Eine sogenannte Floßrutsche.
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Seit 1999 ungenutzt: Die Floßrutsche auf der Ostseite des Kastenmühlwehrs in Wolfratshausen.

Seit 2010 „Internationale Flößerstadt“

„Mir zu Ohren gekommen“: Altbürgermeister fürchtet Ende der Flößerei in Wolfratshausen

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Wolfratshausens Altbürgermeister Erich Brockard (83) fürchtet um ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt. Er hat seinem Amtsnachfolger einen ausführlichen Brief geschrieben.

  • Wolfratshausen ist seit 2010 internationale Flößerstadt.
  • Jetzt macht sich Altbürgermeister Erich Brockard (83) akute Sorgen um die Zukunft der Flößerei.
  • Aus diesem Grund hat Brockard seinem Amtsnachfolger einen Brief geschrieben.

Wolfratshausen/Lechbruck – Lange Zeit hielt sich Altbürgermeister Erich Brockard mit öffentlichen Äußerungen zurück. Doch nach seinem jüngsten Engagement für den Erhalt der Weidacher Grundschule und dem Vorwurf, dass seine Amtsnachfolger seine Idee von einem „Freizeitpark Wolfratshausen“ mit Spaßbad, Eissporthalle, Tiergarten und FKK-Strand nicht verfolgt hätten, hat der 83-Jährige nun erneut einen ausführlichen Brief an Rathauschef Klaus Heilinglechner geschrieben. Brockard fürchtet „das Ende der Flößerei“ in der Stadt, die seit 2010 den Titel „Internationale Flößerstadt“ trägt.

Ihm sei zu Ohren gekommen, dass die Floßrutsche am Kastenwühlwehr „beseitigt“ werden solle, schreibt Brockard, von 1966 bis 1978 ehrenamtlicher Bürgermeister von Weidach, im Anschluss bis 1990 Rathauschef in Wolfratshausen, seinem Amtsnachfolger. Darüber, so der Wahl-Allgäuer, sei ja im Stadtrat „schon gesprochen“ worden. Doch der Rückbau der Floßrutsche, so der 83-Jährige, wäre mutmaßlich nicht nur der Todesstoß für die hiesigen zwei Flößereibetriebe, sondern „vielleicht auch das Ende der viel zitierten Flößerstadt“. Auf der anderen Seite: In Brockards Augen wäre die „Beseitigung der Floßgasse“ am östlichen Loisachufer nur die konsequente Fortsetzung verkehrter Stadtpolitik: „Sofern ich das beobachten konnte“ beseitige beziehungsweise verpachte die Kommune gerne etwas, was viel Geld gekostet habe.

Rathauschef Heilinglechner widerspricht

„Es stand bisher nie zur Debatte, dass die Floßrutsche am Kastenmühlwehr beseitigt werden soll“, sagt Bürgermeister Heilinglechner auf Nachfrage unserer Zeitung. Im Gegenteil: Auf Antrag von Kulturreferent Alfred Fraas (CSU) sei geprüft worden, ob die seit 1999 ungenutzt Floßrutsche wieder instandgesetzt werden könnte. Fraas will die Flößerei in der Innenstadt wieder „erlebbar“ machen und hatte vor diesem Hintergrund angeregt, die inzwischen unbrauchbare Floßrutsche wieder gangbar zu machen (wir berichteten).

Heilinglechner hatte auf Beschluss des Stadtrates ein Ingenieurbüro für Wassertechnik mit der Prüfung des Vorschlags beauftragt. Das Ergebnis der 22 000 Euro teuren Untersuchung würde Radio Eriwan so zusammenfassen: Im Prinzip ließe sich die Floßrutsche „revitalisieren“ – sofern die Stadt bereit wäre, zu diesem Zweck sehr tief in die Tasche zu greifen. Die Flößereibetriebe haben bereits abgewunken. Sie halten nichts davon, künftig auch die Kurzstrecke zwischen dem Wertstoffhof und der Floßlände in Weidach zu bedienen. Fraglich ist laut Rathauschef zudem, ob übergeordnete Behörden Floßfahrten über die Loisach durch die Wolfratshauser Altstadt überhaupt erlauben.

Für Brockard indes ist die Rutsche, die seinerzeit umgerechnet 250 000 Euro gekostet hat und keine fünf Mal befahren wurde, „die Grundvoraussetzung“ für den Fortbestand der Flößerei. Der Altbürgermeister nimmt für sich in Anspruch, einer der Väter der Floßrutsche gewesen zu sein. Und er habe seinerzeit einen Hintergedanken gehabt, denn: Laut Brockard ist die Floßlände in Weidach, an der die Holzgefährte für die Reise nach München vorbereitet werden, nur „geduldet“. Das sei das Ergebnis eines Rechtsstreits, den Anwohner der Floßlände in den 1960-Jahren angezettelt hätten, denen der Lärm beim Zusammensetzen der Flöße zu viel geworden sei. Das Gericht habe schließlich ein „widerrufliches Duldungsrecht ausgesprochen“.

Für den Fall, dass dieses Recht durch erneute Beschwerden gekippt würde, sei es alternativ möglich, die Flöße auf Höhe des Wertstoffhofes zusammenzuhämmern – und dann über die Loisach, über die Floßrutsche in die Landeshauptstadt zu fahren.

Nachdem Anwohner und Flößer in den vergangenen gut 50 Jahren in friedlicher Koexistenz lebten, mag sich Rathauschef Heilinglechner am Rätselspiel „Was wäre wenn?“ nicht beteiligen. Ob der Stadtrat das notwendige Geld für die Instandsetzung der Floßrutsche bereitstelle, entscheide das Gremium. Heilinglechner gibt nur zu bedenken: „Sanierungsmaßnahmen und Unterhaltskosten liegen im sechsstelligen Bereich.“ (cce)

Lesen Sie auch: Böse Bescherung - Kostenexplosion bei Baumaßnahme in Wolfratshausen.

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