1. Startseite
  2. Lokales
  3. Geretsried-Wolfratshausen
  4. Wolfratshausen

Cannabis-Verbot auf der Kippe: So reagieren Experten auf mögliche Legalisierung

Erstellt:

Von: Jannis Gogolin

Kommentare

Person dreht Joint
Ganz legal einen Joint drehen, das will die Bundesregierung zum Jahr 2024 ermöglichen. © dpa

Die Bundesregierung strebt für 2024 die Legalisierung von THC-haltigem Hanf an. Von Seiten der Polizei gibt es jedoch „unzählige offene Fragen“.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Seit fast 100 Jahren ist das umstrittene Rauschmittel Tetrahydrocannabinol, kurz THC, in Deutschland verboten. Bald könnte sich das ändern. Auf überraschende Initiative von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) arbeitet die Bundesregierung an einer Legalisierung des psychoaktiven Hanfs, besser bekannt als Cannabis, bis zum Jahr 2024.

Cannabis-Verbot auf der Kippe: So reagieren Experten auf mögliche Legalisierung

„Einen großen Wurf“ nennt das Jakob Koch, Grünen-Kreisrat, Gemeinderat und Jugendbeauftragter in Eurasburg. Er sei zuversichtlich, dass der Vorstoß auch das Ziel trifft, sprich Cannabis aus der Sphäre des Illegalen holt. „Alle Regierungsparteien wollen es“, sagt Koch. Das einzige Hindernis könne die Zustimmung des Bundesrats sein. „Es wird Kompromisse geben. Aber objektiv steht der kontrollierten Abgabe von Cannabis nichts im Weg. Darauf vertraue ich.“

Aktuelle Nachrichten aus der Region Wolfratshausen/Geretsried lesen Sie hier

Grünen-Kreisrat Koch wünscht sich offenen Umgang mit dem Rauschmittel THC

Gegen das rigorose Verbot der THC-haltigen Pflanze spricht für Koch vieles: zu starkes oder gestrecktes Cannabis auf dem Schwarzmarkt, die „ineffektive Kontrolle des Konsums durch Verbote“ sowie die „Kriminalisierung der einfachen Konsumenten“. Daneben kritisiert der Grünen-Politiker die ungenügende Aufklärung. „Es ist nie gut, etwas aus ideologischen Gründen zu verbieten.“ Wie bei Bier und hartem Alkohol müsse man mit dem Thema Cannabis offen und ohne dogmatische Verbote umgehen, so Koch.

Cannabis im Straßenverkehr: Vergleich mit Alkohol nur bedingt möglich

Der direkte Vergleich von Alkohol und Cannabis hinkt für Hauptkommissar Robert Kremer. Er ist seit 2004 Sachbearbeiter für Rauschgift bei der Geretsrieder Polizei und steht der Legalisierung kritischer gegenüber. Insbesondere bei THC im Straßenverkehr „gibt es noch unzählige offene Fragen“, sagt Kremer etwas resigniert. Um den psychoaktiven Wirkstoff nachzuweisen, braucht die Polizei bisher noch eine Blutentnahme. Anders als beim Atemalkohol-Test ist dies aber ein „Eingriff in die körperliche Unversehrtheit“ und deutlich aufwendiger für Polizei und Betroffene. „Die Führerscheinstelle hat uns schon kontaktiert, um über einen möglichen Umgang mit Cannabis-Konsumenten zu beraten. Aber wir können da bisher noch keine Lösung bieten“, sagt der Hauptkommissar.

Polizei prognostiziert abnehmendes „Unrechtsbewusstsein“ bei Jugendlichen

Kremer sieht außerdem im Jugendschutz Nachbesserungsbedarf. „Das Unrechtsbewusstsein bei Minderjährigen wird höchstwahrscheinlich abnehmen, wenn es alle anderen konsumieren dürfen“, vermutet er. Darin liege eine große Gefahr. Cannabis sei medizinisch erwiesen schädlich für das Gehirn von Heranwachsenden, betont Kremer. „Mit dem Status quo wird das einfach richtig schwierig. Da muss noch einiges passieren.“

Mobile Jugendarbeit: Legalisierung könne offeneren Umgang mit Konsum ermöglichen

Patrick Schmook vom Geretsried Trägerverein für Jugend- und Sozialarbeit kann beide Seiten verstehen. Sein Job ist die sogenannte „aufsuchende Jugendarbeit“ – also auf Jugendliche und junge Erwachsene zuzugehen, mit ihnen zu sprechen und gegebenenfalls bei Problemen zu unterstützen. Schmook kennt die Gefahr, die von dem psychoaktiven Hanf ausgeht – besonders bei Jugendlichen. Bis junge Menschen sich jedoch trauen, über ihren Cannabis-Konsum reden, bräuchten sie oft lange. „Da steht dann schnell eine potenzielle Strafverfolgung im Raum, obwohl ich eine Schweigepflicht habe“, sagt der mobile Jugendarbeiter. Diese „Tabuisierung“ könnte mit einer Legalisierung abnehmen und „mehr Raum für Prävention und Aufklärung“ schaffen. Denn nach Schmooks praktischer Erfahrung gibt es, „wenn der Groschen gefallen ist, dass ich sie nicht bei der Polizei verpfeife, enormen Redebedarf“.

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter.

Auch interessant

Kommentare