.“ Das Reinlassen dauere seiner Erfahrung nach maximal zehn Sekunden. „Außerdem hat er uns gehört und gesehen. Kundenfreundlichkeit sieht anders aus. Sowas ist mir noch nie passiert.“ An die Bahn schrieb er gleich am Montag eine Beschwerde – doch gehört hat er bisher nichts.

Die Arbeitsabläufe bei der Bahn sind strikt

„Der Vorfall tut uns sehr leid“, sagt die Deutsche Bahn auf Nachfrage der Boulevardzeitung tz. Zwischen dem Lokführer und Chris K. habe es ein Missverständnis gegeben. Keinesfalls habe man jemanden am Bahnsteig absichtlich zurücklassen wollen. „Im Gegenteil, uns tut es immer sehr leid, wenn wir aufgrund strikter Arbeitsabläufe Menschen am Gleis nicht mehr mitnehmen können.“

Das Problem an jenem Tag sei gewesen, dass die S7 bereits Verspätung hatte. Der Lokführer habe einen Befehl zur Abfahrt erhalten, dessen Abläufe er befolgen muss. „Das erneute Öffnen einer Tür ist dann nicht mehr möglich, da die Zeiten eingehalten werden müssen.“ Eine Abfahrt war unvermeidlich. „Wir können absolut verstehen, wenn sich jemand ärgert, dass er nicht mehr schnell einsteigen kann“, sagt ein Sprecher. Gerade auf der Strecke der S 7 müssten die Abfahrtszeiten aber genau eingehalten werden, da die Linie eingleisig sei. Trotzdem will die Bahn diesen Vorfall wieder gut machen. „Wir entschuldigen uns in aller Form – und wollen uns auch persönlich bei ihm melden.“ aw

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