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So schaut es gerade bei Möbel Mahler aus: Der Ausverkauf ist im vollen Gang, einige Abteilungen leer. Manche Schnäppchen gibt's aber noch.

Sogar die Restaurant-Fritteuse ist weg

Ausgeräumt und ausgeträumt bei Möbel Mahler

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Wolfratshausen - Jetzt schließt Möbel Mahler in Wolfratshausen. Gerade tobt die letzte Rabattschlacht. Ein Abschiedsbesuch im Möbelhaus, in dem sich das halbe Oberland eingerichtet hat.

Alles muss raus. Auch die 2000 Euro teuren Doppelbetten, auf denen es sich einst die drei Nachtschwärmer gemütlich gemacht haben. Es war Wiesnzeit, Samstagfrüh, 9 Uhr. Stramm schwankend standen sie im Eingangsbereich bei Möbel Mahler in Wolfratshausen. Ihre Haferlschuhe waren schon lang nicht mehr zugebunden, die schwarzen Krachledernen hingen auf halb acht. Die Burschen, alle Mitte 20, waren die allerersten, nun ja, Kunden an diesem Tag. Schnurstracks taumelten sie nach ihrem Oktoberfestausflug die Treppen mit dem roten Teppich hinauf in die Schlafzimmerabteilung im zweiten Stock. Und auf den samtweißen Matratzen entschlummerten sie ins Reich der Bierseligkeit.

Hausleiter Martin Ziegler erzählt die Geschichte und lacht. Obwohl ihm nicht zum Lachen zumute ist. Seit 16 Jahren trägt er hier in Wolfratshausen, Hans-Urmiller-Ring 43, mitten im Gewerbegebiet, die Verantwortung. Er steht zwischen Vogelkäfigen, reduziert auf 49 Euro, und edlen, aber anscheinend schwer vermittelbaren Kronleuchtern für 598 Euro. Vor kurzem haben sie noch über 1100 Euro gekostet. Aber jetzt muss alles weg. Sogar der Möbelmarkt selbst.

Möbelhäuser laden zum Träumen ein

Ja, Möbelhäuser laden zum Träumen ein. Da geht’s vielen Kunden nicht anders als den müden Burschen von der Wiesn. In Möbelhäusern wird die Zukunft geplant, hier werden Lebensmodelle in Möbel gegossen. Das Ehebett, oder vielleicht doch die Ausweichcouch im Arbeitszimmer, das Kinderbett und der Schreibtisch zum Schulanfang. Wer ins Möbelhaus geht, macht ernst. Deswegen sind die Verkaufsgebäude, die aussehen wie kommunistische Regierungspaläste und überall rund um München stehen, emotionales Ausnahmegebiet. Zukunftsland. Streitland. Traumland.

Wolfratshausen und die Flößerei, Stoiber und Möbel Mahler gehörten zusammen

Totalausverkauf. Diese Frau hat eine Matratze aus einem der Muster-Doppelbetten gekauft.

In Wolfratshausen aber, da hat es sich nächste Woche ausgeträumt. Möbel Mahler in Wolfratshausen schließt – nach 34 Jahren. Schlussmit 30 000 Quadratmetern Erlebnisland, Schluss mit „größter Auswahl, kleinster Preis“, Schluss mit Rindsroulade für 4,95 Euro. Das Familienunternehmen, mit dem sich eine ganze Region identifiziert hat, sperrt zu. Wolfratshausen und die Flößerei, Edmund Stoiber, der Märchenwald und Möbel Mahler – das gehört einfach zusammen. Wirklich wahr: Ein Möbelhaus kann der kleinste gemeinsame Nenner einer Region sein. Aber jetzt ist Totalräumungsverkauf, Rabattschlacht.
 
Die braune Markencouch kostet 7000 Euro weniger, die nussbraune Küchenzeile mit riesiger Granitarbeitsplatte sogar 60.000 Euro weniger. Ohne Witz: Die hat wirklich mal 71.392 Euro gekostet. So steht es jedenfalls auf dem pinkfarbenen Preisetikett. Da braucht es gar keine drei Wiesn-Mass, damit einem schwindelig wird. Hunderte Autos mit Miesbacher, Weilheimer und Lindauer Kennzeichen stehen draußen auf dem Parkplatz. Eine Woche vor dem endgültigen Aus, das nächsten Samstag sein soll, hupen und drängeln sich die Menschen.

Am 30. Januar sollte Schluss sein - doch das stimmt nicht

Möbel Mahler macht zwar damit Werbung, dass am heutigen Samstag Verkaufsende sein wird. Aber das ist ein kleiner, letzter Trick – um Kundschaft nach Wolfratshausen zu locken. Endgültig Schluss soll erst in einer Woche sein. Noch genug Zeit für Schnäppchenjäger. Die eilen drin in Scharen durch die fast leere Möbelausstellung, vorbei an den Restbeständen, die keiner mag: pinke Sofas, gelbe Sessel und grüne Sideboards. Sie wühlen in den Gruschtischen nach spottbilligen Teelichtern, Kunstblumen und Weingläsern. Krimskrams, den niemand braucht, aber jeder in Möbelhäusern kauft.

Mittendrin im Abverkaufstrubel: Der Juniorchef Michael Mahler

"Wir verkaufen alles bis auf den Beton." Juniorchef Michael Mahler (re.) und Hausleiter Martin Ziegler.

Mittendrin im Abverkaufstrubel steht Juniorchef Michael Mahler, 29, schwarzer Anzug, blaugepunktete Krawatte. „Bis auf den Beton“, sagt er in seinem schwäbischen Dialekt, „verkaufen wir alles.“ Sogar die Drehstühle, auf denen die Mitarbeiter beim Verkaufsgespräch saßen. Und die Fritteuse aus dem Panorama-Restaurant.
 
Michael Mahler hat schon als Schüler, mit 16, am Wochenende Möbel verkauft. Aber ein guter Verkäufer war er nie, sagt er, weil er immer zu lange beraten hat. Später schlug er einen Platz fürs Medizinstudium aus, studierte in Eichstätt Betriebswirtschaft und stieg ins Management bei seinem Vater ein. Schon am Anfang war er für den Einkauf verantwortlich – und lernte schnell. Zum Beispiel, dass gemusterte Möbel im Kolonialstil Ladenhüter sind. Vor drei Jahren hat er sie eingekauft, seit drei Jahren stehen sie im Möbelhaus. „Und wenn wir zusperren, werden sie immer noch da stehen“, sagt er und grinst. Eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Verantwortung, die er jetzt mit der Geschäftsaufgabe hat.

Die glorreichen Zeiten sind vorbei, die Großen fressen die Kleinen

Alles muss raus. Wirklich alles. Diese Couchen sind schon verkauft.

Die glorreichen Zeiten der Möbelhäuser in Familienhand sind vorbei, obwohl es im Umland gar nicht so schlecht lief. „Wir waren der Abfangjäger vor München“, sagt Michael Mahler. „Der Garmischer, der ist auf der A 95 nicht bis München gefahren, sondern zu uns.“ Aber für die Münchner selbst ist die Auswahl an Möbel-Paradiesen immer größer geworden. Sie fahren nicht mehr 30 Kilometer raus nach Wolfratshausen, sondern zu Höffner, XXXLutz, Segmüller und Ikea im Speckgürtel der Landeshauptstadt.
 
Der Markt ist in der Hand von Filialisten, die Großen fressen die Kleinen. Die kleineren Möbelhäuser erwischt es jetzt wie die Kramerläden vor 20 Jahren. Auch bei Mahler hat ein Großer zugeschlagen, die Immobilie hat die Familie an den österreichischen Giganten XXXLutz verkauft. Was am Standort passiert, weiß niemand. Angeblich.

Beim Schlussstrich hat Gerhard Mahler geweint

Den Schlussstrich hat Michael Mahler im November zusammen mit Vater Gerhard, 65, gezogen. Es war eine knallharte Entscheidung zweier Unternehmer. Gerhard Mahler hat geweint, als er den Mitarbeitern die Nachricht der Schließung überbrachte. In Wolfratshausen verlieren gut 200 Mitarbeiter ihren Job, im Stammhaus in Bopfingen in Baden-Württemberg sind es 340. Dort sperrt Mahler ebenfalls zu. Nur das Einrichtungshaus in Neu-Ulm, im September 2013 neu eröffnet, bleibt der Familie. Seit 1903 verkauft sie Möbel, erst in einer Schreinerei, später in bis zu vier Möbelhäusern. Nach jahrelanger Expansion muss sie wieder kleinere Brötchen backen.

Michael Mahler geht jetzt auf eine Mitarbeiterin zu, die einer Kundin gerade ein großes, graues Kissen in die Hand drückt. Seit über zehn Jahren arbeitet sie hier. Bis gestern im Mutterschutz, in den letzten Tagen wieder zurück. „Es gibt aber auch Mitarbeiter, die seit November krank sind“, sagt der Juniorchef. Die, die wirklich wollen, hätten schon eine neue Anstellung. Und auch die meisten Azubis, betont er immer wieder.

Am schlimmsten ist die Schließung des Panorama-Restaurants

Idyllischer Blick auf die Alpen: Manche kamen nur dafür ins Panorama-Restaurant.

Die Meldung vom Aus verbreitete sich rasend schnell. Fast schlimmer als die Schließung selbst war für viele aber das Aus des Restaurants mit Alpenblick im ersten Stock. Rentner kamen mittags gerne her, ließen sich die Sonne auf den Rücken scheinen und das Schnitzel schmecken. Das gab es auch schon mal für 2,95 Euro. Mit dem richtigen Coupon aus der Zeitung gab’s eine große Tasse Cappuccino für einen Euro noch dazu. Und ein Stück Käsekuchen. Das waren Lockangebote, klar. Aber sie funktionierten, weil die Kunden in einem Möbelhaus mehr als Möbel kaufen möchten.
 
„Sie wollen etwas erleben, eine gute Zeit haben“, sagt Michael Mahler. 2014 gab es zum Beispiel eine Hochzeitsmesse. Und eine Trachtenmesse in der Landhaus-Abteilung, die bis zum Schluss am besten lief. Die gläserne Wolfratshauser Geschäftsfassade ist schon lange nicht mehr modern, der Zahn der Zeit nagt seit der letzten Sanierung vor 14 Jahren am Gebäude. Damals haben sie einen neuen Komplex aufgemacht, Rolltreppen und Aufzüge wurden eingebaut. Zur Neueröffnung strömten die Menschen in Scharen ins Möbelhaus. Heute kommen nur noch so viele, wenn Räumungsverkauf ist. Die Wand ist verfärbt, und auf dem roten Teppichboden, der Orientierung bietet in dem schier unendlichen Wirrwarr aus Polstergarnituren und Wohnzimmerschränken, sind schon hunderttausende Kunden herumgetrampelt.

Die nächste Renovierung war schon geplant. Aber sie kommt nicht mehr

Die nächste Renovierung war schon geplant, der Stadtrat hatte einer beinahen Verdopplung der Verkaufsfläche auf 55 000 Quadratmeter zugestimmt. „Wir hätten jetzt eine zweistellige Millionensumme investieren müssen“, sagt Michael Mahler. „Und das wollten wir nicht mehr. Wir haben auch strategische Fehler gemacht.“ Das Geld steckt in der Neueröffnung in Neu-Ulm. Böse Zungen sagen: Mahler hat sich verhoben, er hat sich selbst kaputt gemacht. Heutzutage braucht es überall Touch-screens, iPad-Planungen, kostenfreies Wlan. Das kostet Geld, erklärt der Unternehmer, der noch mit einem schwarzen Klapphandy telefoniert. Und der die Einrichtung seiner Ulmer Wohnung vom Vorbesitzer übernommen hat – „inklusive einiger Ikea-Möbel“, sagt er ohne schlechtes Gewissen.

Ein schlechtes Gewissen, das haben die Nachtschwärmer übrigens schon bekommen, als sie vor acht Jahren aus ihren Träumen in der Schlafzimmerabteilung hochschreckten. Es hatte sich schnell herumgesprochen in Wolfratshausen, dass da drei Burschen ihren Rausch ausschlafen. Nach drei Stunden standen die Freundinnen an den Betten. Sie schimpften und fluchten. Hausleiter Ziegler hat alles live mitbekommen. „Die Frauen haben die Männer ganz schön rausgestaubt“, sagt er. „So was vergisst man nicht.“ Es waren schöne Träume, die böse endeten. Das passiert hier im Gewerbegebiet gerade wieder.

dor

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