Thomas Albert und Markus Roese sitzen vor ihren Wohnmobilen
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Gutachter im Feierabend-Modus: Thomas Albert (li.) und Markus Roese arbeiten im Hagelschaden-Zentrum im Wolfratshauser Gewerbegebiet – und leben in den nächsten Wochen im Wohnmobil.

Nach Hagel-Unwetter

Im Wohnmobil ins Katastrophengebiet - Zwei Hageljäger in Wolfratshausen

  • VonDominik Stallein
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Katastrophen sind für Thomas Albert und Markus Roese schnöder Berufsalltag. Die beiden reisen mit ihrem Wohnmobil verheerenden Gewittern hinterher. Momentan sind die beiden in Wolfratshausen.

Nach der Katastrophe rücken sie aus – egal wohin. Thomas Albert und Markus Roese sind Schadengutachter. In Wohnmobilen reisen sie dorthin, wo es zuvor heftig gekracht hat. Im Moment stehen die beiden Teilzeit-Camper auf dem Parkplatz unserer Redaktion – und kümmern sich um Hagelopfer.

Wann immer es eine Unwetterkatastrophe gibt, packen sie ihre Wohnmobile

Sie kochen und essen zusammen. Manchmal führen sie gemeinsam Elmo, Roeses Hund, aus. „Wie ein Ehepaar“, sagt Thomas Albert und lacht. Vor allem aber arbeiten sie miteinander. Albert (58) und Markus Roese (45) sind Gutachter. Ihre Spezialität: Hagelschäden. Wann immer es eine Unwetterkatastrophe gibt, packen sie ihre Fahrräder in ihre Wohnmobile, kramen Kleidung für einen Monat aus dem heimischen Schrank und machen sich startklar für den Trip ins betroffene Gebiet. Seit etwa zwei Wochen haben der Kölner Albert und der Magdeburger Roese einen neuen Einsatzort: Im Wolfratshauser Gewerbegebiet inspizieren sie Autos, nur 20 Meter von ihren Reisemobilen entfernt.

Die beiden sind viel herumgekommen. Immer den Unwettern hinterher

Dass nach einem heftigen Hagelschlag Mitarbeiter aus ganz Deutschland ausrücken, ist normal. „Die Niederlassungen vor Ort sind im Normalfall immer ausgelastet – so eine Menge an zusätzlichen Gutachten schaffen sie nicht alleine“, erklärt Roese. Etwa 30 Sachverständige der Dekra-Versicherung – ihr Arbeitgeber – reisen dann von ihren Filialen aus in die Katastrophenregionen. Anders als ihre Kollegen sind Roese und Albert trotzdem: Zum einen nutzen sie ihre privaten Wohnmobile, statt sich auf Firmenkosten in ein Hotel einzuquartieren. Zum anderen sind die beiden seit 2013 nach jedem Großschadensereignis gemeinsam losgefahren. In Wolfsburg waren sie, oder 2019 in Germering. „Wir sind viel rumgekommen“, sagt Albert – immer den Unwettern hinterher.

Beide machen den Job seit Jahrzehnten – Roese in einer Dekra-Niederlassung in Magdeburg, Albert seit über 30 Jahren in Köln. Von gemeinsamen früheren Außeneinsätzen kennt sich das Duo gut. Irgendwann zwischen Expertise und Mittagspause kamen sie mal ins Plaudern. Und dann stellten beiden fest, dass so eine Reise in den eigenen rollenden vier Wänden doch schöner ist als Übernachtungen im günstigen Business-Hotel. Für ihren Arbeitgeber ist die Mobilität der beiden eine Erleichterung. „Man muss uns kein Zimmer bezahlen“, sagt Albert. „Wir haben unseren Schlafplatz dabei und sind auch sonst recht pflegeleicht.“ Er schmunzelt. „Sogar das Hundefutter für Elmo nehmen wir selber mit.“

Es ist wichtig, dass die Leute ihre Autos so schnell wie möglich wiederkriegen. Wir können helfen. Dann machen wir das eben

Thomas Albert

In Wolfratshausen inspiziert das Duo Autoscheiben sowie Dellen in Dächern und Motorhauben. Um die 15 Gutachten schreiben beide pro Tag. Wie lange sie hier beschäftigt sein werden, ist unklar. „Erst einmal sind drei Wochen geplant“, sagt Roese, „wahrscheinlich bleiben wir länger.“ Ihre Wohnwagen lassen sie so lange in der Loisachstadt stehen, bis sie den riesigen Stau an Schadensautos, deren Besitzer auf einen Termin warten, bewertet haben. „Es ist wichtig, dass die Leute ihre Autos so schnell wie möglich wiederkriegen“, meint Albert. Auch, wenn er dafür über 600 Kilometer fahren muss. „Wir können helfen. Dann machen wir das eben.“ Als Camper ist man Pragmatiker. Albert hört man das bei solchen Sätzen an.

Man braucht Spontaneität als Hageljäger - „und eine verständnisvolle Frau“

Zwei, manchmal drei Monate pro Jahr sind die beiden Gutachter unterwegs. Manchmal bleibt das Wohnmobil aber auch lange in der Garage. Roese: „Es hängt alles vom Wetter ab.“ Sobald das aber extrem wird, muss es schnell gehen. Dann müssen beide für Wochen, bisweilen für Monate los. Was wichtig ist für den Job? „Spontaneität – und eine verständnisvolle Frau“, sagt Roese. Obwohl: Diesmal war das laut Albert gar nicht nötig. „Nach 15 Monaten Corona, wo man sich ständig auf dem Schoß gesessen ist, tut es schon mal ganz gut, wenn man rauskommt. Das wollen doch alle im Moment.“

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Am Wochenende erkunden die Spezln die Region

Von einer Urlaubsreise hat ihr Aufenthalt in der Loisachstadt aber höchstens am Wochenende etwas. Da bereisen die mobilen Experten mit ihren Wohnwagen die Region, besuchen zum Beispiel die Therme in Erding. Und nach Feierabend schwingen sie sich am liebsten auf ihre Fahrräder, radeln um den Starnberger See oder nach Geretsried. Oder sie setzen sich einfach vor ihre mobilen Heime, Albert köpft eine Flasche Kölsch, und die beiden plaudern: über den Arbeitstag, die Kunden – über alles, was ihnen halt so durch den Kopf geht. „Mit den gemeinsamen Jahren hat sich eine richtig tiefe Freundschaft entwickelt“, sagt Roese. Und schwere Unwetter bringen die beiden Spezl immer wieder zusammen.

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DOMINIK STALLEIN

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