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Fachkundiges Urteil: Dr. Verena Dirnberger, promovierte Kunsthistorikerin, bestätigt die Entdeckung ihres Vaters. Die Madonnen-Figur, die über dem Marienbrunnen in der Altstadt thront, wurde von Freiherr Ferdinand von Miller dem Jüngeren gegossen.

Sehr prominenter Gießer der Bronze-Madonna

Marienfigur in Wolfratshausen: Steinmetz entdeckt „Sensation“

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Bis jetzt hängte Steinmetz Karl Dirnberger seine Entdeckung nicht an die große Glocke: Die Madonna auf dem Wolfratshauser Marienbrunnen hat einen prominenten Schöpfer.

Wolfratshausen – Heimatforscher Christian Steeb stemmt sich gegen die diskutierte Verlegung des Marienbrunnens in der Altstadt (wir berichteten). Unterstützung erhofft sich der 79-jährige von der Denkmalschutzbehörde. Nicht zuletzt, weil Steeb nach eigenen Worten bei seinen Recherchen auf „eine Sensation“ gestoßen ist.

Ursprünglich stand im Schatten der Stadtpfarrkirche ein Holzbrunnen. Als dieser zunehmend verfiel, entschied man sich 1848 für ein Modell aus Stein. Knapp 80 Jahre später, 1924, hatte der Zahn der Zeit dem Steinbrunnen stark zugesetzt – als Ersatz entstand der Brunnen in seiner heutigen Form mit der Mariensäule.

„Im Februar/März 1988 stürzte die Säule aus unbekanntem Grund um“, erinnert sich Steeb. Die Madonna, die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht fest mit dem Sockel verbunden war, das heißt, deren Standfestigkeit nur auf dem Eigengewicht der Mutter Gottes und des Jesuskinds beruhte, zerbrach in mehrere Einzelteile. „Auch die Säule aus Muschelkalk wurde schwer beschädigt“, so der Hobby-Historiker.

Der Wolfratshauser Steinmetz Karl Dirnberger empfahl der Stadt seinerzeit, die Teile der Bronzefigur, die der Bildhauer Paul Sayer (1832-1890) entworfen hat, in eine Metallkunst-Fachwerkstatt in Gernlinden im Landkreis Fürstenfeldbruck zu transportieren. Die Muschelkalk-Säule restaurierte Dirnberger in seiner Werkstatt an der Sauerlacher Straße selbst.

Das Unglück der gefallenen Madonna entpuppt sich 31 Jahre später – durch die Brille eines Kunsthistorikers gesehen – als Glücksfall: „Bei der Restaurierung entdeckte der Steinmetz damals am Sockel eine Signatur“, hat Steeb vor wenigen Tagen durch einen Anruf aus dem Hause Dirnberger erfahren. „Der Erzgießer des Bronzekunstwerks war Freiherr Ferdinand von Miller der Jüngere.“ Dessen Vater schuf als Inspektor der Königlichen Erzgießerei in München das Abbild von Bayerns Schutzpatronin, die Bavaria an der Theresienwiese. Sie wurde zwischen 1843 und 1850 vom Münchner Künstler Ludwig Schwanthaler im Auftrag Ludwigs I. entworfen.

 „Ja“, sagt Dirnberger im Gespräch mit unserer Zeitung, „ich habe die Signatur seinerzeit entdeckt und fotografiert.“ Um ganz sicher zu gehen, dass der Gießer der Marienfigur tatsächlich Miller der Jüngere war, bat Dirnberger seine Tochter Verena um Unterstützung. Die 40-jährige promovierte Kunsthistorikerin, die als vereidigte Sachverständige auch Gutachten erstellt, bestätigte die Echtheit der Signatur. An die große Glocke hängten Dirnbergers ihre Entdeckung nicht. „Erst jetzt, nachdem wir vor ein paar Tagen die Geschichte über den Marienbrunnen in der Heimatzeitung gelesen haben, hat meine Tochter Herrn Steeb angerufen“, sagt der 78-Jährige. „Ein Werk von Freiherr Miller, das ist auf jeden Fall etwas sehr Wertvolles“, stellt Dirnberger fest.

Freiherr Ferdinand von Miller, der von seinem Vater ausgebildet wurde, war von 1900 bis 1919 Direktor der königlich-bayerischen Kunstakademie in München und seit 1912 Ehrenbürger der Stadt. Er starb 1929. Laut Steinmetz Dirnberger schuf Miller rund 70 Standbilder. Dasselbe Madonnen-Abbild wie in Wolfratshausen steht seit 1895 vor dem Nonner Kircherl in Bad Reichenhall – es genießt Denkmalschutz. Dasselbe gilt laut Christian Steeb für den Marienbrunnen in der Wolfratshauser Altstadt. Dieser sei zwar nicht als Einzeldenkmal klassifiziert wie die benachbarte St.-Andreas-Kirche und das 1619 erstmals erwähnte Gasthaus Humplbräu. „Aber der Brunnen profitiert vom Ensembleschutz“, so Steeb.

„Was alt ist, hochwertig und gut, das muss erhalten bleiben“, meint Steinmetz Dirnberger mit Blick auf den Marienbrunnen. Den Vorschlag, ihn zu versetzen, hält der 78-Jährige, der sein Handwerk noch nicht an den Nagel gehängt hat, für „einen Blödsinn“. Er würde diesen Auftrag ablehnen. Dirnberger geht davon aus, dass der Brunnen, der mit einer Steinsäge in Einzelteile zerschnitten werden müsste, bei den Arbeiten schweren Schaden nimmt. Auch das Umsiedeln der Kalksäule plus Madonna und Jesuskind werde kein leichtes Unterfangen. Dirnberger: „Ich hoffe, wir haben 1988 so gute Arbeit vollbracht, dass Säule und Marienfigur nicht voneinander getrennt werden können.“cce

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