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Nach 50 Jahren: Das Ewige Licht ist erloschen - ein Schlitzohr hatte es stibitzt

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Von: Sabine Hermsdorf-Hiss

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Olympiaberg mit Fackel
Auf dem Olympiaberg flammte die Olympische Fackel noch einmal auf © Sabine Hermsdorf-Hiss

Das olympische Feuer brannte seit 1972 in Hohenschäftlarn. Das IOC hat die Fackel zurück bekommen, 50 Jahre nach einem außergewöhnlichen „Diebstahl“.

Wolfratshausen/Schäftlarn – Ein halbes Jahrhundert brannte das Olympische Feuer im Haus von Franz Samuel in Hohenschäftlarn. Vor einem halben Jahrhundert, als die Fackelläufer auch Ebenhausen durchquerten, hatte er das Licht stibitzt und hielt es am Leben . Am Samstag, rund ein Jahr nach Franz Samuels Tod, hat seine Witwe Inge das Feuer an das Internationale Olympische Komitee (IOC) zurückgegeben.

Nach 50 Jahren: Das Ewige Licht ist erloschen - ein Schlitzohr hatte es stibitzt

„Ich denke, dass hätte meinem Mann gefallen“, sagt Inge Samuel, als Schwiegersohn Günter Deibel vorsichtig den Docht an die Flamme hält, um eine Kerze in der alten Sturmlaterne anzuzünden. Die gleiche Laterne übrigens, mit der Samuel gemeinsam mit seinem damals siebenjährigen Sohn Franz junior das Feuer nach Hause transportiert hatte. Als die Fackelläufer 1972 nach Ebenhausen kamen, hielt der Schäftlarner kurzerhand einen Span in die Flamme – und schon war der „Diebstahl“ vollbracht. Das Olympische Feuer brannte also bereits im Samuelschen Haus, noch ehe es Langstreckenläufer Günter Zahn im Olympiastadion ganz offiziell vor 85 000 Zuschauern entzündete.

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Samuel hütete das Licht in den folgenden Jahren wie seinen Augapfel. „Doch für uns, genauer meinen Sohn und meinen Schwiegersohn, wurde es jedoch immer schwieriger, es weiterhin zu pflegen“, begründet Inge Samuel ihren Entschluss. „Es war auf Dauer zu viel Verantwortung.“ Die Familie beschloss, es zurückzugeben.

Kurz darauf bekam Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Post aus der Isartalgemeinde. Inge Samuel schilderte ihm die Situation und Bach, dem die Geschichte des „Ewigen Lichts“ nicht unbekannt war, reagierte umgehend. Er lud Familie Samuel nach Lausanne ins Olympische Museum ein, um hier das Licht zu übergeben. Doch gemeinsam mit dem Licht in die Schweiz zu reisen, das konnte sich die Witwe nicht vorstellen. Man fand eine andere Lösung: Eine der Original-Fackeln von 1972 sollte noch einmal mit dem Samuelschen Feuer auf dem Olympiaberg entzündet werden und dann langsam erlöschen.

Franz Samuel
Er hatte das Olympische Feuer stibitzt: Franz Samuel © Sabine Hermsdorf

Geretsrieder Firma Tyczka entwickelte das Olympische Feuer

Und hier kam das Industriegas-Unternehmen Tyczka in Geretsried ins Spiel. Als Dr. Hans-Wolfgang Tyczka, Kopf der Unternehmensgruppe, im Radio von der Vergabe der Spiele nach München gehört hatte, gab er sofort in seiner Firma den Auftrag, Stadion- und Handfackeln zu entwickeln. Der Rest ist Geschichte.

Natürlich sagte Familie Tyczka – Hans-Wolfgang, Ehefrau Sieglinde und Sohn Frederick Tyczka-Christoph – sofort ihr Kommen zu, als sie von den Plänen Inge Samuels erfuhren. Die Schäftlarner sind für den Unternehmer keine Unbekannten. Tyczka besuchte Samuel und sein Olympisches Feuer 2008 höchstpersönlich. „Für mich gab es keinen Zweifel, dass hier immer noch die Flamme von 1972 brennt“, bestätigt er.

IOC erhält Olympische Fackel zurück

„Es ist ein emotionaler Augenblick“, begrüßte Jochen Färber, Chef der Olympic Channel Services SA, die Anwesenden auf dem Olympiaberg mit Blick auf das Stadion. Inge Samuel erinnerte an die Begeisterung, mit der ihr Mann das Licht gepflegt hatte. Ein Punkt, den Sohn Franz nur unterstreichen konnte. „Als er einmal eine Blinddarmentzündung hatte, bat er die Sanitäter, mit dem Transport zu warten – er müsse erst noch das Öl für sein Licht auffüllen.“

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„Ich bin sicher, dass er jetzt hier bei uns ist“, sagt Inge Samuel und deutet auf das Foto, das sie neben der nun entzündeten Fackel aufgestellt hat. „Sie brennt in unserem Inneren weiter.“ Das Olympische Feuer stehe für Mut und Ausdauer, „ist ein Zeichen für die Jugend“.

Dann ist es soweit: Inge Samuel dreht langsam den Gashahn zu. Um 19.51 Uhr ein letztes Flackern, dann ist die Flamme erloschen. Der Witwe ist die Ergriffenheit anzusehen. „Ich bin dankbar, dass es so wunderschön abgelaufen ist“, sagt sie und lächelt kurz nach oben, in Richtung Himmel. „Mein Mann braucht die Olympische Flamme ja nicht mehr – er hat bereits da oben das Ewige Licht.“

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