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Mädchen oder Bub? Wolfratshausen oder Starnberg? Die Frage, wo ihr Kind zur Welt kommen soll, beschäftigt Eltern in zunehmenden Maße. Grund ist die Schließung von Geburtshilfeabteilungen wie der in Bad Tölz. 

Nach Schließung der Tölzer Geburtshilfe

Wo bekommen Mütter aus dem Landkreis ihre Kinder?

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Nachdem die Geburtshilfe in Bad Tölz geschlossen wurde, müssen sich Eltern nun entscheiden: Agatharied, Wolfratshausen, Starnberg, Garmisch-Partenkirchen oder München? Wir haben recherchiert, wo Mütter aus dem Landkreis nun ihre Kinder bekommen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Vitus soll er heißen. Das weiß Johanna März, seitdem der Arzt auf dem Ultraschallbild gesehen hat, dass ihr zweites Kind ein Bub ist. Was sie nicht weiß: Wo Vitus in zwei oder drei Wochen auf die Welt kommen wird. „Ich habe mich sicherheitshalber in zwei Kliniken angemeldet“, sagt die 29-jährige Lenggrieserin: „In Garmisch und in Agatharied. Wohin wir fahren, entscheiden wir dann je nach Verkehrslage.“ Ein bisschen Angst habe sie schon, meint sie, dass sie es nicht rechtzeitig schaffen. Denn an sonnigen Wochenendtagen müsse man unter Umständen auf beiden Strecken mit Stau rechnen.

Bis zu 60 Kilometer Anreise

Agatharied, Wolfratshausen, Starnberg und Garmisch – das sind die Alternativen, die werdenden Müttern aus dem Landkreis nach dem Aus der Geburtshilfeabteilung in Bad Tölz zur Entbindung bleiben. Je nach Wohnort nehmen sie damit bis zu 60 Kilometer Anreise in Kauf. Bis nach München fahren nur sehr wenige, sagt Doris Wallé, ehemalige Beleghebamme in der Tölzer Asklepios-Klinik. Sie betreut Frauen aus der Umgebung vor und nach der Geburt.

Etwa 550 Kinder erblickten jährlich das Licht der Welt in Bad Tölz. Entsprechend mehr haben seit der Schließung der dortigen Geburtshilfe die umliegenden Stationen zu tun. In der Kreisklinik Wolfratshausen ist die Zahl der Entbindungen seit April auf fast das Doppelte gestiegen, berichtet Marlis Peischer, Pressesprecherin des Landratsamts: Insgesamt 53 Geburten waren es in den ersten drei Monaten des Jahres, von April bis Juni dagegen schon 104.

Im Oberland wird keine Frau abgewiesen

Im Krankenhaus Agatharied kommen seit April jeden Monat etwa 100 statt wie bisher knapp 80 Kinder zur Welt, meldet Dr. Stefan Rimbach, Chefarzt der Geburtshilfe-Abteilung. Nicht ganz so stark gingen die Zahlen in den anderen Entbindungsstationen in die Höhe: Die Kreisklinik Starnberg verzeichnet im Vergleich zum ersten Halbjahr 2016 laut Presseabteilung aktuell ein Plus von neun, das Klinikum Garmisch-Partenkirchen von fünf Prozent.

Anders als in München muss im Oberland jedoch keine Frau fürchten, unter Wehen von einer Klinik wegen Überfüllung abgewiesen zu werden. „Bei uns wird jede Schwangere angenommen“, lassen alle vier Kliniken verlauten. Eine festgelegte Obergrenze gebe es nicht, betont Carola Smala von der Kreisklinik Starnberg, in der vergangenes Jahr etwa 2700 Babys geboren wurden. Auch die anderen Kliniken wollen keine Prognose abgeben, wie viele Entbindungen sie zusätzlich noch verkraften können. „Bislang haben wir noch Kapazitäten frei. Wenn die Zahlen weiter steigen, wird angebaut“, meint Gudrun Stadler vom Klinikum Garmisch-Partenkirchen, die für 2017 mit knapp 1000 Geburten rechnet.

Arbeiten Wolfratshausen und Starnberg künftig enger zusammen?

In Wolfratshausen wird darüber nachgedacht, die Belegabteilung in eine Hauptabteilung mit festangestellten Ärzten umzuwandeln und die Kooperation mit Starnberg auszubauen. In Agatharied wurde vor kurzem bereits ein zusätzlicher Kreißsaal in Betrieb genommen, um das Mehr an Geburten zu bewältigen. Auch neue Räume für die Betreuung schwangerer Frauen sowie vier zusätzliche Betten auf der Station seien geschaffen worden, berichtet Rimbach. „Und es kommen noch weitere Betten dazu, die Umbauten laufen gerade.“ Das Personal wurde ebenfalls aufgestockt.

Aller Voraussicht nach wird es für die Hebammen und Ärzte in der Region in Zukunft noch mehr zu tun geben: Zum 15. August schließt die Geburtshilfeabteilung in Bad Aibling, am 30. September auch die der Gräfelfinger Wolfart-Klinik. Das bedeutet zusammen rund weitere 1500 Entbindungen jährlich, die sich auf die umliegenden Kliniken verteilen. Ein Teil davon landet auch in Agatharied, Wolfratshausen und Starnberg, schätzt Doris Wallé. Der Trend zur Zentralisierung der Geburtshilfe geht damit ungebrochen weiter. In den vergangenen zehn Jahren beendeten nach Angaben des Bayerischen Hebammen-Landesverbands 35 Entbindungsstationen ihre Arbeit – trotz des anhaltenden Babybooms. Als Grund wird meist Personalmangel angegeben.

Verlagerung der Geburtshilfe ist „das Schrecklichste, was ich mir als Hebamme vorstellen kann“

Für Wallé ist die zunehmende Verlagerung der Geburtshilfe in Häuser mit 2000 oder mehr Babys pro Jahr „das Schrecklichste, was ich mir als Hebamme vorstellen kann“. So könne eine Frau nicht individuell betreut werden. „Viele Mütter erzählen im Nachhinein, sie hätten sich über weite Strecken alleine und überfordert gefühlt“, so ihre Erfahrung. Auffällig findet sie auch, dass viele schon am zweiten Tag nach der Entbindung entlassen werden. „Da kommen dann zu Hause mehr Probleme auf sie zu, beim Milcheinschuss zum Beispiel.“ Früher sei ein Klinikaufenthalt von vier Tagen normal gewesen.

Trotzdem ist „das Oberland in Sachen Geburtshilfe noch eine gesunde Umgebung“, betont sie. In München herrschten deutlich schlimmere Zustände. Auch Johanna März ist sich sicher, dass sie bei Vitus’ Geburt gut versorgt wird – wenn sie rechtzeitig in der Klinik ankommt. Ihre Hoffnung ist, dass sich ihr zweites Kind nachts auf den Weg macht. Damit sie keine Angst haben muss, mit Wehen im Stau zu stehen.

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