Eine kleine Statue der Justitia und Akten
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Eine Mutter stand in Wolfratshausen vor Gericht. Sie war mit ihrer Tochter vor den Behörden nach Tschechien geflüchtet.

Prozess am Amtsgericht

Mutter flüchtet mit Tochter (13) vor Erziehungsanstalt - Richter spricht von „Drama“

Eine Mutter hat quasi ihre eigene Tochter (13) nach Sachsen an die tschechische Grenze entführt. Dafür stand sie nun in Wolfratshausen vor Gericht.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ein 13-jähriges Mädchen soll in einer Rehabilitations- und Erziehungseinrichtung untergebracht werden. Die Mutter will das verhindern, flüchtet mit dem Kind nach Sachsen. Nun musste sich die Industriekauffrau (57) wegen Entziehung Minderjähriger vor dem Wolfratshauser Amtsgericht verantworten. Sie wurde zu einer Haftstrafe von drei Monaten mit Bewährung verurteilt. Ein mitangeklagter arbeitsloser Dreher (59) wurde wegen Beihilfe zu 90 Tagessätzen zu je 15 Euro verurteilt.

„Das war eine absolute Verzweiflungstat“

„Richtig ist, dass ich am 7. November 2018 mit meiner Tochter die Flucht angetreten habe“, bestätigte die Angeklagte, die in einer Gemeinde im nördlichen Landkreis lebt. „Das war eine absolute Verzweiflungstat.“ An jenem Tag sollte das Mädchen – gegen seinen Willen, wie die Mutter betonte – von ihrem Ergänzungspfleger abgeholt und zu einer Einrichtung in Berchtesgaden gebracht werden. Der vom Gericht eingesetzte Sozialarbeiter war für „Aufenthaltsbestimmung, Gesundheit und schulische Belange“ zuständig. Die Eltern haben somit das Recht zur Aufenthaltsbestimmung verloren.

„Ich wollte mit der Flucht erreichen, dass es meiner Tochter gut geht.“

Angeklagte Mutter vor Gericht

„Ich wollte mit der Flucht erreichen, dass es meiner Tochter gut geht“, sagte die Angeklagte. „Es wurden von der Behörde Entscheidungen gefällt, die dem Kindswohl nicht dienlich sind“, ergänzte der Vater des Mädchens. „Ihr Wille, bei den Eltern bleiben zu wollen, wurde nicht respektiert. Ich habe den Plan zur Flucht ganz klar unterstützt.“ Deshalb hatte er an jenem Tag den Sozialarbeiter angerufen und behauptet, das Mädchen sei weggelaufen. Tatsächlich saßen die drei da schon im Auto nach Sachsen.

Festnahme auf einem Autobahnrastplatz

Dort lebten Mutter und Tochter zwei Monate lang bei dem Mitangeklagten. In einem Dorf nahe der tschechischen Grenze. Über Bekannte hatte die Frau von einem Verein erfahren, von dem sie sich Hilfe erhofften. Sie habe sich frei im Dorf bewegt. Jeder dort habe ihre Geschichte gekannt, mit der sie sich zwischenzeitig an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt hatte. Da fahndete bereits die Polizei nach Mutter und Tochter, hörte deren Telefone ab. So bekam die Kripo mit, dass die Mutter plante, über die Grenze nach Tschechien zu gehen, wo sie am 6. Januar 2019 eine Pension für eine Woche buchte. Einen Tag später gegen drei Uhr in der Nacht wurden die Angeklagten und das Mädchen in der Nähe von Chemnitz auf einem Autobahnrastplatz festgenommen.

„Tschechien war eine Schnapsidee, deshalb habe sie den Plan gleich wieder verworfen“, beteuerte die Frau. In jener Nacht sei sie auf dem Rückweg nach Bayern gewesen, weil sie die Aussichtslosigkeit ihrer Aktion erkannt habe. Dafür sprach laut Verteidiger die Route, die die Angeklagten genommen hatte. Sie führte weit weg von der tschechischen Grenze. Die Frage, warum die Polizei, die seit Mitte November 2018 den Aufenthaltsort von Mutter und Tochter kannten, trotz gerichtlich verfügtem Herausgabebeschluss nicht früher zugegriffen hatten, blieb unbeantwortet.

Mädchen möchte zurück zu Mama und Papa

„Es ist ein Drama“, fasste Richter Helmut Berger am Ende der Beweisaufnahme zusammen. Am meisten leide daran das heute 15 Jahre alte Mädchen. „Es geht ihr nicht gut. Sie kann sich nicht auf die Klinik einlassen, möchte zurück zu Mama und Papa“, berichtete der Ergänzungspfleger. „Mein Eindruck ist: Sie sitzt dort ihre Zeit ab.“ Das Gericht sah den Anklagevorwurf als erwiesen an. Verteidiger Georg Schulte hatte einen Freispruch gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Rudi Stallein

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