Jedes Jahr verlassen Mitglieder die evangelischen und katholischen Kirchen im Landkreis. 

Die Gründe sind vielfältig

Mehr Kirchenaustritte im Landkreis: „Das ist keine Abkehr vom Glauben“ 

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Mitglied einer Kirche zu sein, ist für viele nicht mehr selbstverständlich. Bei wachsender Gesamtbevölkerung sinken die Zahlen der beiden großen Kirchen in Bayern kontinuierlich. Auch im Landkreis sind im Jahr 2016 einige Mitglieder ausgetreten.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Es gab eine Zeit, da war die Zugehörigkeit zu einer Kirchengemeinschaft keine Frage. Das gesellschaftliche Leben spielte sich zwischen Taufe, Hochzeit und Beerdigung ab. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod war selbstverständlich. Heute ist das nicht mehr so.

Immer mehr Menschen kehren ihrer Kirchengemeinde den Rücken. In Bayern traten im Jahr 2016 rund 70 000 Menschen aus der katholischen beziehungsweise der evangelischen Kirche aus. Das waren zwar weniger als im Vorjahr. Doch „jeder ist zu viel“, sagt Pfarrer Georg März von der Katholischen Stadtkirche Geretsried. Die Entwicklung macht vor dem Landkreis nicht Halt. Vergangenes Jahr sind insgesamt 1306 Menschen aus der Kirche ausgetreten.

„Entfremdung schreitet voran“

Die Mitgliederzahlen der Pfarrei Heilige Familie in Geretsried „gehen leicht zurück“, sagt März. Etwas über 4500 Gläubige sind es. Zwar habe es im vergangenen Jahr sehr viele Taufen gegeben. Allerdings seien auch außerordentlich viele Mitglieder ausgetreten: 81, im Vorjahr waren es 66. Es sind aber nicht nur diese Zahlen, die März Sorgen machen. Am Rande der Fronleichnamsprozession beschwerte sich eine Geretsriederin bei der Polizei über die störende Lautstärke der „Demonstration“. Ein anderer Anwohner drehte Rockmusik auf, ein weiterer streckte sein entblößtes Hinterteil vom Balkon. „Dass die Entfremdung voranschreitet, merkt man immer mehr, wenn Umfragen zu Feiertagen gemacht werden“, sagt März. Wer keine kirchliche Sozialisation habe und keine Zeitung lese, sehe im Kalender zwar, dass Fronleichnam ist. „Er fragt aber nicht, was es bedeutet, und erfahren würde er es nur, wenn er in die Kirche kommen würdet.“

Die Entwicklung, dass weniger Menschen Kontakt zur Kirche haben, betrifft eher die Städte. „In kleineren Orten kann Kirche präsenter sein“, sagt Martin Steinbach, Dekan der evangelischen Kirche im Landkreis. Das bestätigt Pfarrer Willi Milz aus der Jachenau. Er betreut die katholische Gemeinde mit rund 800 Mitgliedern. 2016 ist niemand aus der Pfarrei ausgetreten – nur einer, der weggezogen ist.

In der Gemeinde verwurzelt sein 

„Bei uns ist es wichtig, in der Gemeinde verwurzelt zu sein, auch für die Jüngeren“, sagt Milz. Dennoch achte er darauf, mit den Gemeindemitgliedern ins Gespräch zu kommen. „Es sollten alle gut miteinander sein, und man sollte als Pfarrer bei den Menschen sein“, so Milz. Denn dass sich das kirchliche Leben verändert, spürt er auch in seiner Kirche. „Früher besuchten wahrscheinlich noch mehr Menschen den Sonntagsgottesdienst.“ Milz sagt aber, er habe Verständnis dafür: „Für das Familienleben ist auch wichtig, sonntags gemeinsam zu frühstücken.“

Auch Gerhard Beham, Katholischer Dekan in Wolfratshausen, legt Wert auf eine solide Seelsorge. „Ich glaube, wir sind erreichbar für die Menschen, die uns erreichen wollen“, sagt er. Dennoch hat auch er vergangenes Jahr wieder Mitglieder verloren. „Das ist meist ein längerer Entfremdungsprozess“, so Beham.

Zu konservativ oder zu liberal

Sein evangelischer Kollege Martin Steinbach macht verschiedene Gründe für Kirchenaustritte aus. Eine große Welle gab es, als Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekannt wurden. Das habe auch die evangelische Kirche gespürt, sagt Steinbach. „Manchmal sind es auch Vorurteile, die Kirche ist zu konservativ oder zu liberal.“ Häufig würden sich die Ausgetretenen die Kirchensteuer sparen wollen, die derzeit acht Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer beträgt. „Das ist keine generelle Abkehr vom Glauben, aber eine Abkehr von der Kirche“, sagt der Dekan. Wer austritt, bekommt einen Brief. „Darin klären wir über die rechtlichen Folgen auf“, sagt Beham. Zum Beispiel ist dann kein kirchliches Begräbnis mehr möglich. Er bietet in dem Schreiben auch ein Gespräch an. „Manche nehmen das Angebot wahr, die meisten aber nicht.“

Ein Austritt heißt nicht, dass derjenige nie wiederkommen darf. So gab es in den Kirchen im Landkreis auch Eintritte. Das evangelische Dekanat zählte im Vorjahr 54 neue Mitglieder; 14 traten vom katholischen Glauben über. „Das meiste waren aber Wiederaufnahmen“, sagt Steinbach, etwa wenn jemand Pate wird. Ihn freut das. „Für den Glauben braucht es Gemeinschaft. Das ist ein Stück Solidarität, die ich anderen entgegenbringe.“

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