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Ein wahrhaft internationaler Klangkörper: die Neue Philharmonie München unter der Leitung von Yoel Gamzou. 

Neue Philharmonie München

Musik ohne Grenzen

Wolfratshausen – Die Neue Philharmonie brilliert mit einer Uraufführung eines Cellokonzerts und Mahlers Neunte in der Loisachhalle.

Ein Beginn wie im „Tatort“. Ein Schuss, dann Nacht. Furios, laut, und von Anfang an mit der Dominanz des Cellos brillierte der internationale Klangkörper, die Neue Philharmonie München, unter der Leitung von Yoel Gamzou mit der Uraufführung von Michael Gregor Scholls „Concert für Violoncello und Orchester“. Bisweilen fühlte man sich am Dienstagabend in der Loisachhalle an Hitchcocks „Psycho“ erinnert. Hinzu kamen Assoziationen an Dampfloks, die den Berg hinauf schnaufen, oder an plätschernde Gebirgsbäche. Neben den sieben Kontrabässen gab vor allem der in Sofia geborene Cellist Stefan Hadjiev musikalisch und mimisch alles an Konzentration und Hingabe.

Vom Satzaufbau her traditionell, wirkt Scholls Werk doch fremd und schwer. Yoel Gamzou am Pult entpuppte sich dabei als seltener Glücksfall: Begeistert von Mahler und an diesem geschult, meisterte er mit seinem wahrhaft europäischen Orchester alle Klippen und Falltüren in Scholls Komposition – in der Tat ein Musikbesessener, der Zuhörer wie Musiker gleichermaßen fasziniert. Es war ein ganz einmaliges Erlebnis, den Gesängen und Worten des Cellos zu lauschen und dabei im Gesicht des Cellisten zu lesen wie in einem offenen Buch. Nicht zuletzt die Musiker freuten sich wie die Schneekönige über diese gelungene Erstaufführung.

Nach der Pause dann Mahlers Neunte: Nach gemächlichem Beginn steigern sich Instrumentierung und Lautstärke schnell ins schier Unermessliche, um sich dann wieder zu beruhigen und gemächlich dahinzuplätschern. Die Dominanz von Bläsern und Streichern wurde plötzlich vom gesamten Orchester durchbrochen und steigerte sich zu einem lauten Crescendo, das den Lärm und die Vitalität der „Roaring Twenties“ vorwegnahm. Manches erinnerte an Gershwin oder Wagner, doch ist der Mahler-Ton des Morbid-Melancholischen immer gegenwärtig und man sieht vor seinem inneren Auge Thomas Manns „Tadziu“ am Lido Venedigs flanieren.

Dann folgte der zweite Satz im Tempo eines gemächlichen Landlers wie ein heiteres Dorffest, um aber bald schon wieder zu verfremden. Der dritte Satz (Rondo-Burleske) dagegen kam kräftig, laut, lebhaft – wie Großstadt-Getümmel zur Rush-Hour. Sehr modern ist Mahler hier seiner Zeit wieder weit voraus: Es schmiegen sich sanfte, schmeichelnde Sequenzen ins Herz des Hörers, gleichsam als Überleitung zu einer Reise in eine andere, friedliche Welt: Die Sphäre des vierten und letzten Satzes (Adagio), der ein einziger Abschied ist: leise, nicht ohne Schmerzen, aber versöhnt mit der Welt. In jeder Passage schwingen Wehmut und Trauer über das, was zurückbleibt: Alle Schönheit dieser Welt in Töne gegossen – Herz und Seele werden wie von Zauberhand aufgeschlossen. Und ganz nebenbei feiern die Kontrabässe (darunter Markus Baumann aus Egling) Weihnachten und Geburtstag in einem.

Alles endet mit einer Gondel, die leise aufs Meer hinausfährt und entschwindet. Im Applaus streift Gamzou durch sein Orchester, gratuliert seinen Musikern, drückt viele Hände. So muss es sein – so schön kann Musik sein, ganz ohne Worte verstehen sich alle Menschen. Das tut gut in Tagen wie diesen.

Dieter Klug

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